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13.11.2016

Warum Rosberg heute Weltmeister werden muss


Ich gebe es gern zu: Ich bin ein bisschen befangen. Ich hoffe, dass Nico Rosberg dieses Jahr Weltmeister wird. Am besten schon heute Abend.

Als junger Motorsport-Fan war ich begeistert von Keke Rosberg. Dass ich das Idol meiner jungen Jahre später persönlich kennenlernen durfte, ist eine jener Errungenschaften meiner Karriere, auf die ich ewig stolz und für die ich ewig dankbar sein werde, wenn ich im Alter mal meine journalistische Laufbahn Revue passieren lassen werde. Und als Keke-Fan hat mich unweigerlich auch die Karriere von Nico schon immer interessiert, selbst wenn ich erst zum ersten Mal mit ihm gesprochen habe, als er im Williams in der Formel 1 debütierte.

Nico und Keke sind zwei völlig unterschiedliche Menschen – auf den ersten Blick. Und dann wieder doch nicht. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden hat unser Mitarbeiter David Tremayne für die nächste Ausgabe von PITWALK fein herausgearbeitet. Denn er kennt Keke schon seit jungen Jahren und hat auch die Karriere von Nico in der Formel 1 von ganz nah bei verfolgt. Es gibt keinen besseren Journalisten, um diesen großen Typenvergleich zwischen Vater und Sohn Rosberg mit authentischem Leben zu erfüllen.

Aber: Wir müssen heute Abend die Druckfreigabe für die kommende Ausgabe erteilen, damit sie rechtzeitig in den Handel kommt. Also muss ein Balanceakt her, wie er für Magazin-Journalisten allzu oft vorkommt. Wir arbeiten mit zwei Versionen von Titelblatt und Inhalten: in einem Text ist Nico Rosberg schon Weltmeister, im zweiten müssen wir vage formulieren, weil die Entscheidung erst in Abhu Dhabi fällt – wenn wir schon am Markt sind.

Sobald in Interlagos die Zielflagge gefallen ist, drückt unsere Artdirectorin Daniela Kleber auf den Knopf für die richtige Version und schickt alle Dateien in Druck.

Natürlich wäre es schöner, wenn Rosberg schon als Weltmeister feststünde. Denn dann liest sich der Text einfach flüssiger als das zwangsweise holprig formulierte Vage. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich heute Abend für Rosberg bin:

Der Blick aus dem Pressezentrum von São Paulo ist immer wieder atemberaubend. Unter einem tut sich eine tiefe und schmale Boxengasse auf. Vis-à-vis türmen sich steile Tribünen auf wie in einer alten amerikanischen Baseball-Arena. Und in der Mitte, zwischen engen Betonmauern auf beiden Seiten, formt die Formel 1-Piste sich wie eine Bobbahn, in der die Grand Prix-Boliden mit mehr als 300 km/h vorbei rasen.

Die Scheiben des Pressezentrums sind so dünn, dass der Lärm sie zittern lässt – und gleichzeitig beinahe ungefiltert in den Arbeitsbereich von uns Journalisten weitergibt. Wer auf der anderen Seite zum Fenster rausschaut, der sieht, warum die Rennstrecke „Interlagos“ heißt – sie schlängelt sich zwischen zwei Seen entlang.
Ich bleibe dabei: Die brasilianische Metropole ist der beste Ort für ein Saisonfinale. Denn nirgends brodelt die Stimmung derart, nirgends pulsiert die Formel 1-Leidenschaft so sehr, nirgends erinnert die Atmosphäre so sehr an ein Fußball-Länderspiel wie rings um diese altehrwürdige Anlage.
Aber Interlagos beherbergt nicht den Endlauf, sondern das vorletzte Rennen. Das Finale steigt stattdessen auf der blutleeren Retortenpiste von Abu Dhabi. Der Ruf der Millionen hat den Ruf nach Faszination glatt niedergebrüllt.

Das stimmungsvollste Rennen, das ich als Formel 1-Reporter je erlebt habe, war der WM-Titelgewinn von Jenson Button 2009 in Interlagos. Da hat alles gepasst: Das Rennen war spannend, weil die kurze, aber dennoch schnelle, anspruchsvolle und in Passagen auch gefährliche Strecke einfach immer wieder für die Top-Action gut ist; die Begeisterung der Massen, die sich in die Box hinein unter den Teams fortgepflanzt hat; der Jubel der Brawn-Mannschaft in den engen Boxen; die emotional aufgeladene Pressekonferenz mit Button danach; die vielen Gespräche mit Teammitgliedern im Fahrerlager, über das schon finstere Dunkelheit hereingebrochen war.

Dieses Rennen gehört sicher zu denen, über die ich noch im hohen Alter am Kamin sagen werde: Ich bin froh, dabei gewesen zu sein. An Abu Dhabi – oder auch an den umgebauten Hockenheimring – habe ich keine solchen Erinnerungen.

Allein schon deswegen ist es Nico Rosberg zu wünschen, dass er den Titelsack am Sonntagabend zumacht. Denn auch wenn der Wiesbadener nach außen hin wirkt wie ein abgeklärter, aufgeräumter junger Mann ohne Gefühlsregungen, der sich in der Formel 1 so aalähnlich bewegt wie die meisten Fußballnationalspieler auf und neben dem grünen Rasen – Rosberg hat seine weiche Seite und obendrein ein großes Gespür für Atmosphäre, aber auch ein riesiges Interesse an der historischen Seite der Formel 1. Und die Geschichte ist im Autodromo José Carlos Pace auch immer dabei. Nicht zuletzt, weil alte brasilianische Superstars wie Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und Rubens Barrichello einem auf Schritt und Tritt im engen Fahrerlager begegnen.

Rosberg hat mich schon mal böse Lügen gestraft, als ich vor ein paar Jahren meinen ersten Auftritt als Formel 1-Experte im „ZDF-Morgenmagazin“ hatte. Damals ernannte ich ihn auf Nachfrage von Moderatorin Jessy Wellmer zum großen Nummer 1-Favoriten, weil er seinem Teamkollegen Lewis Hamilton mental überlegen sei. Diesen Widerstand haben Hamilton und Mercedes seinerzeit gebrochen; das wundert mich immer noch.

Um so mehr bleibe ich diesig bei meiner Meinung: Hamilton ist derjenige der beiden Fahrer, der von Natur aus einen Ticken später und härter bremsen kann; der sich näher an jene Grenze herantasten kann, an der er die Bremse wieder aufmachen muss, um kein Untersteuern und erst recht keine blockierenden Vorderräder zu riskieren. Das ist ein Talent, das beim Engländer ausgeprägter ist als bei jedem anderen Fahrer. Im Vergleich zu Rosberg ist es nur eine Nuance, denn auch der Sohn von Exweltmeister Keke Rosberg ist ein Ultraspätbremser, auch im Vergleich zu anderen Formel 1-Fahrern. Aber auf diesem extrem hohen Niveau zweier Ausnahmekünstler kann dieser Wimpernschlag auf der Bremse den Unterschied ausmachen.

Nur bleibe ich eben auch dabei: Es wird Hamilton dieses Jahr zum ersten Mal nix mehr nützen. Denn Rosberg hat sich über den Kopf einen Vorteil verschafft. Da kann Hamilton nicht mithalten. Zwei Matchbälle hat der Wiesbadener. Wenn die Technik nicht streikt, wird er allein wegen seiner geistigen Einstellung einen davon verwandeln.


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