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09.12.2020

Trauer um Walter Lechner


Walter Lechner ist tot. Der Österreicher starb in seiner Heimat an Krebs.

Was bleibt, sind Erinnerungen. Bilder aus einer langen gemeinsamen Zeit. Motorsportliche Erinnerungen, natürlich, los ging's irgendwann im äußeren Fahrerlager von Zolder, wo Alexander Wurz in Lechners Team Formel Ford fuhr. Die Nachwuchsklasse war damals auf einer Wiese unter den Bäumen an der Zufahrtstraße zum eigentlichen Fahrerlager untergebracht.

Aber das wahre Wesen von Lechner reduziert sich nicht auf den Motorsport. Als Sohn eines Wirts aus Wien hat er Musik im Blut gehabt und die Gabe zur Eloquenz von Haus aus mitgekriegt. Beides hat er zur Perfektion umgemünzt: Hausmusik stand bei den Lechners ganz oben an, wenn die Familie mal daheim war. Auch an den Rennstrecken trat der Clan stets als geschlossene Einheit auf. Und jeden Winter ging's rauf auf eine Almhütte, in den tiefen Schnee der österreichischen Berge – das Kontrastprogramm zum Motorsport, bei dem sich aber auch jeden Tag mindestens ein paar Stunden um die Rennerei drehten. Die Lechners sind eine außergewöhnliche Familie – und ihr Oberhaupt war ein Haudegen im besten Sinne des Wortes.

Viel von dem, was man im Fahrerlager mit ihm erlebte, geht auf seine jungen Jahre in Wien zurück: Im berühmten Hotel Sacher machte er eine Ausbildung und arbeitete als Page. Da lernt man Disziplin und Benimm – und auch das geflissentliche Weggucken und Übersehen von Makeln, Dingen und Eigenheiten, die man anderswo direkt ansprechen würde.

Es gibt wohl niemanden im deutschsprachigen Motorsport, der nicht irgendwann mit Walter Lechner zu tun gehabt hätte. Meist schon in sehr jungen Jahren auf seinem weiteren Karriereweg. Denn Walter Lechner hat das Talentspähen und -fördern lange Zeit zu seiner Lebensaufgabe im Rennsport gemacht.

Seine Rennfahrerschule, die Walter Lechner Racing School, über Jahrzehnte hinweg das Traumziel für jeden Buben gewesen, der in jungen Jahren den Berufswunsch Rennfahrer hatte. Für die meisten blieb es zwar ein Fernziel. Doch in den Achtzigern und Neunzigern war jedem Jungen klar: Wenn man im deutschsprachigen Raum Rennen fahren lernen möchte – dann muss man zu Lechner nach Thalgau. Genau wie klar war: Wer in einem der typisch weißen Formel Ford-Einbäume des Teams saß, das die Talente aus der Schule in den echten Rennsport und auf die Strecke brachte – auf den musste man achten. Denn der musste was können.

Der Weg zur eigenen Schule ist kurios: Die Idee stammt vom Engländer Jim Russell, der unterhält auf der Insel längst eigene Fahrschulen für angehende Rennfahrer und möchte auf den Kontinent expandieren. Lechner soll sein Statthalter werden. Doch er findet keine Autos zu mieten und kommt mit dem englischen Namen nicht weiter. Also verkauft er eine Disco, die er bis dahin betrieben hat, und investiert in einen eigene Rennwagenfuhrpark, macht also kurzerhand alles selbst. Und alles, was er selbst anpackt, wird besser als das, was viele Andere machen. Es ist die Geschichte seines Lebens.

Je nach Alter, waren es Roland Ratzenberger, Stefan Bellof oder Alexander Wurz, die einem jungen Racing-Insider durch Lechner früh begegnet sind – um nur drei plakative Beispiel zu nennen. Die Lektionen, die sie bei Walter Lechner und seinem Familienteam lernten, formten sie für ganz große Karrieren. Der Namen gibt es viele, es gab mal eine Zeit, da schien jeder neue Weltmeister irgendwann mal für Lechner gefahren zu sein.

Im deutschen Nachwuchssport war sein Team eine Größe. Zuerst in der Formel Ford, später dann auch in der Formel Renault, als der langjährige Renault-Deutschland-Sportchef Bernd Hütter diese aus Frankreich importierte Klasse auch hierzulande groß rausbrachte. Damals hatten die Importeure der großen Marken noch eigene Sportabteilungen, mittlerweile sind sie alle wegrationalisiert.

Lechner hat den Paradigmenwechsel im deutschsprachigen Rennsport früh kommen sehen. Als die Formel 1 sich anschickte, via Bahrein im Nahen Osten Fuß zu fassen – da war er zur Stelle und etablierte mit seiner eigenen Infrastruktur den Porsche Carrera-Cup des Nahen Ostens. Weit bevor Andere merkten, was sich dort für ein finanzstarker Motorsportsektor anbahnte, hatte Lechner schon den Fuß in der Tür. Und sein Gespür hat ihn auch genau das richtige Sportgerät auswählen lassen: den Cup-Porsche 911, der genau den Geschmack der Araber traf.

Lechner hatte sein Team damals schon auf die Porsche-Markenpokale umgestellt, weil den Nachwuchsformeln die Basis wegbröckelte. Ein Fan der Cups war er nie, zu viel Werbung und Umsatztreiber für Porsche und zu wenig echter Rennsport, sagte er mal. Aber die Vorbehalte haben ihn nicht davon abgehalten, das Team mit genau jenem Perfektionismus aufzubauen wie früher auch schon die Schule und die Formelteams.

Lechner hatte stets ein offenes Ohr und immer Zeit. Als gebürtiger Wiener legte er jenen Charme und jene unerschütterliche Freundlichkeit an den Tag, die nur Österreichs Hauptstädter perfektionieren. Das breite Lächeln, mit dem er einen jedes Mal empfing, gab jedem Gesprächspartner das Gefühl, für Lechner etwas ganz Besonderes zu sein.

Dass sich dahinter ein gewitzter Geschäftsmann und ein mit allen Wassern gewaschener Networker verbarg, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Mit Charme und Lächeln kommt man im Motorsport nicht so weit, wie Walter Lechner es gebracht hat – aber ohne eben auch nicht. Gerade sein einnehmendes Wesen hat ihm Türen geöffnet, die er mit anderen Wesenszügen nie und nimmer offen gekriegt hätte.

Ganz sicher im Nahen Osten, wo er die Praxis der Zusammenkünfte im Privaten und hinter verschlossenen Türen früh durchblickt hat – aber auch bei Sponsorgesprächen für seine eigene Karriere und die seiner Schützlinge. Schließlich war Lechner nicht nur Förderer – sondern auch über zwei Jahrzehnte erfolgreicher Rennfahrer. Vor allem seine Einsätze in einem Gruppe C-Porsche, stets in den Farben einer Whiskeymarke gehalten, in der altehrwürdigen Interserie sind der Stoff, aus dem Motorsportlegenden sind.

Nicht zuletzt deswegen hat Lechner sich intensiv für die Pläne eines deutschen Gruppe C-Comebacks interessiert, das am 8. und 9. Mai auf dem Hockenheim-Ring stattfinden wird. Selbst im Krankenhaus ließ er sich noch über den Stand der Planungen auf dem Laufenden halten. Schließlich war er von 1985 bis '87 im Team von Günther Gebhardt in der C2-WM gefahren – jenem Kraichgauer, der jetzt das Supercup-Comeback der Gruppe C ausrichtet.

Und seinen legendären Interserie-Porsche 962C behielt Lechner bis zuletzt.

In der Gruppe C hat Lechner Geschichte geschrieben. Auch in der Sportwagen-WM, wo er im Team des legendären eidgenössischen Spielautomatenmagnaten Walter Brun antrat – und gegen seinen ebenso gewieften und gewitzten Landsmann Franz Konrad antrat, bis hin zu den 24 Stunden von Le Mans. Der geplante Group C-Supercup in Hockenheim im Mai 2021 hat ihm deswegen auch so sehr am Herzen gelegen. Am liebsten hätte er sich noch aktiv in die Organisation des badischen Spektakels mit eingebracht. Doch seine Kraft hat dazu schon nicht mehr gereicht, als die Pläne im Spätsommer 2020 durch einen Bericht in PITWALK bekannt geworden sind.

Zu den Begünstigten seines großen Herzens zählten junge Journalisten ebenso wie junge Rennfahrer und eigentlich jeder, der in der Branche Rat brauchte. Walter Lechner kannte jeden, und er hatte zu jedem einen guten Draht. Meinungsverschiedenheiten gab's, klar, aber die offene Feindschaft, die den Motorsport auch immer wieder prägt – die passte nicht zum Wesen des stets wie ein gutmütiger Onkel wirkenden Wahl-Salzburgers.

Und zu den Geförderten gehören auch die eigenen Söhne, Robert und Walter jr.. Letzterer, der jüngere der beiden, musste sich als Twen durch eine Leukämie-Erkrankung kämpfen, hat den Blutkrebs aber niedergerungen. Beide waren erfolgreiche Nachwuchspiloten bis hinein in die Formeln Renault und 3, haben dann aber im finanziellen Wettrüsten um den weiteren Aufstieg auf Vernunft gesetzt – sicher auch, weil der Vater darauf insistiert hat.

Beide wurden Teamchefs, im Porsche-Supercup gab es zwischendurch erbitterte Duelle zwischen den Rennställen von Vater und Sohn. Es sah von außen betrachtet nach Familienzwist aus, war aber wohl eher der Plan vom alten Herrn, seine Jungs auch als Teamchef zu stählen – und an sich selbst messen zu lassen.

Heute lebt die DNA von Walter Lechner in seinen beiden Söhnen fort. Sie haben nicht nur die Haartracht vom Vater geerbt – sondern auch den Charme, die Entschlossenheit und das sonnige Gemüt. Und nicht zuletzt die Geschäftstüchtigkeit. Als Teamchefs und Rennserienveranstalter sind Robert und Walter jr. längst selbst feste Größen.

Walter Lechner muss stolz auf die beiden gewesen sein.

Im Alter von 71 Jahren ist ein ganz Besonderer gegangen. Ein ganz besonderer Motorsportler – und ein ganz besonderer Mensch.


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