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24.04.2019

So blamiert sich Renault


Wer am coolsten und lustigsten sein will, der hat in der Formel 1 in aller Regel die größten Blamagen zu verbergen. Dieses ungeschriebene Gesetz zeigt sich vor dem Baku-Grand Prix wieder mal ganz offensichtlich: Renault schickt plötzlich vermeintlich komische Videos durch die Sozialen Medien, in denen Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo sich mit Plastikwaffen und anderem Spielzeug eine Materialschlacht mitten in den Ingenieurbüros des Teams in Enstone liefern.

Dazu ein Haufen von Teammitarbeitern gezielt gesetzten Kommentaren und Däumchen, und schon findet „das Netz“ Renault plötzlich lustig. In Wahrheit sind die Franzosen die größten Verlierer der jungen Saison. Spätestens ab Baku sind die endgültig diejenigen, die die schwächsten Motoren gebaut haben. Das wird in Aserbaidschan offenkundig werden.

Die längste Gerade der ganzen Formel 1-Saison lauert ausgerechnet mitten in der Stadt. 24 Sekunden lang stehen die Grand Prix-Piloten in Baku ununterbrochen auf dem rechten Pedal. Da zählt vor allem Motorleistung – und die hat ein Team mehr als alle anderen: Ferrari.

Schlägt deshalb in der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan die Stunde von Sebastian Vettel? Oder kriegt der in die Kritik geratene Vierfachweltmeister plötzlich sogar unerwartete Konkurrenz? Denn ausgerechnet Max Verstappen, dem bislang stets eine Nasenlänge auf die Ferrari und die Mercedes gefehlt hat, kriegt für Baku reichlich unerwartet eine neue Motorausbaustufe von Honda.

Die Japaner wollten die eigentlich noch um zwei Rennen zurückhalten. Doch ein Defekt bei Daniil Kwjat in Schanghai zwang Honda zum Handeln. Der neue Motor ist nicht nur im Bereich der kritischen Stelle, die schon vorher als Achillesferse ausgemacht worden war, verstärkt. Er kriegt auch eine ordentliche Leistungsspritze, die Red Bull trotz des heikel abzustimmenden Red Bull-Chassis an die absolute Spitze heranführen kann.

Renault dagegen stürzt im Wettrüsten der Werke immer weiter ab. Deswegen müssen die Franzosen irgendwie von ihrem Versagen ablenken – und tun das mit Nonsensvideos im Netz. Dabei haben sie ein prominentes Vorbild: Red Bull hat es einst genauso gemacht, als die Limonadenabfüller Jaguar Racing übernommen und umstrukturiert haben.

Damals war den Österreichern mit ihrer exzellenten Marketingabteilung klar, dass sie in den ersten Jahren keinen sportlichen Erfolg haben können. Also bemühten sie eine andere Schiene, um Sympathien zu schaffen: Sie brachten eine eigene Fahrerlagerzeitung heraus, in der sie mit mehr oder minder gelungenen Witzen gute Laune am frühen Morgen versprühen wollten, wenn die bis zu 400 Journalisten durch die Drehkreuze, begleitet von einem digitalen Tusch, in Richtung Pressezentrum strömen. Und sie veranstalten vor jedem Grand Prix Misswahlen. Die „Formula Unas“ stöckelten und stolzierten dann durchs Fahrerlager, standen meist irgendwo im Weg rum, waren dabei aber immerhin dekorativ.

Auch wenn man heutzutage nur noch „#MeToo“ hören würde, wenn man so eine Aktion startet.

Red Bull galt damals in der Tat als das coolste Team, doch heute ziehen solche Ablenkungsmanöver nicht mehr. Sie sind abgegriffen. Und deswegen geht das Gagfeuerwerk von Renault auch nach hinten los. Zumal die Marke einen Ruf zu verlieren hat: Anfang der Achtziger galten die Franzosen als „Turbo-Pioniere“, sie haben die neue Technik mit zwangsbeatmeten Motoren überhaupt erst in die Formel 1 gebracht. Jetzt kriegen sie es seit Jahren nicht auf die Reihe, die neuen Turbomotoren und dort vor allem die Turbodynamos, die im Fahrerlagerjargon „MGU-H“ heißen, zum Arbeiten zu bringen. Die Motoren sind nicht nur brustschwach, sondern auch anfällig.

Spätestens seit Red Bull von Renault auf Honda gewechselt hat, ist offensichtlich, wie schlecht Renault wirklich dasteht. Was sich auch auf die Arbeitsweise zurückführen lässt: Man ist beim Motorhersteller wieder in eine typisch französische Mentalität verfallen. Fehler werden nicht angenommen und zwecks Verbesserung angefasst – sondern man lamentiert lieber, alles sei doch gar nicht so schlimm, und erklärt noch aussschweifend, wie es zur Ausgangslage überhaupt kommen konnte. Das kommt in Frankreich in vielen Firmen immer wieder vor. Dann stagnieren die betroffenen Unternehmen, und nur ein Umbau der ganzen Führungsetage mit einhergehender neuer Firmenkultur bringt dann den Durchbruch zum nächsten Schritt.

Renault setzt noch auf die alte Chefetage. Und auf komische Witze.


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