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06.01.2019

Privatsache


Irgendwann im Winter von 2008 auf 2009 klingelt bei Michael Schumacher das Telefon. Dran ist Ross Brawn, sein kongenialer Weltmeistermacherpartner aus alten Ferrari-Tagen. Der Engländer schlägt Schumacher ein Comeback in seinem eigenen Rennstall vor – mit den klaren Worten: „Wir können Dir zwar nichts zahlen – aber Du wirst Weltmeister.“

Brawn ködert seinen Schützling mit dem Doppeldiffusor, den außer dem gerade privatisierten Honda-Team nur noch Williams und Toyota haben. Und Brawn hat die außergewöhnliche Heckpartie am besten ins Gesamtkonzept des Autos integriert, weil ein Honda-Aerodynamiker den Doppeldecker erfunden hat.

Schumacher zaudert. Die Aussicht auf Rehabilitation ist zu verlockend. Denn so ganz freiwillig, wie man uns glauben lassen wollte, hat der Siebenfache seinen Rücktritt bei Ferrari nicht inszeniert. Vielmehr waren die Italiener nicht mehr restlos von seinem Feuer überzeugt – und wollten ihn durch jüngeres Blut ersetzen. Schumi hatte nicht viel dafür, aber auch nicht viel dagegen.

Brawn aber fängt sich für 2009 eine Absage. Der Weltmeister hätte seiner Familie versprochen, mehr Zeit mit ihr zu verbringen und nun auch etwas für die Interessen von Gattin Corinna – der Exfreundin von Heinz-Harald Frentzen, die Schumi seinem Rivalen in jüngeren Jahren ausgespannt hat – und der beiden Kinder Mick und Gina zu tun. Das sei in der langen Formel 1-Zeit schließlich stets zu kurz gekommen. Und nun wolle er zu seinem Wort der Familie gegenüber stehen.

Dass Schumacher nur wenig später dem Werben von Norbert Haug und Brawn erliegt und als Buhlschaft neben Nico Rosberg doch noch ins Cockpit des Brawn klettert, als dessen Team von Mercedes übernommen worden ist, zeigt, in welchem Spannungsfeld der Superstar sich stets befindet: Loyalität und Verantwortungsbewusstsein für die Familie steht in einem Tauziehen mit Ehrgeiz und Lust aufs Rennfahren.

Mit dem Comeback bei Mercedes hat Schumi sich keinen Gefallen getan. Zumal er im Ruhestand durchaus etwas mit sich anzufangen wusste. Nicht so wie Nico Rosberg, der in letzten Monaten mehr und mehr zum It-Boy wird, der sich selbst inszeniert – und von dem man irgendwann vergisst, was ihm eigentlich die Tür zur medialen Dauerpräsenz eröffnet hat, nämlich sein Weltmeistertitel. Und auch seine Rolle als Schumi-Entzauberer.

Rosberg entwertet seine sportliche Reputation durch seine inhaltslose Präsenz. Schumacher hat seine Bilanz durch das missglückte Comeback ramponiert. Beides muss einem leid tun. Aber letztlich ist es deren Sache.

Genau wie die Entscheidung, keinerlei Informationen über den Gesundheitszustand von Schumacher rauszugeben. Diese Attitüde passt exakt zu Schumachers Wesen: Er hat den Sport nie betrieben, um sich ins Rampenlicht eines Promidaseins zu katapultieren. Im Gegenteil – die Öffentlichkeit wurde ihm zuweilen sogar lästig, und es erschien ihm unangenehm und unangemessen, welche Privilegien er genoss und welche Vergötterung ihm entgegenschall.

Eine große Umwälzung im geschäftlichen Umfeld Schumachers steht dafür als Beispiel. Der verheerende Tsunami in Thailand ist doch allen noch im Gedächtnis, oder? Unter den vielen Todesopfern der Flutwelle nach dem Meeresboden war seinerzeit auch ein Leibwächter aus Schumachers Sicherheitstab, deswegen ging dem Rennfahrer die Katastrophe in Asien besonders nahe. Und er spendete einen namhaften Millionenbetrag – verbunden mit der klaren Ansage ans Team seines damaligen Managers Wilhelm F. Weber, die Spende zu veranlassen, aber auf keinen öffentlich zu machen. Denn Schumi wollte nicht als generöser Helfer dastehen.

Doch Weber erkannte darin eine große Öffentlichkeitswirksamkeit, um das Image von Schumacher auch in Richtung Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft sowie Großzügigkeit zu feilen – allesamt Eigenschaften, die man mit dem Rennfahrer gerade nicht assoziierte. Also steckte das Management die Info über die Großspende gezielt an die Presse.

Schumacher war darüber so erbost, dass er die Zusammenarbeit mit Weber beendete und seine Pressesprecherin Sabine Kehm – die Nachfolgerin von jenem Heiner Buchinger, den Ihr in meinem letzten Schumi-Blog kennengelernt habt – zur persönlichen Betreuerin und Managerin beförderte.

Das Stehen zu seinem Wort der Familie gegenüber und die Einstellung zur Großspende und deren Vermarktung lassen einen verstehen, warum der Clan jetzt solch’ ein Geheimnis aus dem Gesundheitszustand macht. Ich kann das Verlangen der Fans nach Informationen verstehen – nicht aber deren Sicht, sie hätten ein Recht darauf.

Genau das haben sie nicht. Stattdessen hat Schumacher – wie jeder Andere auch – ein Recht darauf, sein Leben nach eigenem Gusto zu führen. Wenn er und seine Angehörigen entschieden haben, ihn abzuschirmen, dann entspricht das seinem Willen, und den muss man respektieren.

Zumal man nicht vergessen darf: Der Verlauf von der Art von Hirnverletzung, die Schumacher offenbar durch das Stativ der Helmkamera erlitten hat, ist nicht vorhersehbar. Selbst wenn man genau eingrenzen kann, an welchen Stellen im Hirn die Einblutung erfolgt ist und welche Zentren für die Ansteuerung von was für Körperteilen dort liegen, so ist es doch nicht klar, wie weit der Körper sich wieder erholen kann.

Jeder, der schon mal etwa mit Schlaganfallpatienten aus dem eigenen Umfeld zu tun hatte und deswegen in einem Krankenhaus für solche Patienten war, weiß, wie ganz unterschiedlich die Krankheitsbilder und auch -verläufe sein können. Wegen einer Einblutung abgestorbene Hirnteile wachsen zwar nicht wieder nach. Aber das Innenleben des menschlichen Prozessors kann sehr wohl quasi Umfahrungen um die betroffenen Regionen bilden. Und so durch diese neuen Leitungen einen Teil der Arbeit des Körpers doch wieder reaktivieren, die aufgrund des ursprünglichen Schadens eigentlich nicht mehr möglich schien. Manches ist irreparabel, doch erstaunlich viel kann wieder rausgekramt werden. Dafür gibt es Rehatherapien in den unterschiedlichsten Formen, je nachdem, welches Zentrum des Hirns betroffen ist. Hunde, Musik, Turnübungen, Ergotherapie, sogar Spiele – die Möglichkeiten, solche Umleitungen im Kopf rauszubilden, zu stärken und trainieren sind vielfältig, jede Umfahrung braucht einen eigenen Ansatz.

Doch das ist ein Vorgang, der dauern kann – mindestens schon so lange, wie Schumacher seit seinem Unfall behandelt wird, durchaus auch noch viel, viel länger. Es kann sogar ein endloser Prozess sein, bis zum Tode werden sich immer weitere Schritte einstellen. Mal große, mal kleine, mal überraschende, mal enttäuschende – aber das Wesen der Verletzung und Folgeerkrankung ist nun mal so, dass es nicht wie ein Knochenbruch therapierbar und in absehbaren zeitlichen Rahmen ausheilbar ist.

Im Gegenteil: Zwei Menschen mit exakt dergleichen beschädigten Hirnregion können sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in völlig andere Richtungen entwickeln. Manch’ einer bleibt ein Pflegefall, während andere irgendwann wieder putzmunter sind und fast ohne sichtbare Einschränkungen ein neues Leben führen können. Nur eines darf man bei dieser Erkrankung nie tun: aufgeben. Wer kämpft und arbeitet, der erzielt Fortschritte. Das geht übrigens auch, wenn der Patient selbst noch gar nicht bei Bewusstsein ist – es gibt quasi vorausschauende Therapien, mit denen die Genesung und die Alternativen schon angeschoben werden, sobald der erste Schaden feststeht und die akute Gefahr gebannt ist. Oft werden durch diese Vorabtherapien die Weichen gestellt, wie der weitere Verlauf ist, aber auch nicht immer.

Neben der privaten Komponente ist es allein deshalb schon nicht sinnvoll, Details über den Gesundheitszustand auszubreiten. Der Mangel an Allgemeingültigkeit bei dieser Art Verletzung kann nur zu Missinterpretationen führen. Und davon gab es schon genug, als Schumacher noch aktiv unterwegs war.


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