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30.03.2019

Radio BoP


Die Boxengasse ist erstaunlich ruhig an diesem späten Vormittag. Marc Duez schreitet die einzelnen Garagen des Tourenwagen-Weltpokals ab – und steuert dann senkrecht auf mich zu. „Hier lügen alle“, konstatiert der Belgier. „In Marrakesch sieht das alles schon wieder anders aus.“

Duez ist eine höchst respektable und respektierte Größe im internationalen Rallyesport. In Deutschland geht man ihn am ehesten wegen seiner Husarenritte in der Zakspeed-Viper bei diversen 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Er ist aber auch international auf höchster Ebene Tourenwagen- und GT-Rennen gefahren, wie auch Rallyes. Kurzum: Duez kann alles.

Im Tourenwagen-Weltpokal WTCR ist er Permanenter Berater für die Sportkommissare, quasi der Beisitzer für die Funktionäre, der ihnen die Innenansicht aus der Fahrerperspektive nahebringt.

Bei seiner hingeraunten Analyse an diesem katalanischen Morgen bezieht Duez sich auf die unleidliche Diskussion über die Balance of Performance, die auch das Fahrerlager des Tourenwagen-Weltpokals erfasst hat. Irgendwie muss ich schmunzeln. Denn es passt genau zu dem, was ich gerade im Editorial und in den Sportwagentexten für die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK geschrieben hatte – die Gleichschaltung verschiedener technischer Konzepte ist ein Stein ewigen Ärgernisses.

Bei den WTCR-Tourenwagen dürfte das eigentlich nicht so schwer sein. Denn alle Wagen verfügen einheitlich über Frontmotoren mit Vorderachsantrieb. Lediglich der Radstand und die Stirnfläche sind die größten zu balancierenden Variablen. Das muss doch möglich sein – wenn man bedenkt, wie viele mehr unterschiedliche Komponenten es im GT-Sport auszutarieren gibt.

Und trotzdem knurrt mich wenig später in der Box von Hyundai ein durchaus fachkundiger und geachteter Insider an: „Da hat es wohl einen Anruf auf Wolfsburg gegeben“. Denn der Verlauf beim Abschlusstest des Tourenwagen-Weltpokals vor dessen Saisonauftakt in Marokko enthüllt scheinbar einen Vorteil aller Fabrikate aus dem VAG-Konzern: Audi, Cupra und VW.

Die Hintergründe dazu hört Ihr in dem neuen PITCAST, also dem Podcast, den ich live in der Boxengasse von Barcelona produziert habe. Er ist unter dem Untermenüpunkt „Drivers, Start Your Engines“ abgelegt.

Für alle drei VAG-Marken ist die WTCR das Hauptmotorsportprogramm. Honda und Hyundai dagegen unterhalten nebenbei noch hochwertigere Projekte in der Formel 1 respektive der Rallye-WM. Alfa klammert man besser aus. Lynk & Co. auch, denn die Chinesen sind ja gerade erst sein 1 ½ Monaten überhaupt in China am Markt und in Europa bis 2020 noch gar nicht.

Aber für die VAG-Marken, dessen Motorsportprogramm infolge der Millionengräber Dieselskandal und Elektrifizierungsplänen der Serienautoflotte in einer Abwärtsspirale finden, die ihre Talsohle noch längst nicht erreicht haben, ist die WTCR plötzlich echter Erstliga-Werkssport. Das erhöht den Erfolgsdruck. Und beim Saisonauftakt in Marrakesch genießt in Mehdi Bennani auch noch ein GTI-Fahrer Heimrecht.

Die kumulierten Zeiten vom Katalonientest kann man eigentlich fast schon so stehen lassen, denn sie sind schwer aussagekräftig.

  1. Gordon Shedden Audi 1.54,434
  2. Nestor Girolami Honda 1.54,508
  3. Esteban Guerrieri Honda 1.54,531
  4. Jean-Karl Vernay Audi 1.54,839
  5. Ma Qing Hua Alfa 1.54,926
  6. Kevin Checcon Alfa 1.55,244
  7. Niels Langeveld Audi 1.55,615
  8. Attila Tassi Honda 1.56,107
  9. Daniel Hagförs Cupra 1.56,120
  10. Yann Ehrlacher Lynk & Co. 1.56,212
  11. Rob Huff VW 1.56,290
  12. Mikel Azcona Cupra 1.56,305
  13. Tom Coronel Cupra 1.56,361
  14. Yvan Muller Lynk & Co. 1.56,565
  15. Mehdi Bennani VW 1.56,591
  16. Benjamin Leuchter VW 1.56,606
  17. Aurélien Panis Cupra 1.56,643
  18. Andy Priaulx Lynk & Co. 1.56,710
  19. Gabriele Tarquini Hyundai 1.56,728
  20. Gabriele Tarquini Hyundai 1.56,974
  21. Tiago Monteiro Honda 1.57,023
  22. Norbert Michelisz Hyundai 1.57,049
  23. Johan Kristoffersson VW 1.57,115
  24. Thed Björk Lynk & Co. 1.57,323
  25. Gabriele Tarquini Hyundai 1.57,733

Man muss nur erwähnen, dass Gabriele Tarquini sich nicht etwa geklont hat – sondern neben seinem eigenen i30N auch noch die Wagen der Teamneulinge Augusto Farfus und Nick Catsburg gefahren hat. Warum, erklärt Teamkollege Norbert Michelisz auch in unserem neuen PITCAST aus Barcelona. Deswegen jedenfalls taucht „Gabri“ unnatürlich oft in der Tabelle auf.

Ansonsten hat Duez sicher recht: Die Wahrheit liegt aufm Platz. Aber erst in Marokko. Auch wenn die Anreise dorthin mit einem schalen Beigeschmack vonstatten geht: Sollten das Traumstarterfeld und der gewaltige Aufschwung des Tourenwagen-Weltpokals ausgerechnet schon im Keim unter dem unsäglichen Dauerthema BoP wegmumpfen?


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