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02.08.2020

Seuchenvögel


Der Geheimtipp ist nicht mehr. Die Dadford Road führt direkt am Haupteingang der Rennstrecke von Silverstone entlang. Und wer sich in den englischen Grafschaften Buckinghamshire und Northamptonshire ein bisschen auskennt, der weiß: Die Dadford Road ist auch einer von vielen Insidertipps anlässlich des Großen Preises von England. Denn vom Anfang aus, kurz vor der Abfahrt zum Silverstone bypass, der vierspurig ausgebauten Landstraße A43, kann man sich auf hohe Betonsockel stellen und so einen Blick auf die letzte Kurve vor Start/Ziel erhaschen, inklusive der Boxeneinfahrt und dem Silverstone Wing, also dem gezackten Boxenneubau.

Jetzt wird die Straße, die Silverstone mit Dadford und dem malerischen Ententeich- und Mühlendörfchen Buckingham verbindet, geschlossen. Und die Zäune hinter den Betonblocks werden mit blickdichten Plastiklaken verhängt. Denn es soll ja keiner auf die Idee kommen, doch noch nach Silverstone zu reisen, um mit Trick 17B die beiden Geisterrennen gucken zu können.

Die Lage auf der britischen Insel ist unübersichtlich. Einerseits hört und liest man in den Allgemeinmedien hierzulande immer neue Horrormeldungen über Coronamassenfälle und unverhältnismäßig viele Tote. Doch wer mit Insidern aus der Formel 1-Gemeinde telefoniert, die im „Motorsports Valley“ in England angesiedelt sind, dem eröffnet sich ein ganz anderes Bild. In Bradford und in Leicester sind üble Coronaherde – weil dort viele indische und pakistanische Familien in großen Mehrgenerationenverbünden wohnen. Dort scheint es also so zuzugehen wie in den Hochhäusern von Göttingen vor ein paar Wochen.

Und ein weiteres Krisenzentrum, versichern mir Formel 1-Engländer, seien Alters- und Pflegeheime. Dort habe man die Gefahr unterschätzt. Das wiederum deckt sich mit meinen persönlichen Gesprächen mit Schweden über deren sogenannten „Sonderweg“: Auch dort, sagen mir meine Wikingerbekannten aus dem Motorsport, hat es vor allem in Seniorenheimen eingeschlagen. Das Wirtschaftsleben konnte in Schweden weitergehen, Großveranstaltungen hingegen nicht. Sogar die Schwedische Speedwayliga musste pausieren.

Die Britischen Speedwayligen sind für 2020 inzwischen ganz abgesagt worden, weil die englische Regierung einen Fünfschritteplan für die Wiedereinführung von sogenanntem „elite sport“, also Profisport, beschlossen hat. Premier League Football und die Rugby League fallen darunter, aber auch Speedway – und Autorennen. Deswegen musste ein Plan, am Wochenende für die erste Veranstaltung der Britischen Tourenwagenmeisterschaft im Donington Park gleich wieder Fans zuzulassen, am Mittwochabend vor dem Rennen in den malerischen Midlands wieder abgeblasen werden. Obwohl ein Sicherheits-, Abstands- und Hygieneplan vorlag, der weitgehend gefahrloses Zuschauen in dem weiten offenen Grünpark möglich gemacht hätte.

Das könnte man auch in Silverstone, denn auch dort verlaufen sich die Fans in weiten Rasenanlagen neben der Strecke. Die Haupttribüne hätte man teilsperren können – dann wären Fans schon wieder bei der Formel 1 möglich gewesen, wie es die IndyCar in Iowa und Elkhart Lake und die NASCAR, ebenfalls in den USA, schon seit Homestead wieder vorlebt. Die Amerikaner sind da einfach einen Schritt weiter – sie denken radikaler und setzen die Ideen dann auch konsequenter um. In Elkhart Lake gab es nicht nur fest zugewiesene Planquadrate für jeden Zuschauerhaushalt, wie einen Claim in der alten Goldgräberzeit – jeder Besucher kriegte auch bei der Einfahrt gleich einen Coronaschnelltest durch die Autoscheibe in die Hand gedrückt.

Beim Indy 500, dem größten Einzelrennen der Welt vor den Toren von Indianapolis, werden schon wieder ein Viertel der Plätze belegt sein. Klingt nach wenig – sind aber nachgerechnet fast 100.000 Zuschauer in der riesigen Anlage im Mittleren Westen und damit mehr, als zu den meisten Formel 1-Grands Prix bei ausverkauftem Haus in Normalzeiten kommen würden.

Die Formel 1 traut sich da weniger zu. Auch, weil mehr Leute auf sie achten. Erst recht seit den Coronafehltritten von Valtteri Bottas und Charles Leclerc in Österreich, welche die Bemühungen um Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion weit zurückgeworfen haben.

So sah es dann kurz so aus, als solle das Undenkbare geschehen: Die nationale – dort zwar enorm erfolgreich, mehr als das DTM in Deutschland, aber dennoch insgesamt kleine – Britische Tourenwagenmeisterschaft erlaubt am selben Wochenende wieder Zuschauer an die Rennstrecke, an dem die Formel 1 nur 87 Kilometer Luftlinie entfernt ein Geisterrennen vor leeren Rängen austragen muss. Man muss keinen Aluhut im Schrank haben, um sich ausmalen zu können, dass die Chefs der Formel 1 da beim obersten englischen Rennsportverband „Motorsport U.K.“ angeklopft haben, auf dass die ihrem BTCC-Lizenznehmer TOCA noch mal einen sanften Hinweis geben.

Die ganze Debatte um Zuschauer bei den Rennen bleibt emotional aufgeheizt. Und der Fall von Sergio Pérez, der am Donnerstag vor Silverstone mit einem „nicht aussagekräftigen Test“ vor den Fahrerlagerdrehtoren wieder abgewiesen wurde und dann wegen Virenbefalls tatsächlich fernbleiben musste, zeigt, dass man die Seuche in der Tat nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Auch bei den rigiden, teils überzeichneten Isolationslösungen in der Grand Prix-Szene sucht das Virus weiterhin nach einem Weg ins Fahrerlager. Und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis es das auch findet.

Einerseits wäre es natürlich schade, wenn dann die Saison wieder unterbrochen werden müsste. Andererseits aus rein sportlicher Sicht vielleicht auch nicht. Denn sonderlich viel Spannung steht in den kommenden Jahren wohl nicht zu erwartenden. Mercedes ist derart überlegen, dass Lewis Hamilton sich nur selbst schlagen kann – mit Tollpatschigkeit, die nur alle paar Monate mal vorkommt.

Der WM-Titel 2020 für Hamilton ist nur noch Formsache, die erfolgreiche Titelverteidigung 2021 auch. Denn fürs nächste Jahr dürfen die Autos so gut wie gar nicht weiterentwickelt werden. Das hat der Automobilweltverband FIA beschlossen, um den Teams in der Coronakrise so viele Ausgaben wie möglich zu ersparen.

Vielleicht lohnt auch da noch mal der Blick in die USA. In der IndyCar und in der NASCAR sind performancerelevante Handgriffe an den Boliden erlaubt. Mit dem Resultat, dass die Rennen spannend sind und bleiben, die TV-Zuschauerzahlen deutlich steigen und die Fans sich vor Ort so vorbildlich benehmen, dass es keine Zweifel an den nächsten Schritten der Öffnungspolitik gibt.


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