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06.11.2020

Trauer um Ken Hensley


PITWALK trauert um Ken Hensley. Der gebürtige Engländer war Gründer und kreativer Kopf der Rockband Uriah Heep – und in den ersten Jahren der Zeitschrift PITWALK auch Exklusivkolumnist für Deutschlands größtes Motorsportmagazin. Denn Ken Hensley war Zeit seines Lebens leidenschaftlicher Formel 1- und Motorsportfan; in den Zeiten der größen Blüte von Uriah Heep unterhielt er sogar ein eigenes Formel Ford 2000-Team mit Dulon-Fahrzeugen, in dem er phasenweise auch selbst fuhr.

Kennengelernt haben wir uns bei einem Grand Prix in Monza anno 2007 bei einem gemeinsamen Abendessen mit Ralf Schumacher, einander vorgestellt von einem Kollegen, der um meine Leidenschaft für Hardrock und Heavy Metal wusste. Aus dem Abendessen entstand eine lose Bekanntschaft – und die Idee, die ersten Jahre von PITWALK mit Kolumnen aus dem wilden Leben eines rockenden Racers (oder andersrum) und aktuellen Einschätzungen der Formel 1 aus der Perspektive eines Edelfans aufzupeppen. Denn schließlich wollten wir uns inhaltlich abgrenzen von den anderen Medien des Genres, und dazu waren uns auch solche abseitigen Geschichten mit Wow-Effekt dafür gerade recht.

Ken Hensley zeigte sich sofort begeistert. Und schon bei den ersten Texten, die er von seinem einsamen Bauernhof aus der Nähe des spanischen Alicante schickte, zeigte sich: Der Mann hat verstanden, worum's geht. Mit spitzer Feder und typisch englischem Humor nahm er seine eigenen Motorsportabenteuer und damit auch sich selbst auf die Schippe. Später brachte er Blickwinkel auf die Welt der Formel 1 ein, auf die man mit reinem Insiderblick nicht kam – die aber immer Hand und Fuß hatten. Die Kolumnen wurden über viele, viele Ausgaben zu einem Quell echter Bereicherung für PITWALK, sie haben die Tonalität der jungen Zeitschrift in deren Welpenphase maßgeblich getroffen.

Und sie haben eine Seite von Ken Hensley gezeigt, die sich später auch in allen Begegnungen widerspiegeln sollte: großzügig, weltoffen, geprägt von einem scharfen Gerechtigkeitssinn. Als wir dabei waren, eine Benefizauktion zugunsten des nach einem schweren Unfalls an den Rollstuhl gefesselten Speedwayfahrers Sönke Petersen zu organisieren, bot Ken Hensley sogar ein Benefizkonzert auf dem Gelände des MC Norden und seines Stadions Motodrom Halbemond an – gratis, einfach nur, um mit seinem großen Herzen zu helfen.

Faster – so hieß das Album, mit dem Hensley sich auch in Motorsportkreisen unvergessen gemacht hat. Denn es ist ein Konzeptalbum zur Formel 1. Mit der inoffiziellen Hymne der Königsklasse. Es gibt keinen Song, der die Faszination Formel 1 derart dynamisch und kraftvoll in sich vereint und wiedergibt wie dieser Hardrockklassiker – der auch bewusst weder zu heavy noch zu lang daherkommt, sondern im Achtzigerjahrestil das Zeug zu einem e-gitarrenlastigen Radiohit hat. Es ist immer noch zeitlos, jeder sollte ihn sich gleich noch mal downloaden und anhören. Oder die CD einlegen.

Dazu macht Ihr am besten ein gutes Glas Rotwein auf. Denn das hat Ken Hensley sich auch immer gegönnt. Zu jedem Essen, vor jedem Konzert.

Zum ersten Mal sah ich das bei einem gemeinsamen Mittagessen im Landhaus Walter. Dort hatte Ken Hensley uns eingeladen, beim Soundcheck dabei zu sein und danach mit der Band Live Fire zu essen, bevor es im Downtown Blues Club im Hamburger Stadtpark ins Konzert gehen sollte. Ich zeigte mich erstaunt. Denn kurz nach unserem allerersten Treffen in Monza hatte ich den Boxset namens Blood on the Highway gekauft – ein Konzeptalbum über einen jungen Rockstar mit Hang zum Motorsport, der vor lauter Erfolg und Jasagern um sich herum die Bodenhaftung verliert, und einer Autobiografie des Engländers. In der schildert Ken Hensley schonungslos, wie er – in den Siebzigern als Rockstar wohl unvermeidlich – abstürzte in einen Rausch von Erfolg, Geld, Drogen und Alkohol. Und wie er sich als Wiedergeborener Christ geläutert aus diesem Sumpf befreite.

Da war das ganze Geld, das er als Komponist von Hits wie Lady in Black verdient hatte, längst weg. Und die alten Bandfreundschaften zerbrochen, weil auch andere Uriah Heep-Mitglieder zu viel getrunken und zu wenig gelebt hatten. Die einstige Startruppe zerstritt sich heillos. Uriah Heep machten mit neuer Besetzung weiter, nur ein Gründungsmitglied ist dabei geblieben. Ken Hensley nannte seine alte Kombo nur noch eine Coverband.

Er selbst holte mit neuen Projekten erneut Schwung. Und dazu umgab er sich mit jüngeren Musikern. Er entwickelte eine Freude daran, neue Talente aufzuspüren und zu fördern. Beim Mittagessen am Hamburger Downtown Blues Club saß in Live Fire eine Band mit nordischen Wurzeln am Tisch, denen man anmerkte: Sie sind stolz und dankbar zugleich, mit Ken Hensley auf der Bühne stehen zu dürfen.

Auch wenn das Publikum mittlerweile aus dem bestand, was man mit milden Lächeln als Altrocker bezeichnete. Ken Hensley ging immer noch darin auf, vor seinen Fans spielen zu können. Die alte Hammondorgel, gezeichnet von den wilden Jahren des Erfolgs, stand bis zuletzt wie ein Insignium der Golden Zeit vor ihm auf der Bühne. Er entlockte ihr immer noch jene einzigartige Mischung aus pastoralen und metallenen Klängen, die Ken Hensleys Werk so einzigartig machten.

Das eine Glas guten Roten ließ er sich trotz seiner wilden Vergangenheit nicht nehmen. Angst vor einem Rückfall in die Suchtgefahr kannte er nicht. Stattdessen, so antwortete er mir, nehme ich das Gläschen die Nervosität, die er auch im gesetzten Alter noch vor jedem Auftritt verspüre.

Bei allen Treffen mit Ken Hensley zeigte sich eine Tendenz, die ich auch bei Unterhaltungen mit anderen Rockstars immer wieder erfuhr – etwa mit Brian Johnson, dem Sänger von AC/DC, oder Victor Smolski, dem genialen Schwermetallkomponisten, der vor Corona gerade selbst ein Motorsportthemenalbum rausgebracht hat: Sie alle interessieren sich derart für den Rennsport, dass sie sich am liebsten ohne Unterlass darüber unterhalten möchten. Und das, obwohl ich selbst als leidenschaftlicher, aber passiver Hard- und Heavyrockfan am liebsten nur Fragen zur Musik und den Storys dahinter stellen möchte. Die werden immer nur kurzangebunden beantwortet – und das Gespräch wird dann von den Künstlern nonchalant wieder auf Racingthemen gelegt. Mit einem Leuchten in den Augen.

Und, auch das eint Hensley, Johnson, Smolski, aber auch etwa den Tatort-Schauspielerstar Richy Müller: Obwohl sie alle mehr erreicht haben als selbst die größten Rennfahrer, sind sie in ihrem Auftreten bescheidener, freundlicher und bodenständiger als die Stars des Motorsports. Weniger wichtig, weniger staatstragend, dafür einfach rundweg angenehmer. Manche sind es scheinbar gleich geblieben, andere erst wieder geworden, nach ihren Höhenflügen im wilden Rockstarleben.

Die Zeichen eines wilden Lebens trug Hensley auf der gegerbten Haut. Aus der Ferne sah er stets aus wie ein Indianerhäuptling – mit langem schwarzen Haar, hagerem Körperbau und rötlich-brauner Haut. Mit seiner Frau Monica lebte er auf einem Resthof bei Alicante in Spanien, mit Schafen und Ziegen, wie auf einer Arche, weitgehend als Selbstversorger. Die Shutdowneinsamkeit setzte ihm deswegen auch nicht zu, Monica und er wohnten eh' weit vom Schuss.

In seinem Studio auf dem Hof entstand schon ein neues Album. Dazu reiften auch Pläne für eine Tournee. Gerade in Russland wurde Hensley im Alter immer und immer populärer, dort sollte es noch mal hingehen. Dann kam eine kurze, schwere Krankheit dazwischen.

Ken Hensley wurde 75 Jahre alt.

Ein ewiger Traum von ihm blieb eine Rockoper nach dem von Tommy von The Who, die sich in ihrer Handlung um Motorsport drehen sollte. Die Ideen und das Storyboard dazu standen längst, doch die Finanzierung erwies sich stets als zu aufwändig.

Es wäre ein Werk geworden, das auch in der Motorsportszene für Sprachlosigkeit gesorgt hätte.


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