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12.04.2019

Tausendschön


So genau kann man’s zwar nicht planen. Aber irgendwie wirkt es doch wie gemalt: Ausgerechnet in Schanghai absolviert die Formel 1 ihren 1.000 WM-Lauf. Und nicht etwa den 1.000 Grands Prix, wie vielfach zu lesen steht – denn in der Frühphase der WM zählten auch die 500 Meilen von Indianapolis für die Punktevergabe, auch wenn das Spektakel in dem Vollgasoval im Mittleren Westen der USA nie ein Grand Prix war, sondern nur ein WM-Lauf.

Also: 1.000 WM-Läufe, so pingelig muss man schon sein. Und das im Fernen Osten. Wo Autorennen lange ein Fremdkörper waren. Doch weil die Fahrzeugindustrie im roten Riesenreich höhere Stückzahlen absetzen kann als anderswo auf der Welt, hat die Industrie China als wichtigsten Markt erkannt – und die Chinesen mit Motorsport beglückt.

Zu deren großer Verwunderung. Denn bei den ersten Großen Preisen in China wussten die Einheimischen gar nicht, was ihnen da übergestülpt wurde. Beim ersten Rennen auf der gigantomanischen Anlage in einem ehemaligen Sumpfgebiet mussten die Ränge noch mit Schulklassen gefüllt wurden, die dort wie auf Klassenfahrt zwangshingekarrt wurden – und mit weit aufgerissenen Mündern den Höllenlärm der vorbeirasenden Geschosse verfolgten.

Apparatschiks haben ihnen verordnet, für welche Fahrer sie sich begeistern sollten. Die Fangemeinden wurden dabei nach der Popularität der Piloten in Europa aufgeteilt, irgendwoher mussten die importieren Anhaltspunkte ja kommen. Und beim zwangsweisen Warten auf Autogramme vor den Fahrerlagereingängen verwechseln die manche Chinesen auch heute noch Sebastian Vettel mit Kimi Räikkönen.

Denn Motorsport bleibt in China eine Randsportart. Zwar gibt es inzwischen einige Einheimische, die die Rennerei mit Leidenschaft betreiben. Doch die meisten Nachwuchsfahrer aus dem Reich der Mitte stammen in Wahrheit aus Europa, weil ihre Familien dorthin aus Berufsgründen ausgewandert sind. Die Jungs sind also in zweiter Generation mit dem Motorsport alter Prägung aufgewachsen.

Echte Eigengewächse auf der Rundstrecke findet man auch heute noch höchst selten in China. Die Einheimischen gehen lieber in den Offroad-Geländesport wie etwa die Rallye Dakar. Denn in den riesigen Wüsten, die sich bis in die Mongolei erstrecken, finden pro Jahr zwei riesige Cross Country-Marathonrallyes statt, dazu gibt es viele kleinere Veranstaltungen nach Machart der großen Dakar – und Sport mit Geländewagen oder Pick-Ups ist mehr nach dem Geschmack der Chinesen. Zumal die Anrainer der Wüsten sich schon seit Jahrzehnten mit Autos in den Dünen austoben. Dort haben sie jenes Training und jene Fahrpraxis, die ihnen auf der Rundstrecke fehlen.

Ich kann mich noch gut an die ersten Großen Preise in China erinnern. Man hatte uns Journalisten eingeflößt, wir müssten auf jeden Fall ein Journalistenvisum einholen – ein Prozess, der mit unendlich viel Papierkram und halbtagslangen Wartezeiten in der Botschaft oder im Konsulat an der Hamburger Elbchaussee verbunden ist. Und wer Pech hat, dem fehlte nach Ansicht des Konsulatsmitarbeiters eine Seite aus der Telefaxsammlung, dann konnte man sich wieder trollen und einen neuen Anlauf nehmen.

Oder einfach als Tourist einreisen. Aber das hat sich kaum einer getraut. Noch heute sorgen die Visa für Verdruss bei den Kollegen.

Ebenso wie beim ersten oder zweiten Grand Prix das Fahrkönnen jener jungen Chinesen, die man fürs Rahmenrennen der Nachwuchsserie Formel Renault verpflichtet und an europäische Einsatzteams weitervermittelt hatte. Einer dieser Rennställe war das Team Motopark aus der Magdeburger Börde, geleitet von meinem Kumpel Timo Rumpfkeil. Und der stand schon bald vor einem Berg abgerissener und zerfetzter Karosserieteile seiner Autos, der jedes Mal größer wurde, wenn ich wieder in das Teamzelt kam. Rumpfkeil zeigte sich überzeugt davon, den Chinesen müsse ein Teil in der Reflexansteuerungskette fehlen, denn jedes Mal, wenn das Auto auch nur ein bisschen quer in den Drift kam, krachte sein Lokalmatador in eine Planke – statt den Drift durch Gegenlenken wieder einzufangen. Das Gen zum Gegenlenken sei den Chinesen nicht vererbt worden.

Diese Art der Fahrzeugbeherrschung hat sich immer noch nicht bei vielen Chinesen durchgesetzt, in der Wüste eher als auf Teer und Asphalt. Der Weg zu einem Einheimischen als Identifikationsfigur ist noch weit.

Aber mit brutaler Nachhilfe haben es die Werke immerhin geschafft, auch bei den Chinesen ein Bewusstsein für die Motorsportgeschichte zu wecken. Inzwischen bewundern auch die alte Rennwagen wie den Porsche 917 im modernen Porsche-Erlebniszentrum auf dem Gelände der Strecke oder den Lotus 49, in dem Damon Hill Ehrenrunden drehte – um dem 1.000. WM-Lauf einen würdigen Rahmen zu verleihen. Zwar verstehen sie nicht, was dahintersteckt – sehen aber in der Urigkeit und Urwüchsigkeit etwas ganz Besonderes, das sie verzückt. Grundlos zwar, aber immerhin.

Der Kulturwandel ist noch im vollen Schwange. Deswegen finden die Feierlichkeiten zum Tausendsten auch eher für die Gäste aus Europa statt, die sich an ihrer Geschichte delektieren – und daran, dass sie damit auch auf dem wichtigsten Markt der Autoindustrie gefeiert werden.

So was nennt sich dann wohl schönreden. Aber Hauptsache, es hilft.


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