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10.09.2021

Ohne ihn hätt's Schumi nie gegeben


Ohne ihn hätte es die Fabelkarrieren von Michael Schumacher und Sebastian Vettel womöglich nie gegeben. Und gerade an diesem Wochenende schweifen die Erinnerungen von Motorsportfans mit Geschichtsbewusstsein ab an einen ganz Großen der Historie – Wolfgang Graf Berghe von Trips. Der Adelige aus dem Rheinland stand 1961 als Ferrari-Werksfahrer unmittelbar vor dem ganz großen Wurf: als erster Deutscher den Formel 1-Weltmeistertitel zu gewinnen.

Doch zwei Stunden vor der Krönung kollidiert von Trips mit Jim Clark – und verunglückt tödlich.

Der 60. Todestag des ritterlichsten Rennfahrers aller bisherigen Zeiten – Fotos dazu gibt's in unserer Galerie unter https://www.pitwalk.de/pitlive/bilder-des-tages/des-grafen-todestag – jährte sich am Freitag. Und der Ort der Tragödie ist die Parabolica – also die letzte Kurve der Rennstrecke von Monza vor Start/Ziel.

Genau auf jener Piste gastiert an diesem Wochenende die Formel 1. Der Todestag des Grafen rückt die Verdienste des Edelmanns am Steuer schlagartig wieder unter den Drehscheinwerfer. Von Trips stammte nicht nur aus gutem und begütertem Hause – sondern engagierte sich auch außergewöhnlich für die Weiterentwicklung des Motorsports in Deutschland.

Der war in den Sechzigern noch eine reichlich elitäre Nischensportart. Herr Graf überführte ihn mit der Gründung eines eigenen Vereins, der Scuderia Colonia, zunächst in die Massentauglichkeit für nicht ganz so begüterte Bürger im Wirtschaftswunderland. Und er importierte die ersten Go-Karts aus den USA nach Deutschland. Noch im März seines Todesjahres führte er seinen Import in der Boxengasse von Monza erstmals der europäischen Öffentlichkeit vor.

Damit legte von Trips das Fundament für jenen Trend, der heute längst anerkannt ist als die Talentschmiede schlechthin: Ohne eine solide Grundausbildung im Kart kommt kein Rennfahrer mehr ins Profitum. Leihkartbahnen wie jene in Upgant-Schott dienen dabei oft als Katalysator. Wenn man, wie im Brookmerland, ab 14 mit Powerkarts rumsausen darf, kann der kundige Beobachter recht schnell erkennen, ob der Junior die nötige Grundschnelligkeit und die Anlagen zur Fahrzeugbeherrschung mitbringt oder nicht. Und inzwischen gibt es längst Talentspäher wie Scouts im Fußball, die genau solche Bahnen wie jene vor den Toren von Marienhafe abklappern, um neue verheißungsvolle Mini-Schumis zu finden.
Die werden dann natürlich nicht aus altruistischen Motiven angehauen – sondern mit dem festen Hintergedanken, die an Teams etwa aus der Formel 4 zu vermitteln, wo sie dann mittelfristig den Schritt vom Kart in den echten Automobilsport machen und schaffen müssen. Also erstmals mit Aerodynamik und mit einstellbaren Fahrwerken arbeiten müssen.

Das geht nur, wenn das nötige Kleingeld im Hintergrund vorhanden ist.

Und das wiederum muss auch schon für den Schritt vor der Formel 4 vorhanden sein: vom Leihkart in den echten Leistungskartsport. Denn auch da gibt es – wie im Fußball – verschiedene Altersstufen auf professionellem Niveau, bis hin zu einer Weltmeisterschaft, in die man gern mal eine Million pro Saison investieren muss, wenn der eigene Filius im richtigen Team und vor allem mit den richtig behandelten Reifen um den Titel kämpfen muss. Ein Fahrerlager der Kart-WM sieht – mit allen Motorhomes, Mechanikerzelten und Verpflegungsstationen – längst aus wie sein Pedanent im großen Automobilsport. Nur ist seine Außenwirkung sehr begrenzt, weil sich außer einem kleinen Kreis kein Mensch für den Kartsport und die Racing Kids interessiert.

Dass die Kosten für Ein- und Aufstieg derart aus dem Ruder laufen würden, hat Wolfgang Graf Berghe von Trips sicher nicht ahnen können, als er 1961 mit dem ersten Kart in Monza vorstellig wurde. Auf seine Initiative hin entstand auch die Kartbahn von Kerpen-Manheim, in der Heimatstadt des Adelssprosses – auf der Michael und Ralf Schumacher einst ihre ersten Runden drehten. Ohne von Trips hätte es Schumi also tatsächlich kaum gegeben.

Dass ausgerechnet Schumacher dann anstelle des Grafen der erste deutsche Formel 1-Weltmeister wurde und diese Erfolge später auch noch bei Trips’ altem Arbeitgeber Ferrari wiederholte, macht den traurigen Monza-Freitag zum 60-jährigen Ableben des Grafen nur noch eine Spur melancholischer.

Kerpen hat sich lange Jahre aktiv mit den Erfolgen von Michael Schumacher geschmückt. Denn der galt in der Formulierung von vielen Journalisten stets auch als „der Kerbener“. Doch seit Schumi nicht mehr fährt und er wegen der Spätfolgen seines schweren Skiunfalls komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, verblasst auch in Kerpen die aktive Erinnerung an den größten Sohn der Stadt.

Graf Berghe von Trips war schon zuvor weitgehend in Vergessenheit geraten. Denn er war der letzte seines Adelsgeschlechts. In der Familiengruft auf dem Kerpener Friedhof endet die Adelslinie mit dem Grabstein des tödlich verunglückten „Taffy“.

Doch eine eigene Sportstiftung müht sich darum, von Trips nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Unter der Leitung des Fachjournalisten Jörg-Thomas Födisch finden regelmäßig Veranstaltungen statt. So auch an diesem Wochenende auf Schloss Loersfeld, dem neuen Stammsitz der Trips’schen Sportförderstiftung, seit Burg Horrem – das Elternhaus – verkauft und durch die Hände mehrerer windiger Besitzer ging.

Man muss sich wundern, wie groß das Interesse an Trips immer noch ist. Wir haben anlässlich des 60. Todestags ein großes Trips-Special als Titelgeschichte der neuen Ausgabe von PITWALK angelegt. Kaum war die Zeitschrift im Internet erstmals angeboten, erlebten wir einen völlig unerwarteten Ansturm von Bestellungen.


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