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26.07.2019

Vettels Langmut


Zwischen den Zeilen steht häufig am meisten. Zumindest in der Welt von Ferrari. Die Italiener verfolgen eine rigide Medienpolitik: Interviews nur nach vorherigem Einreichen der Fragen; wer dann von dem genehmigten Fragenkatalog abweicht, fängt sich mitten im laufenden Gespräch einen Rüffel der mithörenden Presseabteilung ein. Selbst bei einfachem Nachfragen auf eine Aussage, die der Befragte im Gespräch getätigt hat, gehen schon die Schotten runter – bei einer Situation also, die für Journalist und Interviewten eigentlich Alltag sein sollte.

So war es auch beim Gespräch mit Sebastian Vettel am Donnerstagabend außerhalb der Rennstrecke von Hockenheim. Vettel selbst grinst dann wissend schelmisch. Denn der Fahrer würde solche Situationen am liebsten vermeiden und mehr er selbst sein. Aber die Konzernpolitik lässt es nicht zu.

Vettel schwankt momentan zwischen Belustigung und Fatalismus. Er antwortet so, wie ich es von ihm seit Formel Renault-World Series-Zeiten kenne – wenn er denn frei reden kann. Aber man spürt an seiner geistigen und Körperhaltung, dass er die ausweglose Lage inzwischen mit einer Portion Gelassenheit schultert. Vorm Heimrennen scheint er die Saison 2019 schon abgeschrieben zu haben – und sich damit auch abgefunden zu haben.

Das ist neu. Das krampfhafte Wollen, das Erzwingen-Müssen ist nicht mehr da. Eine neue Lockerheit hat Einzug gehalten. Und die steht ihm gut. Vielleicht löst sie ihn sogar aus dem Würgegriff, der ihn unbewusst zurückgeworfen hat; wenn er befreiter agieren kann, mag die Leichtigkeit ihm und seinen nächsten Rennen besser zu Gesicht stehen.

Allerdings ist die strenge Handhabe der Medienarbeit natürlich die Spitze eines Eisbergs bei Ferrari, die nach außen hin sichtbar macht, wie es bei den Italiener zugehen muss. Alles steht unter einer Knute von Leistungsdruck und Erwartungshaltung. Wer sich schon extern so empfindlich gibt, bei dem muss die Anspannung intern noch viel größer sein.

Und das ist ein Umfeld, das Rennfahrer generell nicht gebrauchen können. Motorsport ist immer auch Kopfsache. Wenn den Piloten von außen eingebleut wird, wie heikel alles ist, dann hat das einen Schneeballeffekt auf die Psyche, der guten Leistungen abträglich sein muss.

Es ist erstaunlich, dass Ferrari immer noch solch’ ein strenges Regiment führt. Denn die Geschichte der Roten ist durchzogen von Intrigen, Machtspielen und Militarismus. Bis hin zu eigens aufgesetzten Abteilungen, die auf Geheiß der Firmenleitung, aber hinter dem Rücken der eigentlich direkt Verantwortlichen mal eben im Geheimen ein zweites Auto bauen wie in der Ära von Technikchef John Barnard, um zu zeigen, dass man es besser könne als die andere Abteilung. So etwas kann nicht hinhauen, der Spaltpilz schwächte schon damals das Team.

Eigentlich war man davon ausgegangen, dass unter dem neuen Teamchef Mattia Binotto eine andere Kultur Einzug halten würde. Doch ganz offensichtlich sind die Strukturen immer noch so verkrustet und eingefahren, dass der möglicherweise an den Tag gelegte neue Führungsstil nicht durch die Abteilungen und Hierarchien hindurch verfängt.


Dazu kommt noch ein Ingenieurstab aus jungen Leuten, die zwar Daten lesen können – aber denen der typisch englische „Racing Spirit“ und die „Race Craft“ fehlt. Keine Theorie kann jemals praktische Erfahrung ersetzen, das merkt Ferrari gerade schmerzlich, wenn sie sich mit Mercedes und Red Bull vergleichen – beides englische Rennställe, bestehend aus echten Racern mit jahrzehntelanger Erfahrung, die den jungen Italienern zeigen, wie man Formel 1 im Alltag leben muss.

Jetzt muss die Technikabteilung schon wieder umstrukturiert werden. Simone Resta wird in aller Eile von Sauber – pardon: Alfa – zurückgeholt. Dabei war der Kahlschädel dort eigentlich installiert worden, um das eidgenössische Team wie einen Bob Ferrari 2 aufzustellen – mit gleicher Technik, um so als B-Team doppelte Erprobungsrunden und Iterationsschleifen für die Weiterentwicklungsideen aus Maranello austesten zum können. In Zeiten des Testverbots an sich ein cleverer Schachzug. Doch die Not beim Hauptteam erstickt ihn im Keim, bevor er erste Wirkung zeitigen kann.

Die Saison 2019 ist unheilbar krank. Aber für die neuen Regeln, die ab 2021 gelten, ist die Lage noch heilbar. Dazu müssen jetzt aber schon alle Weichen gestellt werden. Und wahrscheinlich muss man dafür sogar das Jahr 2020 gleich mit opfern. Was Vettel dann nur mit noch mehr Gleich- und Langmut tragen kann.

Ein passendes Interview mit Sebastian Vettel dazu findet Ihr in der heutigen Ausgabe des PITCAST, zu hören hier auf der Website. Es ergänzt die Titelgeschichte in der noch aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK. Beim Interviewtermin hat Vettel auch noch gleich drei der hier abgebildeten Ferrari-Kappen mit seinem Originalautogramm versehen. Die verlosen wir dann in Ausgabe 51 von PITWALK.


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