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10.10.2019

Unwetterwarnung


Der Taifun Hagibis weckt Erinnerungen. Denn es ist nicht das erste Mal, das die Formel 1 in Japan von heftigen Unwettern durchgepustet wird. Der fernöstliche Inselstaat ist berüchtigt für seine Wirbelstürme – und wer schon mal mitten drin war, weiß, wie ungemütlich das werden kann. Ein Herbsturm auf Norderney ist nichts dagegen.

2004 habe ich das selbst erlebt. Unwetterwarnungen im Vorfeld haben die Veranstalter dazu bewogen, einen ganzen Tag abzusagen – und uns Ausländern dringend nahezulegen, ja nicht an die Strecke zu kommen, sondern im Hotel zu bleiben. Dem leisteten wir Folge. Nicht zuletzt, um die empfindliche japanische Seele nicht in Verlegenheit zu bringen.

Unser Hotel haben wir uns damals mit Mechanikern von Sauber und Jordan geteilt. Und man muss sagen: Es ist erstaunlich, was im Laufe eines Tages so alles in gestandene Rennmechaniker hineingeht.

Typisch für Japan sind große Automaten, aus denen man gegen Münzeinwurf alle möglichen Getränke in Dosen ziehen kann: kaltes Bier ebenso wie Cola und Sprudel oder heißen Kaffee in verschiedenen Stärkegraden. Wenn man das nicht kennt, erschrickt man ganz schön, wenn man zum ersten Mal die Nummer für Kaffee eingetippt hat – und dann eine glühend heiße Büchse aus dem Ausgabeschacht fingert.

Die Halbliter-Bierdosen machen – neben Suppen – den Großteil der Automateninhalte aus. Weil aber in Suzuka und dem Umland an dem Taifuntag nichts zu tun war als im Hotel zu hocken, versammelte sich schon am Vormittag eine höchst fidele Truppe von Mechanikern und uns Journalisten in der Lobby. Das Bier war schon am Mittag alle. Die Suppen hielten auch nicht viel länger. Und die Rezeptionisten schauten dem zwangsläufig immer munterer werdenden Treiben mit einem skeptischen Blick entgegen.

Gratis-W-Lan mit hohen Übertragungsraten hatte damals noch Seltenheitswert, zumal in der ländlichen Lage unseres Hotels. Also nahm irgendwann die Langeweile Überhand, und wir trauten uns raus zu einem Einkaufszentrum, um Sushi fürs Abendessen zu kaufen. Das Hotelpersonal versuchte alles, uns daran zu hindern – aber zwecklos. Und in der riesigen Shopping Mall war außer uns paar Langnasen und den Verkäufern, die natürlich typisch japanisch pflichtschuldigst zum Dienst erschienen waren, keine Menschenseele. Eine moderne Interpretation der Geisterstädte aus der verglühten Goldgräberzeit in Kalifornien. Um uns herum spielten Automaten und allerlei Gerätschaften unermüdlich ihr Konzert aus digitalen Tuschen und Melodien, der riesige Parkplatz war eine Seenlandschaft, der Wind machte gerade mal Pause – denn wir befanden uns im Auge des Orkans, und da ist es immer windstill.

Als der Wirbelsturm abends weiterzog, rüttelte er an den Fenstern und Türen, der Regen prasselte nicht gegen die Scheiben – er krachte dagegen. Das ganze Hotel schien zu wackeln. Einige Minuten lang herrschte Weltuntergang. Rennen hätte man da wirklich nicht fahren können. So wird’s am Sonnabend wohl auch wieder sein, wenn die Wettervorhersage recht behält.

Trotzdem haben die Formel 1-Piloten schon im Vorwege Diskussionen angestoßen über die ausgeprägte Wetterfühligkeit der Grand Prix-Szene, und das ist auch gut so. Denn derzeit machen sich die besten Autofahrer der Welt zur Figur, weil bei jedem Regenwetter sofort das Safetycar rauskommt und die Piloten sich über Funk über die unfahrbaren Bedingungen beklagen. Das wirkt, als seien Jammerlappen am Werk, die nichts mehr gemein haben mit den Haudegen früherer Formel 1-Generationen, und von außen ist man schnell mit dem Argument bei der Hand: „Die besten Autofahrer der Welt müssen in der Lage sein, ihr Tempo bei Regen so anzupassen, dass sie schnell genug sind, ohne abzufliegen.“

Der Gedanke hat was für sich. Aber die Piloten müssen zum Teil entlastet werden. Denn man muss ihnen auch das nötige Material an die Hand geben, um ihre Künste am Lenkrad ausleben und umsetzen zu können. Und das ist schon seit einiger Zeit nicht mehr gegeben.

Hauptübel sind die Reifen. Regenpneus müssen über ihr Profil Wasser verdrängen können wir normale Straßenreifen, und sie müssen so aufgeheizt werden können, dass ihr Gummi weich wird und sich auch durchs Wasser mit dem Asphalt verzahnen kann. Beides schaffen die modernen Rennreifen nicht: Die Profiltiefe – auf der Straße einfach mit einer Münze zu messen – ist viel flacher geworden als früher, die Mischung deutlich härter. Beides ist kontraproduktiv: Bei zu flachem Profilzwischenraum kann zu wenig Wasser abfließen, die Profilblöcke schwimmen viel zu früh auf. Und wenn die Reifen dann auch zu hart sind, kriegen die Fahrer sie nicht auf Temperatur oder können sie während der Fahrt nicht warm genug halten – sodass das aufliegende Gummi der Reifen keinen Grip mit dem Teer aufbauen kann.

Das Profil ist hausgemacht. Es ist keine Herausforderung, funktionierende Regenreifen zu bauen. In anderen Klassen geht das problemlos. Deswegen können etwa Sportwagenrennen bei deutlich mehr Regen und Wasser auf der Bahn ausgetragen werden als Große Preise. Wenn man aber selbst nach einem Start mit Reifen, die in Heizdecken bis auf fünf Grad unterhalb der optimalen Betriebstemperatur vorgeheizt werden, hinter dem Safetycar nicht imstande ist, die Pneus warm zu halten – dann läuft etwas schief. Hinter dem Führungsfahrzeug gibt es zwei Methoden, die Reifen aufzuwärmen: Das Wedeln in Schlangenlinien, das jeder vom Fernsehen kennt, heizt die Oberfläche auf. Gleichzeitig fahren die Piloten mit permanent getretenem Bremspedal, sodass die Hitze von den Bremsscheiben von innen in die Reifen abstrahlt und so auch die Konstruktion – also das Gewebe – der Pneus aufheizt. „Gegen die Bremse fahren“, heißt das im Fachjargon. Die Kombination aus Wedeln und gegen die Bremse Fahren sorgt dafür, dass sowohl die Gummischicht als auch das Innenleben der Reifen warm genug wird – normaler Weise. In der aktuellen Formel 1 klappt das nicht, und deswegen sorgt der Reifenlieferant dafür, dass die Fahrer dastehen wie… na ja, Kimi Räikkönen hat das in Suzuka gerade selbst als „lächerlich“ beschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dass der Reifenhersteller in der Pflicht ist, besser zu arbeiten.

Gegen Wirbelstürme wie jetzt in Japan hilft das nichts. Wohl aber gegen fortwährende Neutralisierungen bei einem Wetter, das bei uns in Ostfriesland im Herbst oder Frühling Alltag ist. Damit muss die Formel 1 klarkommen können, um glaubwürdig zu bleiben.

Manch’ andere Phänome, die einem gerade in Japan begegnen können, lassen einen dagegen ratlos zurück. Etwa ein plötzliches brutal lautes Krachen und Scheppern an einem Sonntagabend, als wir spät nach der Arbeit noch im Restaurant von Gotemba – vor den Toren der Rennstrecke von Fuji – saßen. Der krachende Schlag hörte sich an wie eine Mischung aus startendem Dragstermotor und einem Donner zwei Meter neben einem. Gleichzeitig wackelten Wände und Tische, die Teller machten einen Bocksprung.

Nur die Kellner blieben völlig stoisch. Kein Grund zur Sorge, beschieden sie uns, „nur ein kleines Erdbeben“.


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