+++ 09.09.2019 09:11 : Neuer PITCAST online – Inga Stracke analysiert den Formel 1-Grand Prix von Monza +++ 10.09.2019 22:11 : Neuer PITCAST online – Goa Bellof erinnert sich an seinen Bruder Stefan +++ 08.09.2019 09:22 : Neuer PITCAST online – Entscheidung in der Marathon-WM, Matthias Walkner analysiert sein Comeback +++
BACK

20.06.2019

Vettel-Gate unter der Lupe


Mächtig viel Palaver. Die Strafe gegen Sebastian Vettel beim vorigen Rennen in Montréal ist auch in Le Castellet immer noch das Topgesprächsthema. Nicht zuletzt deswegen, weil Ferrari sich eine zweite Anhörung ausbedungen hat, ebben die Diskussionen über die Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit der Buße nicht ab.

In den Tagen nach Kanada ist dermaßen viel geschrieben und spekuliert worden, dass ich mir in der Woche nach Montréal – im Fahrerlager bei den 24 Stunden von Le Mans – mal die Meinung von zwei langjährigen guten Bekannten eingeholt habe: den ehemaligen Formel 1-Piloten Alexander Wurz und Mark Webber.

Die Aussagen von Wurz habe ich am Donnerstag in einem langen Podcast hier auf unserer Internetseite veröffentlicht, zu finden unter der Rubrik „PITCAST“, dann im Untermenüpunkt „The Big One“. Ich kann nur jedem raten, da mal reinzuhören. Denn der Österreicher – den ich kenne, seit er im vergangenen Jahrhundert Formel Ford gefahren ist – kann den Motorsport und alle Zusammenhänge so gut erklären wie kaum ein anderer Racer.

Er und auch der Australier Webber sind einhellig zu dem Entschluss gekommen, die Strafe sei zwar nach den Buchstaben des Sportgesetzes vertretbar – aber dennoch unsinnig. Und man müsse weniger an der jetzigen Bestrafung herumkritteln und -korrigieren, sondern vielmehr am System an sich.

Und das ist des Pudels Kern.

Besonders interessant finde ich dabei, wie Wurz und Webber sich in den Fahrer Vettel hineinversetzen können. Denn beide wissen natürlich, was beim Fahren vor sich geht; wohin der Pilot wann schaut, was er denkt und wie er binnen Sekundenbruchteilen seine Entscheidung fällt. Webber etwa erklärte genau, wann man vor der betreffenden Stelle des Ausrutschers zuletzt in den Rückspiegel schaut – nämlich ausgangs der Kurve zuvor, bestenfalls auf dem ersten Viertel der folgenden Geraden. Dann habe man erkannt, wo der Hintermann sei – und wisse, wie man sich selbst positionieren und wie man in der nächsten Kurve agieren müsse, um einen Angriff abzuwehren oder, wie Vettel, nur versuche solle, die Ecke richtig zu erwischen, weil keine direkte Attacke drohe. Und dann gucke man erst wieder nach der Kurve in den Spiegel, in welcher der Ausrutscher passiert sei.

Bei einem solchen Abflug schauen die Rennfahrer nicht in den Spiegel. Vielmehr richten sie den Blick stur auf jene Stelle auf der Strecke, zu der sie den Wagen möglichst wieder hindirigieren möchten, während sie auf dem Gras darum kämpfen, den Boliden wieder unter Kontrolle zu kriegen.

Das ist der springende Punkt – den ich aus eigener Erfahrung bei meinen Tests in Rennautos etwa in Le Castellet, in Hockenheim oder auf der Nordschleife des Nürburgrings selbst schon erfahren habe, wenn ich da mal neben die Bahn gerumpelt bin. Der Notfallplan lautet stets: Nie zurückschauen, nicht mal zur Seite – sondern stur jenen Punkt anpeilen, der das nächste Ziel wieder auf dem Asphalt darstellt.

Und, was Webber ebenfalls sehr plastisch erklärte: Auf dem Rasen hoppelt das Auto, vor allem das Heck springt nach. Wenn dann die Vorderräder um vielleicht eine Viertelsekunde vor den Hinterrädern wieder Teer statt Gras unter sich spüren, kleben sie schon wieder mit Griff auf der Straße, während das Heck noch weiter tänzelt – denn es ist ja noch auf dem unebenen Grün unterwegs. Also kriegt das Auto von der Front einen anderen Richtungsimpuls und versetzt eine Stückchen. Das muss dann auch wieder korrigiert werden. Und deswegen kann man nicht wie aus einem Guss wieder auf die Strecke einbiegen, wenn man ein Mal den Rasen gemäht hat, sondern tut das unweigerlich ziemlich raumgreifend.

All’ das geht so schnell, dass es für einen normalen Autofahrer schlicht nicht nachzuvollziehen ist. Denn selbst wenn man mit 240 km/h über die meistens leere A31 von Leer durchs Emsland fährt, ist man meilenweit von dem entfernt, was ein Rennfahrer in Sachen Fahrzeugbeherrschung leistet. Schnell geradeaus fahren kann jeder. Die Kunst der Racer besteht darin, ein Auto dann unter Kontrolle zu halten, wenn man rasant durch Kurven fährt. Und das sind Kräfte, die in einem normalen Wagen niemals wirken. Deswegen sind alle Vergleiche und Berichte, bei denen man sich nicht wirklich in das Rennwagenfahren hineinversetzt, nichts wert. Und davon gab es zu viele.

Klar ist: Vettel hat den Wagen erst wieder unter Kontrolle gekriegt, als er schon vom Rasen wieder runter und den Gesetzen der Fliehkraft folgend auf der anderen Straßenseite angekommen war. Und erst dann, sagen Webber und Wurz unisono, schaut man nach solch’ einem Ausritt überhaupt wieder in den Rückspiegel. Da hat Verfolger Lewis Hamilton seine Chance schon gewittert und versucht, aus der Mahd von Vettel Profit zu schlagen – was völlig legitim ist.

Das weite Rausdriften in die Spur von Hamilton hinein war für Vettel unvermeidbar. Und selbst wenn er sich ein Stück weit bewusst gaaaanz nach außen hat tragen lassen, so ist auch das legitim. Ein Rennfahrer muss sich nach solch’ einem Ausritt verteidigen dürfen. Es gibt keinen Grund, den Hintermann passiv vorbeizuwinken. Denn im Sport mag man generell keinen Neymar, der sich bei jedem Lufthauch am Boden wälzt. Man frage nur mal die Eishockeyspieler, die sich mit Schmackes in die Bande bodychecken – nicht elegant, aber als beinharter Kampfgeist ein Stück des Sports.

Man muss bei solchen Aktionen – wie meines Erachtens auch beim Handspiel im Fußball – immer einen Ermessensspielraum einräumen. Denn man kann mit ein bisschen Fachwissen meistens klar erkennen, was Absicht war – und was einfach nur tollpatschig oder unvermeidbar, weil aus der Situation und Bewegung heraus. Im Autorennsport gibt es das klassische Auf-die-Ecke-Fahren: Man kann einen Vordermann, der vor einem gerade einlenkt, genau so aufs Rad oder bei einem Tourenwagen auf den seitlichen Auslauf des Kotflügels fahren, dass der unweigerlich herumgedreht wird – weil das Heck durch dessen Lenkbewegung schon leicht wird. Das ist ein klassisches Foul, würdig einer Gelben oder Roten Karte, sprich einer Durchfahrtstrafe oder gar einer Disqualifikation, je nach Art des Vergehens. Man kann aber ebenso klar erkennen, wenn eine Kollision in vergleichbarem Ablauf durch ein klassisches Verbremsen des Hintermannes entstanden ist. Das sollte dann keine Strafe nach sich ziehen, oder vielleicht eine Verwarnfahne, um das Mütchen des Hintermannes zu kühlen.

Völlig abwegig ist die Kritik am Verhalten Vettels nach der Zieldurchfahrt. Auch hier muss man sich wieder in die Fahrer reinversetzen: Das Beherrschen eines Rennautos im Grenzbereich, mit all’ seinem Gezerre und seiner Geräuschkulisse, sorgt für eine enormen Adrenalinausschüttung. Als ich – noch als ganz junger Journalist – meine allerersten Testrunden in einem Formel Opel-Lotus-Nachwuchsformelrennwagen aus dem Team von Frank Färber gedreht hatte, habe ich nach dem Aussteigen jenen Becher Kaffee, den man mir reichte, beinahe zur Gänze auf den Boden der Boxen von Hockenheim verschüttet – so sehr habe ich gezittert, weil der Körper unter Anspannung und voller Adrenalin steckte. Natürlich haben echte Rennfahrer nicht mehr solch’ einen Tatter, wenn sie aus den Wagen steigen. Aber auch sie stehen buchstäblich unter Strom. Man sieht das immer sehr schön an ihrem flackernden Blick. Da kann man unmöglich erwarten, dass sie Statements wie einst Hans-Dietrich Genscher absondern und sich jeden Handgriff genau überlegen. Erst recht nicht, wenn sie sich um einen Sieg betrogen fühlen wie Vettel auf der Île Notre Dame. Solche Emotionen müssen nicht nur erlaubt bleiben – sie sind aus der eigenen Erfahrung heraus auch völlig verständlich.

Wurz hat in unserem Podcast noch eine Menge weiterer Aspekte ins Felde geführt, die letztlich alle auf einen Fehler im System von Exekutive und Legislative der Formel 1 hinauslaufen. Man muss sich das wirklich mal in Ruhe anhören, um sich ein belastbares Bild zu machen.

Auf jeden Fall bleibt die Bestrafung ein Unding.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 05.09.2019

    Säurebad für den neuen Platzhirschen

    Schon der Firmengründer pflegte einen hehren Grundsatz: Bei allen Rennwagen, die Enzo Ferrari bauen ließ, gab er stets die Maßgabe aus, Motorleistung sei wichtiger als alles Andere…
  • 03.09.2019

    Reifenschaden bei Correa als Ursache?

    Muss man den Unfallhergang, der zum Tod von Anthoine Hubert führte, noch mal ganz neu beleuchten? Es sieht schwer danach aus – nachdem uns bei der PITWALK-Redaktion aus einer Quell…
  • 03.09.2019

    Konsequenzen aus der Tragödie

    Die Geschichte zeigt hin und wieder ihr sarkastisches Gesicht. Ausgerechnet in jener Woche, in der die Motorsportwelt sich an den Schwarzen Sommer 1985 erinnert, verunglückt in Spa…
  • 29.08.2019

    Geheimniskrämer

    So schnell fliegen Geheimhaltungspläne auf. Vor einiger Zeit schon war ich bei Toyota Motorsport in Köln zu Gast – und aß in deren Kabine zu Mittag. TMG lebt nicht nur davon, TS050…
  • 04.08.2019

    Sommerferien

    Na, da haben wir ja was losgetreten. Am vergangenen Sonntag hatten Lucas Luhr – Fahrer im Iron Force-Porsche-Team im deutschen GT-Masters – und ich unerwartet viel Zeit. Denn das 2…
  • 29.07.2019

    So sieht das Jubiläum aus

    Passend zum Saftladen-Podcast von PITWALK-Chef Norbert Ockenga und Experte Lucas Luhr, der so hohe Wellen im Netz schlägt, hier nun der Blick aufs Inhaltsverzeichnis der neuen Ausg…
  • 26.07.2019

    So verfolgt Ihr Spa

    Beim 24 Stunden-Rennen von Spa gibt's Langstrecken-Motorsport vom Feinsten – mit PITWALK-Chef Norbert Ockenga und Lucas Luhr am Mikrofon von Eurosport und unserer PITCAST-Reihe. E…
  • 26.07.2019

    Vettels Langmut

    Zwischen den Zeilen steht häufig am meisten. Zumindest in der Welt von Ferrari. Die Italiener verfolgen eine rigide Medienpolitik: Interviews nur nach vorherigem Einreichen der Fra…
  • 24.07.2019

    Feiern wir zusammen Jubiläum?

    Bald können wir gemeinsam Jubiläum feiern. Denn die 50. Ausgabe unserer Zeitschrift steht unmittelbar bevor – und wir würden uns freuen, wenn Sie bei diesem ganz besonderen Heft wi…
  • 12.07.2019

    Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer

    Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landsch…
  • 11.07.2019

    Geheimwissenschaft

    Wer die Disqualifikation des Manthey-Porsche nach dem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring verstehen möchte, der muss sich zunächst mit der Balance of Performance als Gesamtkunstw…
  • 26.06.2019

    Stimmung in der Steiermark

    Allein schon der Tunnel. Wenn man normaler Weise unter einer Rennstrecke hindurch muss, um etwa von den Parkplätzen in den Innenbereich zu gelangen, bieten die Unterführungen stets…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA