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22.10.2021

Von Männern, Musik und Motoren


Es gibt zwei weit verbreitete Vorurteile, die einfach nicht stimmen. Das erste lautet, Männer seien alle gleich – und das zweite, alle Orte, in denen Rennstrecken stehen, seien alle gleich.

Für Europa mag das stimmen. Ob der Nürburgring, Oschersleben, Barcelona oder der Hungaroring – die meisten Pisten liegen fernab von Städten oder gar Metropolen, um sie herum gibt es nur Gegend. Mal schöner, wie die Eifel, mal trostloser – wie die Industriegebiete von Granollers bei Barcelona oder auch jenes bei Valencia.

Wie’s anders geht, zeigen immer wieder vor allem die Amerikaner. So auch an diesem Wochenende. In den Staaten schwappt der Motorsport seit jeher in Städte, in denen das Leben tobt. Austin an diesem Wochenende ist dafür ein Paradebeispiel. Die Rennstrecke selbst liegt zwar nicht in der Stadt. Man muss von Downtown etwa 20 Minuten Autofahrt einplanen, um die Gebirgskette Balcones Fault zu gelangen, wo sich im Travis County in South Central Texas dann die beeindruckende Berg- und Talbahn befindet. Aber hey: Das Motodrom Halbemond liegt auch nicht in Norden. Trotzdem wird die ostfriesische Küstenstadt landläufig als jener Ort genannt, in dem einst Egon Müller Weltmeister wurde – nicht das Dorf in der Marsch.

Amerikaner verstehen es wie kaum ein anderes Völkchen, eine Motorsportveranstaltung zu einem Happening zu machen. Austin gilt als „die Hauptstadt der Livemusik“. Das ist natürlich typisch amerikanische Übertreibung, schließlich wirft man da drüben gern mal mit Superlativen um sich: „Die Welthauptstadt des Motorsports“, so nennt sich Indianapolis, obwohl das dortige Ovalrennen, das Indy 500, eine Sonderform des Rennsports darstellt, die es nur in den USA überhaupt gibt. Und die Gewinner des Super Bowl im American Football – also dem Ballsport mit Ei, hohen Stangen und breitschultrigen Männern mit Schutzkleidung wie die GSG9 – sind auch immer gleich „Weltmeister“, obwohl es sich dabei nur um das Finale der NFL handelt.

Aber klappern gehört zum Handwerk, gerade in einem von Werbung geprägten Land wie den USA.

Das Abendprogramm in Austin, wo die meisten Teams und Mitglieder der arbeitenden Bevölkerung bei Autorennen auf dem Circuit of the Americas wohnen, hat es jedenfalls in sich. Direkt an der 6th Street wartet auf einen schon die Statue von Countrysänger Willie Nelson, der aus einem kleinen Dorf etwas weiter nördlich stammt. Der Vorreiter der Outlaw-Bewegung schaut einen aus seinem zerfurchten Antlitzt verschmitzt an, seine obligatorische Gitarre ruht lässig auf dem angewinkelten linken Oberschenkel – das Monument wirkt wie ein einladender Wachtposten vor dem Vergnügungsviertel, in dem bei Einbruch der Dunkelheit die vielen Backshops Platz machen für Kneipen, Klubs und Bars mit Livemusik, Bier und Steaks.

Die sechste Straße ist das hippe neue Ausgehviertel, doch wer die vibrierende Musikszene Austins wirklich kennenlernen möchte, sollte sich auch in die Dirty Sixth Street und die Eclectic East Side wagen.

Der Mix aus Country- und Rockmusik mit Autorennen ist so typisch amerikanisch wie das wässrig-labberige Bier und Riesenburger. Gerade in diesem Spätsommer erst haben die Amis in Nashville – der selbsternannten „Welthauptstadt der Musik“ – ein neues Stadtrennen für die IndyCar-Serie aus der Taufe gehoben. Der „Music City Grand Prix“ findet tatsächlich in den Innenstadt statt, in Laufnähe zu den Bars und Klubs von Downtown. Wie genau dort Nightlife und Musik mit Spills & Thrills auf der Rennstrecke verschmelzen, schildert der ehemalige Indy 500-Sieger Simon Pagenaud in seiner neuen Kolumne in der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK, die an diesem Wochenende bei allen Abonnenten und Vorabbestellern ankommen wird.

Nashville hat in den Augen von Pagenaud das Zeug dazu, in Sachen Prestige, Mythos und Freizeitwert zu Long Beach aufzuschließen – jenem Stadtrennen in dem kalifornischen Hafen, in dem der Ozeandampfer Queen Mary heutzutage als Hotel dauervertäut liegt und der schon seit jeher als das Paradebeispiel für Rennen in der City dient. Das Motto von solchen Events lautet: Man müsse das Rennen zu den Leuten bringen – und nicht die Leute zu den Rennen, wenn die irgendwo in der Landschaft stattfinden.

Es hat eine Weile gedauert, bis die Formel 1-Mächtigen dieses Prinzip verstanden haben. Zwar gibt’s Monaco schon eine halbe Ewigkeit, doch danach kam lange nichts Vergleichbares. Experimente mit Stadtrennen sind immer wieder gescheitert. Long Beach war mal Formel 1; die IndyCar hat das Prinzip und das Rennen dankbar übernommen, als die Grand Prix-Szene keinen Bock mehr hatte.

Doch jetzt vollzieht sich in der Formel 1 ein Gezeitenwechsel: weg vom elitären Dünkel, der Begehrlichkeiten wecken soll – hin zu einem Erlebnis, in das die Zuschauer eintauchen dürfen. Grad so, wie die IndyCar es schon immer gemacht hat. Offene Fahrerlager wie die IndyCars wird die Formel 1 nie bieten. Aber Rennwochenenden als Gesamtpaket in einer Kombination aus Tages- und Abendprogramm, mehr oder minder entzerrt, werden mehr und mehr Einzug halten. Miami steht bereits in der Schlange, und auch Las Vegas klopft als Austragungsort wieder an.

Es kann der Serie nur guttun, wenn es mehr Orte mit einem Flair wie Austin gibt. Denn zu viele Rennorte sind in der Tat immer gleich. Gleich öde, gleich abgestumpft. Und Ausnahmen stechen dann um so auffälliger ins Auge.

Ist es mit der Männerwelt nicht genau so?


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