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06.06.2019

Strohhalm


Die Knolle kostet einen Euro. Ohne Pfand. Mitten im Schanzenviertel von Hamburg-Altona kann man eine Buddel Bier zum Spottpreis kaufen. Und zwei, drei Häuser weiter gibt es Veganer Hanf-Eis für knapp sieben Euro, wenn man zwei Kugeln in der Waffel nimmt. Im Becher noch ‘n bisschen mehr.

Was das mit der Formel 1 zu tun hat? Sehr viel. Denn Ferrari ist das Hanf-Eis der Königsklasse. Die Italiener kriegen die höchsten Ausschüttungen von den Preis- und Startgeldern der Formel 1-Organisation. Eigentlich müssten die Roten ähnlich dominant sein wie Bayern in der Bundesliga. Denn mehr noch als beim Fußball gilt: Geld schießt Tore – gewinnt aber erst recht Rennen. Denn Technik und Entwicklung kosten, und je mehr man auf der hohen Kante hat, desto höher die Erfolgssaussichten.

Außer man heißt Ferrari.

Die Geschichte wiederholt sich. Denn die Formel 1-Annalen sind voll davon, wie Ferrari sich gegenseitig im Wege steht. Und stets vollzieht sich das Scheitern voller lautstarker Dramen. Meistens eingerahmt von Intrigen, Köpferollen und Bauernopfern. Gegen das, was bei Ferrari los ist, ist der HSV meistens der reinste Konfirmandenunterricht.

So gesehen, läuft es gerade noch richtig rund. Denn sportlich und technisch klappt zwar nichts. Aber immerhin hält die Teamleitung noch fein den Deckel auf dem auf Hochtouren kochenden Kopf.

Wie es um das Seelenleben der Italiener wirklich bestellt ist, zeigt sich in kleinen Details des Journalistenalltags. Ich habe für den Großen Preis von Deutschland einen der selten Einzelinterviewslots mit Sebastian Vettel in Aussicht. Aber nur, wenn ich meine Fragen vorher ausformuliert per E-Mail einreiche. Und sollte ich während des Interviews von diesem Fragenkatalog abweichen, behält Ferrari sich das Recht vor, das Interview sofort abzubrechen.

Die Vorsicht ist in gewisser Hinsicht sogar verständlich. Denn ein Großteil der Unruhe ging in der Vergangenheit traditionell darauf zurück, dass die lokalpatriotischen Journalisten etwa der Tageszeitung Gazette dello Sport bei jeder Gelegenheit zündelten. Mit einem reißerischen Vokabular, das das deutsche Boulevard wie Qualitätsjournalismus wirken lässt.

Und momentan ist die Lage wieder mal schwer zugespitzt. Montreal könnte den Wendepunkt einläuten, einen Point of no Return. Wenn auch in Kanada nichts passt, muss Ferrari Plan B zünden – und damit womöglich in Kauf nehmen, dass man über Jahre hinweg erfolglos bleibt. Und zwar so lange, bis Vettel zu alt wird für einen neuerlichen Anlauf auf die Krone.

Es droht eines der größten Missverständnisse der Formel 1-Geschichte. Die Roten haben Vettel geholt, um damit an die goldenen Zeiten von Michael Schumacher anzuknüpfen. Sie haben aber übersehen, dass Vettel ein völlig anderer Typ ist als Schumi – und dass die Infrastruktur nicht so stringent zusammenarbeitet wie zu des Siebenfachen Zeiten.

Die letzten beiden Jahre erinnern fatal an jene Zeiten, als das Technikgenie John Barnard versucht hat, die Strukturen bei Ferrari zu glätten und das Team zum Erfolg zu führen. Zwei Mal hat der Erfinder der Kohlefaserautos in der Formel 1 es versucht. Jedes Mal ist er an internen Intrigen gescheitert – an Machtkämpfen zwischen der Motoren- und der Chassiabteilung, an Geisterautos, die Unterabteilungen ohne sein Wissen, aber gegen seine Interessen in Maranello entwickelt haben und die das wahre Können von Barnard unterminiert haben.

Man fühlt sich auf fatale Art und Weise an diese Zeiten erinnert. Nur: Dieses Mal ist Vettel der Leidtragende. Also ist man als Deutscher zwangsläufig näher dran. Und man wundert sich um so mehr, warum Ferrari es auch gut 30 Jahre nach Barnard nicht geschafft hat, die Gezeiten in Italien zu beruhigen. Es gab zwar zwischendrin die megaerfolgreiche Phase mit Schumacher - aber danach sind die Ferrarristi wieder in genau jene Verhaltensmuster zurückgefallen, die schon früher nicht funktioniert haben.

Man kann genauso gut zum Preis einer Knolle antreten. Das schmeckt besser, und es bringt mehr als das Hanf-Eis. Kein Team verplempert mehr Geld als Ferrari. Derzeit versucht sich mal wieder ein neuer Teamchef daran, die Verkrustungen aufzubrechen. Er braucht jeden Strohhalm, an den er sich klammern kann. Dazu muss Ferrari in Montreal unbedingt gewinnen. Sonst kann nur ein langfristiger Plan greifen, an dessen Ende Mick Schumacher die neue Nummer 1 ist – und Vettel abgeschoben wird.

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