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05.09.2019

Säurebad für den neuen Platzhirschen


Schon der Firmengründer pflegte einen hehren Grundsatz: Bei allen Rennwagen, die Enzo Ferrari bauen ließ, gab er stets die Maßgabe aus, Motorleistung sei wichtiger als alles Andere. Sowohl die Aerodynamik als auch die Aufhängungen müssten hinter den Bedürfnissen eines leistungsstarken Motors hintanstehen beziehungsweise mit dessen Leistungskurven klarkommen können.

Diese Tradition hat über die Jahrzehnte hinweg brachiale Konstruktionen von V12-Motoren hervorgebracht. Und Ferrari hat auch noch an solchen Zwölfzylindern festgehalten, als die Konkurrenz schon längst auf V10-Konzepte gesetzt hatte – weil die effizienter waren.

Dieser Tage feiert Ferrari das 90-jährige Bestehen seines Teams. Mit einem Riesenaufmarsch in Mailand, der nächstgrößeren Stadt zum Königlichen Park von Monza in der Lombardei, haben die Roten sich selbst unter Druck gesetzt: Beim Heimspiel muss ein Sieg her.

Denn auch in diesem Jahr sind die Ferrari motorseitig überlegen. Und im Mischwald von Monza können Charles Leclerc und Sebastian Vettel diese Stärke voll ausspielen: Nirgends fährt man mit flacheren Flügeln, niedrigerem Luftwiderstand und höher aufgedrehten Motoren. Und die Ferrari gelten als die stärksten Aggregate des gesamten Feldes.

Sieht also alles nach einem ruhigen Wochenende für die Roten aus. Allerdings hat sich das Team in dermaßen viele Turbulenzen manövriert, dass da wohl nix draus wird. Die zentrale Frage dreht sich um die Rolle, die Sebastian Vettel künftig spielt. Bleibt er die Nummer 1 – oder wird er zum Wasserträger von Charles Leclerc degradiert?

Der Monegasse ist gerade durch ein Säurebad gegangen. Denn Anthoine Hubert, der in Francorchamps am vergangenen Wochenende tödlich verunglückte Formel 2-Pilot aus Lyon, war ein guter Bekannter von Leclerc. Die beiden – und der bei Red Bull gerade degradierte Pierre Gasly – waren Klassenkameraden in einer speziellen Einrichtung des französischen Motorsports. Dort gibt es eine Art Motorsportinternat, vergleichbar mit dem Skigymnasium Stams in Österreich, in dem junge Talente gefördert werden – und auch gleich echten Schulunterricht genießen.

Diese kompromisslose Förderung schon ab jungen Jahren hat in Frankreich Tradition, schon seit der Gründung des Rennfahrerinternats „La Filière“, das lange Zeit von einer einheimischen Ölmarke maßgeblich finanziert wurde. Nicht zuletzt wegen dieser Einrichtung gibt es beinahe durchgängig in jedem Jahrgang flotte Franzosen in der Formel 1. Ich habe die „La Filière“ selbst mal besucht – was dort an schulischen, sportlichen, rennfahrerischen, aber auch mechanikertechnischen Aus- und Fortbildungsgängen angeboten wird, ist ebenso eindrucksvoll wie die ganze Organisation und Infrastruktur dahinter.

In den letzten Jahren ist das Internat modernisiert und wiederbelebt worden. Gasly und Hubert haben sich dort sogar ein Zimmer geteilt. Leclerc war stets einen Jahrgang höher, gehörte aber dennoch zur Clique.

Für Gasly ist der Schock des plötzlichen Todes aber schwerer zu verdauen als für Leclerc. Denn der hat in seinem jungen Leben schon mehrere Tragödien hinnehmen müssen – zuerst starb sein Patenonkel Jules Bianchi nach dem Formel 1-Unfall von Suzuka, wo er im Regen unter ein Bergefahrzeug in der Auslaufzone fuhr und sich unheilbare Kopfverletzungen zuzog, dann erlag Vater Hervé einem Krebsleiden. Leclerc sagt selbst, diese beiden Erfahrungen hätten ihn gestählt.

Das erklärt auch die abgeklärte Art, wie er am Spa-Wochenende inmitten all’ der Trauer und des Entsetzens einen so sicheren Sieg einfahren und Vettel dabei ein weiteres Mal deklassieren konnte. Leclerc braucht weniger Nestwärme als Vettel. Der fühlt sich bei Ferrari immer schlechter aufgehoben. Sein Abwärtstrudel nimmt im selben Maße Fahrt auf, wie Leclerc sich immer weiter steigert. Spa war möglicherweise der endgültige Wendepunkt. Das tragische Wochenende hat Leclerc ausgerechnet vor dem Hexenkessel von Monza, wo die Leidenschaft der Tifosi den Druck auf die Ferrari-Fahrer noch weiter potenziert, endgültig so weit abgebrüht, dass er reif für Rolle des Nummer 1-Fahrers ist.

Wenn Vettel in der Lombardei nicht etwas Außergewöhnliches einfällt, dann hat Ferrari ab Montag einen neuen Platzhirschen.


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