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31.03.2016

Offene Briefe und offene Messer


Alexander Wurz kam mir mutterseelenallein auf einem großen Parkplatz entgegen. Am Gründonnerstag traf ich den Wortführer der Formel 1-Fahrergewerkschaft am Rande von Testfahrten zur Sportwagen-WM, wo sein Hauptarbeitgeber Toyota in Le Castellet zugange war. Die GPDA – die Grand Prix Drivers’ Association, wie sie mit vollem Namen heißt – hatte da gerade ihren Offenen Brief rundgeschickt, in dem die Formel 1-Piloten eine grundsätzlich neue Führung und Verwaltung des Grand Prix-Sports einfordern.

Wurz und ich kennen einander, seit er im Team von Walter Lechner Formel Ford gefahren ist. Seitdem haben wir im ziemlichen Gleichschritt Karriere bis hinauf in die Formel 1 gemacht. Er als Fahrer, ich als Journalist, meist im selben Jahr die nächsthöhere Rennserie hinauf. Ich war dabei, als er auf der Berliner Avus im Formel 3-Auto ein Fahrzeug der Streckensicherung auf die Hörner nahm; ich war dabei, als er als bislang jüngster Fahrer der Geschichte die 24 Stunden von Le Mans gewann; ich war auch dabei, als er in der Formel 1 Opfer politischer Ränkespiele wurde. Und ich war auch dabei, als er in Bahrein 2015 sein letztes Rennen in der Sportwagen-WM fuhr.

Jetzt habe ich ihn in Le Castellet nach den Gründen dafür gefragt, warum seine Fahrergewerkschaft sich ungefragt so offensiv in den Formel 1-Machtkampf einmischt. Und zum ersten Mal hatte der Österreicher keine flüssige und nachvollziehbare Antwort für mich. Mit dem verpatzten neuen Qualifikationsformat habe der Offene Brief nichts zu tun gehabt, versicherte er, „das hatten wir schon lange vorgehabt“. Ob er davon ausgehe, dass das Pamphlet etwas bewirke? Nein, „aber jedes Wasser höhlt den Stein“. Am Ende der Unterhaltung blieb die resignierte Feststellung: „Wir sind wieder bei 2012 angelangt, als Bernie die Investoren reingeholt hat.“ Und die Situation sei verfahren, sie könne nur von innen heraus beendet werden, aber „es kann ja auch keiner von denen aufstehen, die am Verhandlungstisch sitzen, und sich freiwillig zurückziehen“.

Wurz und seine GPDA haben aus ehrlicher Sorge um den Sport gehandelt. Aber je mehr Parteien Unruhe in die politische Landschaft bringen, desto weniger hilft das der Formel 1. Frei nach Karl Valentin: Es ist zwar schon alles gesagt – aber noch nicht von allen.

Der Klagen sind genug geführt. Jetzt müssen konstruktive Lösungsvorschläge her. Solange die keiner hervorbringen kann, sollte man die Politiker im Hinterzimmer vor sich schachern lassen. Denn jeder weiß: Aufgrund eines Dauer-Patts in den Entscheidungsgremien kommt derzeit eh’ nichts dabei raus. Da können sich die Machthungrigen ruhig die Köpfe einschlagen.

Stattdessen täte man gut daran, sich auf den Sport zu konzentrieren. Denn der bietet in diesem Jahr Vielversprechendes. Mercedes scheint für den zweiten Grand Prix in Bahrein die schlechtere Vorab-Reifenwahl getroffen zu haben als Ferrari. Damit laufen die Seriensieger Gefahr, ihren an sich vorhandenen Vorteil in der Steinwüste von Sakhir – wo Motor- und Hybridleistung immens gefragt sind – zu vertändeln. Denn die Kieselsteine für den Asphalt sind aus Wales auf die Insel im Persischen Golf verfrachtet worden. Mit dem Resultat, dass die Deckschicht aus ungewöhnlich grobkörnigem, reifenzehrendem Asphalt besteht. Das gepaart mit der in der Wüste üblichen Bullenhitze, einer nur wenig eingummierten Fahrbahn – weil kaum andere Rennen in Sakhir stattfinden – und viel Sandstaub auf der Bahn machen das Reifenwagnis, das Mercedes eingeht, zu einem Vabanquespiel. Eigentlich ohne Not, denn die britischen Schwaben könnten den Sieg auf dem Rücken ihrer technischen Überlegenheit sicher nach Hause schaukeln. Aber der interne Kampf zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton treibt sie zu unnötigen Verzweiflungstaten.

Rosberg peilt an diesem Wochenende einen unrühmlichen Rekord an. Sollte der gebürtige Wiesbadener wieder gewinnen, zöge er in der Ewigen Bestenliste mit Stirling Moss gleich. Die beiden wären dann diejenigen Fahrer, die am meisten Grands Prix gewonnen hätten, ohne jemals Weltmeister geworden zu sein. Rosberg kann das dieses Jahr ändern. Denn wegen Einschränkungen beim Funkverkehr, neuer Startprozedere und härterer Konkurrenz durch Verfolger Ferrari kann der Blondschopf seinen großen Vorteil gegenüber Hamilton ausspielen – die größere mentale Kapazität.

Sie sehen, es gäbe über die Formel 1 also auch rein sportlich eine ganze Menge Spannendes und Hintergründiges zu berichten. Das sollte man nicht mit immer neuen politisch motivierten Winkelzügen torpedieren. Denn momentan redet die Formel 1 sich beharrlich schlechter als sie ist. Und das ist ihr mit Abstand größtes Problem im Moment.


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