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13.04.2018

Supernova statt Mercedes-Stern


Der Titelverteidiger steht kurz vor seiner größten Blamage im modernen Motorsport. Zwei Mal stellte Mercedes bei den ersten beiden Grands Prix des Jahres das schnellste Auto und in Lewis Hamilton auch den schnellsten Fahrer – und beide Male verließ Sebastian Vettel denn Rennplatz als Sieger.

Jetzt steht der dritte Große Preis auf dem dritten völlig anders gelegten Asphalt auf dem Programm, und wenn Mercedes in Schanghai den Sieg wieder leichtfertig vertändelt, dann gehen der Mannschaft von Christian Torger Wolff langsam die Erklärungen aus.

Zumal auch sonst, in den anderen Motorsportsparten, in denen Mercedes vertreten ist, alles schiefläuft. Das Deutsche Tourenwagen-Masters haben die Schwaben in einem übereilten Schritt wegen möglicher Dieselfolgekosten verlassen – gerade in dem Moment, in dem der Motorsport-Weltverband FIA ein Konzept aufgesetzt hat, wie die Internationalisierung der Serie gelingen kann. Mercedes war stets eine treibende Kraft hinter der Ausdehnung des DTM; kaum findet sie statt, haut man in den Sack. Und steht damit denkbar blöd da.

Ich gebe zu: Der letzte Absatz ist beim derzeitigen Wissensstand, der in den Medien verbreitet ist, etwas schwer zu verstehen. Aber lesen Sie die nächste Ausgabe von PITWALK, deren Druck gestern Abend abgeschlossen wurde – dann wissen Sie, was gemeint ist. Denn da enthüllen wir erstmals die wahren Pläne und Zusammenhänge rund ums DTM ab 2021.

Statt des DTM fährt man künftig Formel E. Die Rennserie mit strombetriebenen Einheitsautos stellt keine technische Herausforderung dar, trotzdem gönnt man sich ein ganzes Jahr Vorbereitungszeit, ehe man werksseitig einsteigt. HWA, den Motorsporttechnikpartner für alles außer der Formel 1 aus Affalterbach, schickt Mercedes schon ein Jahr früher vor – und denkt allen Ernstes, die Beobachter verstünden nicht, dass das ein getarnter Werkseinsatz ist.

Mercedes hätte die Möglichkeit gehabt, das in der Formel E engagierte Venturi-Team zu übernehmen. Dort fährt in Maro Engel eh’ schon ein Werksfahrer, der Rennstall aus Monaco hat Superingenieure mit Formel 1-Hintergrund, welche die einzige Herausforderung der Formel E mit links meister: gründliche Vorbereitung und Anwenden der richtigen Renntaktik, gegebenenfalls auch Anpassen derselben an veränderte Ausgangslagen während der Rennen. Also genau das, woran das Werksteam in der Formel 1 in Melbourne und Bahrein gescheitert ist.

Aber anstatt den Vertrag mit Venturi, der schon in Absichtserklärungen stand, dingfest zu machen, sah Mercedes zu, wie Venturi sich für die Zukunft Audi-Kundenmotoren und -hinterachse sicherte. Damit ließ der Stuttgarter Konzern sich ausgerechnet von einem seiner größten Rivalen vorführen – und muss nun in der Formel E von Null anfangen.

Man kann sich über so viele strategische Fehlentscheidungen nur wundern.

Andererseits verstrickt sich Mercedes in der Formel 1 gerade in einen Machtkampf mit der Dachorganisation, der nicht zu gewinnen ist. Toto Wolff und Co. wollen nicht einsehen, dass ein Sport nur funktionieren kann, wenn nicht die Teilnehmer die Regeln machen – sondern ein Dachverband. Was dabei rauskommt, wenn die Akteure zu viel Mitspracherecht genießen, sieht man an den vermurksten Grand Prix-Regeln der vergangenen Dekade, die von Mal zu Mal immer schlimmer wurden. Und maßgeblich von Mercedes mit diktiert worden sind übrigens.

Wenn Mercedes seine Drohung wahrmacht, gemeinsam mit Ferrari eine Piratenserie aufzuziehen, werden beide Firmen Milliarden versenken, ohne dass die Öffentlichkeit viel davon mitbekommt. Denn eine Piratenserie ist zum Scheitern verurteilt. Alles, was sie erreichen wird, ist: selbst nicht vom Fleck kommen, aber der Formel 1 einen Kollateralschaden zufügen. Die Formel E interessiert zwar auch niemanden, die Einschaltquoten sind kaum messbar und die Zuschauerränge trotz freien Eintritts nur bei Ausnahmerennen wie der Fiesta Mexikana, wo ich selbst vor Ort war, voll. Aber die Einsätze der simplen Autos sind wenigstens preiswert.

In der Formel 1 zahlt Mercedes den Preis für einen Technikspagat: Ein radikal neues Auto war ihnen zu heikel, steht aber als B-Modell in Brackley parat – und die moderate Weiterentwicklung des WM-Wagens langt nicht mehr, um Ferrari sicher in Schach zu halten und sich dabei auch die fürs Team üblichen Flüchtigkeitsfehler leisten respektive diese kaschieren zu können.

Die Lage für Mercedes ist aussichtslos. Sie werden auch in Schanghai wieder das schnellste Auto haben, und irgendwann wird ihre Pechsträhne enden. Aber sie haben Ferrari zwei Rennen lang stark gemacht; schließlich kann man ja auch eine Torwart so lange warmschießen, bis der plötzlich alles hält, auch die sogenannten Unhaltbaren. Wenn Mercedes in diesem Jahr nicht Weltmeister wird, wäre das vergleichbar, als ob Bayern nicht die Meisterschale holt – also eine viel größere Blamage als etwa ein Abstieg vom Eff-Zeh oder vom HSV.

Mercedes steht an allen Fronten mit dem Rücken zur Wand. Helfen kann nur noch ein Befreiungsschlag in Schanghai. Aber selbst damit wäre nur einer von vielen Brandherden gelöscht.


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