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06.10.2021

Speedway ist wie eine Sucht


Den Satz hört irgendwann mal jeder, der bei einer Bahnsportveranstaltung im Fahrerlager unterwegs ist. Speedway sei wie eine Sucht, heißt es; wer ein Mal den ganz besonderen Mix aus Geruch, Klang und Action erlebt habe, der komme von dieser ganz besonderen Form des Motorsports nie wieder los.

Da kann man nur sagen: stimmt genau.

Aber was macht Speedway so einzigartig, wie funktionieren diese Motorradrennen überhaupt? Und was macht das Flutlichtrennen von Dohren am Sonnabend noch mal so besonders speziell?

Speedway sind Motorradrennen auf einem Schotter- oder Lehmoval.

Ein Rennen ist stets aufgeteilt in 16 bis 20 Einzelläufe, sogenannte Heats. In jedem Lauf treffen vier Fahrer aufeinander – für jeweils vier Runden. Ein Heat dauert so nur etwas mehr als eine Minute, es ist also permanent richtig was los auf der Bahn.

Im Laufe einer Veranstaltung trifft jeder Fahrer mindestens ein Mal auf jeden seiner Gegner.

Für jeden Heat werden Laufpunkte ausgeschüttet: drei für den Sieger, zwei für den Zweiten, einer für den Dritten – und völlig zurecht keiner für den Letzten. Die Punkte auf dem Konto jedes Fahrers werden aufaddiert, die Punktbesten qualifizieren sich fürr zwei Halbfinals, und aus diesen Semifinals kommen je die besten beiden weiter ins alles entscheidende Finale. Über den Renntag oder -abend hinweg baut sich also ein immer stärker werdender Spannungsbogen auf, der sich wie ein roter Faden durchs Event zieht – und bis in die Zuschauerränge hin zu spüren ist.

Die Mischung aus kurzen, aber actionreichen Rennen und einer sich immer weiter aufbauenden Dramaturgie macht Speedway einerseits leicht zu durchschauen – andererseits aber auch unheimlich fesselnd.

Die Motorräder sind reine Eigenbauten; Prototypen mit 500 Kubikzentimeter großen Motoren. Weil sie unheimlich leicht sind, erreichen sie beim Start Beschleunigungswerte, die so schnell sind wie jene eines Formel 1-Boliden auf den ersten 50 Metern – also ganz gewaltig. Nur Dragster kommen noch schneller vom Fleck als Speedway-Bikes oder Grand Prix-Rennwagen.

Die Maschinen haben keine Bremsen. Sie werden mit möglichst viel Gas im Drift, also bewusst quergestellt, in die Kurven getrieben. Das erste Querstellen killt die Geschwindigkeit von der vorherigen Geraden. Die hohe Kunst besteht dann darin, den Gasgriff genau so weit aufzureißen und zu halten, dass das Hinterrad im Drift in den Kurven weiter durchdreht – ohne zu überziehen oder plötzlich Griff am Hinterrad kriegen und ungewollt Fahrt aufzunehmen.

Speedway ist nicht nur Motorradfahren – sondern eine kunstvolle Form des Balancierens auf dem Bike bei enormem Tempo. Und mit vier Mann auf direkter Tuchfühlung um sich herum.

Dohren, am Samstagabend ab 19 Uhr Austragungsort des ersten German Speedway Masters, potenziert die Magie und Faszination des Sports. Denn die 215 Meter lange Bahn weist keine Geraden auf; es geht permanent im Kreis herum. Die Fahrer sind also dauernd im Drift und ständig am Balancieren und Austarieren der Maschine, damit das Hinterrad in genau dem richtigen Maß durchdreht und nach einem bisschen Traktion scharrt wie ein Hühnchen nach dem letzten bisschen Futter vom frühen Morgen.

Der Startplatz von Dohren befindet sich wie ein Blinddarm außerhalb des Kreisverkehrs. Sein Belag weist einen anderen Härtegrad auf als die reine Bahn. Deswegen ist die richtige Abstimmung der Maschine – erzielt über das Kettenrad des getriebelosen Antriebs, den Beißpunkt der Kupplung und die Leistungskurve und -entfaltung der Motoren – für die Bahn im Emsland besonders knifflig.

Weil die Hinterräder dauernd durchdrehen, schleudern sie im Laufe eines Tages den losen Bahnbelag nach außen. Nach jedem vierten Rennen gibt es deswegen eine Bahndienst-Pause, in dem Traktoren mit Eggen den Belag wieder nach innen schleppen und eventuelle Rillen und Löcher flicken.

Im Laufe jeder vier Rennen vor dem nächsten Bahndienst verlagert sich die Ideallinie – je nachdem, wie das Material wandert. Zu Beginn ist die innere Spur die schnellste, weil kürzeste. Doch wenn sich außen mehr loser Schotter sammelt, kann man sein Hinterrad genau in die Kante zwischen der freigefegten Bahn und dem losen Haufen auf der äußeren Spur platzieren, sich quasi an den Haufen anlehnen – oder, wenn man sich noch weiter raustreiben lässt, das Rad ins lose Material sogar förmlich eingreifen.

In Dohren kann man mit dieser gewagten Linienwahl über zwei, drei Runden lang außen rum Schwung holen – und so eine Schlussattacke auf den Vordermann mit Überschuss vorbereiten.

Das Ganze wird im Emsland – Dohren liegt bei Meppen und Haselünne – dadurch verdichtet, dass die tausende von Zuschauern den Eichenring in einen Hexenkessel versammeln. Und dass das Rennen bei Flutlicht stattfindet und mit einem pompösen Feuerwerk beendet wird – das German Speedway Masters ist ein Happening, keine einfache Motorsportveranstaltung.

Sehen wir uns Sonnabend in Dohren?


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