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14.11.2019

Von Brasilien nach Macau


Man müsste sich zweiteilen können. Denn es kommt nicht oft vor, dass zwei der spektakulärsten Rennen am selben Wochenende stattfinden. Aber dieses Mal ist es wieder soweit: Der Formel 1-Grand Prix von Brasilien und das City-Spektakel von Macau beißen sich.

In gewisser Weise treffen sich so Vergangenheit und Zukunft. In Macau, einer Halbinsel im Südchinesischen Meer, tritt die weltweite Formel 3-Elite zum großen Kräftemessen an. Der „Formula Three Grand Prix“ ist schon seit jeher ein Rennen, bei dem sich Zweikämpfe zugetragen haben, die sich wenig später fast 1:1 in der Formel 1 wiederholt haben. Michael Schumacher gegen Mika Häkkinen etwa kommt einem in den Sinn, inklusive eines rüden Fouls von Schumi – ein Vorbote dessen, was in der Königsklasse folgen sollte. Oder auch Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton – wo sich Rosberg schon damals als der rennintelligentere, Hamilton aber als der schnellere und ruchlosere herauskristallisiert hat. Wenn auch nur um Haaresbreite. Genau so, wie es dann bei Mercedes in der Formel 1 später auch laufen sollte.

Macau liegt etwa 70 Fährminuten von Hongkong entfernt. Wer seine Reise clever plant, muss sich erst gar nicht in die Problemzonen des einstigen Stadtstaates begeben, der gerade von blutigen Aufständen geschüttelt wird: Es gibt auch eine Fähre, die direkt vom Flughafen nach Macau schippert. Man muss also gar nicht erst einreisen – grad so, als ob man zum Beispiel in Dubai im Transitbereich bleibt, um von dem Megadrehkreuz im Nahen Osten weiter zu reisen. Dann kriegt man ja auch nichts von dem Scheichtum an sich mit – sondern geht nur ein Mal runter und steigt nach einer kurzen Wartezeit wieder auf.

Beim zweiten Höhepunkt des Jahres, in São Paulo, ist das völlig anders. Dort taucht man unweigerlich ein in das Millionenmolloch mit all’ seiner Kriminalität und seinen zwielichtigen Straßenzügen. Und genau das macht einen Großteil der Faszination des Grand Prix von Brasilien aus: Man erlebt das wahre Leben, ungefiltert – und mit all’ seinen Facetten. Die Verzweiflung der Armen, aber auch ihren ungebrochenen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen und die Freude am Dasein nicht zu verlieren. Diese Gegensätze des menschlichen Daseins kennt man sonst nur, wenn man sich in die Townships von Südafrika wagt – nach Soweto etwa.

Aber da bin ich ja erst am kommenden Wochenende.

Interlagos und Macau eint ihr Irrsinn. Die Anreise zum Flughafen Guarulhos von São Paulo zeigt einem schon aus der Vogelperspektive, in was für ein endloses Häusermeer man gleich eintaucht. Und beim Anflug nach Hongkong kann man den Bewohnern der riesigen Hochhäuser in dem gedrängten Stadtgebiet auf den Küchentisch gucken; Gerüste aus Bambusstäben, armdick, umarmen die gigantischen Hochbauten, wenn mal was zu tun ist. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie halten. Aber sie haben sich über Jahrzehnte hinweg bewährt. Und in Macau empfängt einen nach einer lähmend langen Einreiseprozedur eine Glitzerwelt mit verblüffendem Gigantismus: Die ganze Stadt scheint nur aus Kasinos zu bestehen, mit Einarmigen Banditen, Roulettetischen und 17 & 4-Runden. Der Grand Prix von Macau hat 1954 als Orientierungsfahrt begonnen. Zwei Schwager – Teddy Yip und Stanley Ho – haben das Rennen ersonnen, um die Besucherzahlen in ihren Kasinos hochzutreiben. Ho lebt noch, ihm gehören Spielbuden mit mondänem Antlitz. Es gibt sogar ein Hotel, auf dessen Gelände dreiviertel Venedig unter Dach nachgebaut ist, Canale Grande und Gondeln inklusive. Es heißt sinnigerweise „The Venetian“, und neben Kasinos gibt es Nobelboutiquen von allen möglichen Edelmarken.

Denn sollte jemand doch mal gewinnen, muss er sein Geld ja irgendwo lassen können – bevor er es am Ende doch mit auf „Mainland China“ nimmt. Das fehlte gerade noch.

Macau hat es so zu Wohlstand gebracht. In São Paulo geht’s genau andersrum zu. Armut beherrscht das Stadtbild – so wie der süßliche Geruch von verbranntem Zuckerrohrdestillat die Atemluft und deren Geschmack prägt. Denn der Rum wird immer noch in vielen Alltagsautos als Benzinersatz verbrannt.
Was beide Spektakel auch noch eint: ihre gewaltigen Rennstrecken. Macau ist ein 6.2 Kilometer langer Stadtkurs, der sich in zwei Bereiche unterteilt: eine fast Vollgaspassage am Fähranleger bis zur Lisboa-Kurve, benannt nach einem zwielichtigen Kasinohochbau – und einer hakeligen Innenstadtpassage in den Hügeln des Hinterlandes, in der es sogar die einzige Kurve weltweit gibt, in der während eines Rennens immer Überholverbot mit Gelben Fahnen herrscht, die schmale Melco-Haarnadelkurve, die eigentlich eher ein Nadelöhr ist. Und Interlagos ist eine Buckelpiste mit Bodenwellen und Verwerfungen, die einem die Plompen aus den Zähnen schüttelt – und mit vielen hängenden Kurven sowie Steigungen und Gefällen noch den ganzen Mann im Formel 1-Piloten fordert.

Dazu kommt die einzigartige Stimmung: Chinesische Drachentänze und abergläubische Zeremonien vor der auf hakelig-staksigen Gerüstgestellen aufgebauten Haupttribüne von Macau wecken direkte Erinnerungen an die steil in den Himmel der Slums aufragenden Zuschauerränge von Interlagos. An beiden Rennorten gehen die Zuschauer mit wie früher die Bremer beim Wunder von der Weser – stimm- und stimmungsgewaltig, aber nicht gekünstelt wie mit den Choreos im heutigen Stadion.

Man muss dankbar sein, solche Rennen erleben zu dürfen. Erst recht, wenn man als Alternativen Oschersleben, Hockenheim oder den trostlosen EuroSpeedway Lausitz im ehemaligen Kohletagebau von Klettwitz vor der Nase hat.

Was aber nun schauen? Wem die Familie nur die Wahl für ein Rennen lässt, dem sei Macau empfohlen – im Livestream auf http://www.pitwalk.de am frühen Sonntagmorgen. Eine Fernsehübertragung gibt es zwar nicht. Aber ich bin im Fernen Osten vor Ort – und habe sowohl vom Formel 3-Grand Prix als auch vom GT3-Weltpokal einen exklusiven Stream mit deutschem Kommentar für PITWALK organisieren können. Und da die Formel 1-WM entschieden ist, lohnt sich Blick – und Klick – nach Macau um so mehr. Mit Vollgas durch einen engen Leitschienenkanal, wie eine Bobbahn , und dabei die Formel 1-Stars von morgen kennenlernen – das ist ein ziemlich einmaliges Erlebnis, das ich jedem Motorsportfan nur ans Herz legen kann.


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