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29.07.2021

Red Bullshit nach DEM Crash


Red Bull Racing nervt. Man kann es nicht anders sagen. Jetzt musste am Donnerstag doch tatsächlich eine extra Anhörung her, um nachträglich eine härtere Strafe für Lewis Hamilton für dessen Rolle in DEM Formel 1-Crash des Jahres herbei zu lamentieren.

Die Erfolgsaussichten darauf standen von Anfang an bei höchsten Null. Trotzdem musste Teamchef Christian Horner erst mal öffentlich jöseln und dann am Grünen Tisch Klage führen.

Es täte dem Engländer, der mit einem Ex-Spice Girl verheiratet ist, gut, mal ein bisschen über den Tellerrand im eigenen Elfenbeinturm hinaus zu schauen. Da reicht schon ein Blick zu den 24 Stunden von Le Mans, denn dort könnte er sehen, wie man mit Würde verlieren kann – und mit Anstand gewinnen.

Zwei Beispiele reichen. 2010 hat Peugeot die schnellsten Autos, doch sämtliche Sieghoffnungen gehen in Rauch auf, weil drei Motoren wegen Brüchen an neuen Titanpleueln im Flame-out sterben. Audi gewinnt. Und abends, als wir alle in der Audi-Hospitality beisammensitzen, kommt das ganze Peugeot-Werksteam im Fresszelt der Ingolstädter vorbei zum Gratulieren. Alle Audi-Mitarbeiter stehen spontan auf und klatschen stumm Beifall. Die Peugeot-Leute nehmen die Geste des Respekts dankbar, wenn auch unter Tränen auf.

Sechs Jahre später führt ein Toyota in Le Mans, ist klar auf Siegkurs. Dann schreit Fahrer Kazuki Nakajima auf seiner vorletzten Rennrunde in den Funk: „Ich habe keine Leistung mehr!“ Wegen eines Laminatfehlers an einer Turbobelüftungshutze krepiert der Spitzenreiter kurz vorm allerersten Sieg der Japaner an der Sarthe, ein Porsche gewinnt. Als der Sieger nach der Zielfahne durch die Box zur Siegerehrung rollt, stehen die Toyota-Mechaniker links und rechts des Weges Spalier und applaudieren – mit versteinerten Mienen des Entsetzens, aber voller Respekt für den Gegner, mit dem sie sich 23 Stunden lang ein Duell auf Biegen und Brechen geliefert haben. Und Wolfgang Porsche persönlich schaut noch vor der eigenen Siegesfeier in der Box von Toyota bei, um buchstäblich zu kondolieren.

Es sind Momente wie diese, die – wenn man sie als Journalist persönlich und erste Reihe Mitte erlebt hat – einem noch Jahre und Jahrzehnte eine Gänsehaut aufkräuseln.

Und dann kriegt man aus der Formel 1 die Weinerlichkeit von Horner mit. Und fragt sich: Wo ist der Sport, der Sinn fürs Fairplay und der Respekt vorm Gegner geblieben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Mercedes und dessen Chef Toto Wolff sind nicht besser. Dass man mitten im Rennen die Funktionäre mit E-Mails bombardiert, um so Einfluss auf die Beurteilung einer Situation zu nehmen – pah. Ich habe mich schon oft über Profifußballer lustig gemacht, die nach einer kleinen Berührung umfallen wie nach einem Mordanschlag, sich vor Schmerzen krümmen – dann aber binnen Sekunden eine Wundergenesung erfahren und im Zweifel den geschundenen Elfer sogar noch selber schießen. Oder über Rudelbildung und prophylaktische „Ich war’s nicht“-Gesten beim Schiri, von dem lächerlichen Videobeweis ganz zu schweigen. Und jetzt fängt dieses ganze Gehabe in der Formel 1 auch noch an? Wehret den Anfängen. Rennsport muss immer auch hart und eine Spur draufgängerisch bleiben, sonst verliert er seine Magie. Weichgespülte Memmen will keiner sehen, weder am Steuer noch am Kommandostand. Haudegen mit Heldenpotenzial machen die Faszination Sport aus.

Der Unfall von Silverstone ist das plakative Beispiel für genau das, eigentlich: Zwei Fahrer, die nicht nachgeben wollten, geraten aneinander. Hamilton trägt mehr Schuld als Verstappen. Aber es war kein absichtlicher Abschuss des Engländers, und Verstappen hätte die Kurve noch gekriegt, wenn er nicht in Hamiltons Spur gezogen hätte. Man kann dort in Formel 1-Autos zu zweit nebeneinander durchfahren. Dann wäre Hamilton durch gewesen, aber Verstappen hätte Zeit genug zum Kontern gehabt.

Im Prinzip ist die Schuldfrage einfach: wie beim seitwärts Einparken vor einem Fischrestaurant an der Hauptstraße in Norddeich. Einer will rückwärts rein, der Andere vorwärts; beide meinen, es sei ihre Parklücke, keiner gibt nach – und irgendwann krachen ihre Stoßstangen aneinander. Wer hat Schuld? Derjenige, der einen Zentimeter weiter in der Lücke war beim Crash? Oder der in einem stumpferen Winkel eingelenkt hat? Vermeiden können hätten sie es beide.

Es gab in Silverstone eine Strafe für Hamilton. Wie sie den Buchstaben des Gesetzes für „causing a collision“ steht – das Verursachen eines Unfalls. Mercedes und Hamilton haben ihre Renntaktik auf die Strafe neu angepasst und trotzdem gewonnen. Mit einem durchdachten Schlachtplan nach dem Neustart. Kann man ihnen das vorwerfen? Kann man den Sportkommissaren das vorwerfen?

Nein.

Beide Fahrer werden ihre Lektion aus dem Crash gelernt haben. Vor allem Verstappen. Denn der weiß längst, dass er seinen Totalverlust mühelos hätte vermeiden können, wenn er die Tür offengelassen hätte. Das wird ihm nicht noch mal passieren.

Die FIA muss jetzt ein Zeichen setzen, um den fußballähnlichen Jammerlappenkindergarten im Keim zu ersticken. Dass keiner mehr während des Rennens von sich aus bei der Rennleitung intervenieren darf, ist ein guter Anfang. Jetzt muss auch das Mit-Sand-Schmeißen nach dem Rennen noch mit klaren Ansagen unterbunden werden.

Red Bull Racing ist übrigens nicht zum ersten Mal mit solch' unbegründetem Lamento aufgefallen. Spätestens seit der Doppeldiffusoraffäre 2009 kennen wir Journalisten in der Branche für solcherart Rhetorik unseren ganz eigenen Fachbegriff: „Red Bullshit“.


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