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24.10.2018

Was der FC Bayern kann,
kann die Formel 1 schon lange


Reisen nach Mexiko sind immer ein ganz besonderes Abenteuer. Die Angst vor Montezumas Rache – dem gefürchteten Dauerdurchfall durch verdorbene Lebensmittel – fliegt immer mit. Deswegen beherzige ich seit jeher eine goldene Regel des kultigen GT-Sportwagenteamchefs Franz Konrad aus Gütersloh: Vor jeder Mahlzeit einen Tequila kippen, das desinfiziert.

Zwar bin ich von jahrelangen Boßelwettkämpfen mit dem BV Lütje Holt Westerende und vor allem von den Nachbesprechungen im Gasthof German einigermaßen gestählt. Doch um die Tequila-Diät schon vorm Frühstück durchzuhalten, muss man schon ziemlich alles Mögliche zusammenkneifen.

Und die Tequila-Diät treibt mitunter wunderliche Blüten. Bei einem großen gemeinsamen Abendessen mit Einheimischen und Deutschen im Rahmen der Formel E bestellte ich den Hochprozentigen vorm Essen bemüht dezent. Aber nicht leise genug, sodass einer der Mexikaner mit höchst erfreutem Blick exklamierte: „Tequila? Aaah, my German friend!“

Aber: Es hilft. Sowohl nach einem Besuch der Tourenwagen-WM in Puebla als auch beim letzten Aufenthalt in Mexiko-Stadt – bei der Formel E im Frühling – schauten um mich rum auffallend viele deutsche Kollegen reichlich verkniffen aus ihren aschfahlen Gesichtern. Und missverstanden mein aufmunterndes Lächeln viel zu oft als Schadenfreude.

Nach den letzten Wochen hat man das Gefühl: Ferrari hilft auch nur noch Tequila. Man kann den Italienern und Sebastian Vettel eigentlich nur wünschen, dass Lewis Hamilton in Mexiko-Stadt schon mindestens Siebter wird. Denn dann sind die Titelchancen von Vettel auch rein rechnerisch unter die Baumgrenze gefallen. Das krampfhafte Klammern an den kleinen Strohhalm der mathematischen Möglichkeiten hätte dann endlich ein Ende, und Ferrari könnte den Resetknopf drücken.

Je eher das passiert, desto höher die Chancen, dass das Kuriositätenkabinett der letzten Wochen systematisch aufgearbeitet wird. Vettel beteuert zwar, alles sei halb so wild und man hätte kein grundsätzliches Problem. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, vorgetragen im hehren Bemühen, sich schützend vor das Team zu stellen.

Vettel spürt zurecht, dass das nun bitter nötig ist. Denn traditionell gibt es bei Ferrari immer auch eine vierte Gewalt: die italienischen Medien. Die berichten deutlich bärbeißiger als die deutschen. Eine Neigung, die eigenen Akteure eher in Schutz zu nehmen, gibt es nicht.

Ebenso wenig ist allerdings auch eine Neutralität feststellbar, die man als Journalist ja eigentlich immer haben sollte. Italienische Reporter und Gazetten sind offen und ungehemmt Ferrari-Fans. Sie feiern die Roten, wenn es gut läuft – und sie zerreißen sie mit Häme und gnadenloser Kritik, wenn es schiefgeht.
In der zweiten Saisonhälfte 2018 ging bekanntlich fast alles schief, und deswegen prasselt es nur so auf die Macher in Maranello ein. Dass dabei übers Ziel hinausgeschossen wird, ist halt so.

In dem Zusammenhang fällt mir spontan die Pressekonferenz des FC Bayern ein. Über was die Bayernbosse sich da in Sachen Umgang mit den Medien beklagen, das ist für Ferrari gang und gäbe. Gleichzeitig ist es in der Formel 1 aber auch Usus, die Journalisten abzuwatschen – in mindestens jenem Stil, der die Kollegen aus der Fußballerabteilung bei der Bayern-PK so echauffiert hat. Solche wundersamen Ereignissen erlebt der Formel 1-Reporter an jedem Rennwochenende mindestens ein Mal.

Vor allem Toro Rosso-Teamchef Franz Tost hat ein völlig verqueres und weltfremdes Verhältnis zur Pressefreiheit. Und Ferrari hat sich schon lange vor der Krise einen Maulkorb auferlegt, außer nichtssagenden Pressekonferenzen ist der Kontakt zu Print- und Onlinejournalisten für alle Teammitglieder und Fahrer strikt untersagt, so will es die oberste Heeresleitung.

Teamchef Maurizio Arrivabene hat beim Ausgeben dieser Maxime wahrscheinlich schon geahnt, dass es eines Tages mit ihm rundgehen kann. Und der Begriff Lügenpresse gefällt ihm sicher auch. Nur: Das Schweigegelübde macht natürlich alles nur noch schlimmer. Denn irgendwie kommen zumindest die fachkundigen Journalisten im Fahrerlager trotzdem an ihre Informationen, und diejenigen, die nur an der Oberfläche kratzen, reimen sich halt was zusammen. Das ist oft befeuert vom Ärger über die Mauer des Schweigens. Der Presseboykott von Ferrari hat nun, in der Stunde höchster Not, zu einer unnötigen Verschärfung des Konflikts geführt. Am Ende wird es sicher personelle Konsequenzen geben. Aber das allein wird nicht reichen, um Ferrari aus dem Jammertal zu führen.


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