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17.02.2019

NASCAR am Scheideweg


Der Morgen graut noch nicht mal. Doch der Jetlag treibt einen – wie meist in den USA – schon um vor fünf Uhr aus den Federn. So auch an jenem Tag, an dem das 24 Stunden-Rennen von Daytona gestartet wird.

Und dann hat der Zimmerservice auch noch vergessen, die Instantkaffeetütchen nachzufüllen. Also schleppt man sich in die Lobby des Hotels, das direkt neben dem Fahrerlagertunnel am Daytona International Speedway liegt, um sich dort an den großen Bottichen zu bedienen.

Und plötzlich steht ein Amerikaner neben einem und fragt in der landestypischen Manier, woher man komme, wie es einem gehe und so weiter. Smalltalk, US-Style, morgens kurz nach Viere?

Aber bitte, man kann ja eh’ nicht mehr schlafen. Also rein ins Gespräch – mit dem Vater von Bryan Sellers, wie sich herausstellen soll, einem ehemaligen Teamkollegen von Wolf Henzler in einem Porsche-IMSA-Team, heutzutage als amtierender Titelverteidiger der GT3-Klasse im Lamborghini-Team von Paul Miller am Start.

Papa Sellers ist ein begeisterter Motorsportfan. Aber die NASCAR? Nö, die mag er nicht mehr. Früher sei er zu den großen Rennen in Michigan gegangen. Stunden hätte er nach der Zieldurchfahrt im Stau gestanden, ehe er mit dem Wohnmobil aus dem Innenfeld herausgekrochen sei – und dabei hätte er beobachtet, wie die ganzen Superstars des StockCar-Sports nacheinander mit ihren Privatfliegern direkt von der Strecke abgehoben seien, während die Fans unten noch für Stunden standen.

Das sei alles nicht mehr seine Welt. Zu abgehoben, zu weit entfremdet von den zahlenden Zuschauern – und dank der „Stages“, also Akte, in die ein Rennen inzwischen unterteilt ist, auch viel zu verworren und zu unamerikanisch. Sellers ist sicher: Genau das seien die Gründe für den Abschwung der NASCAR. Da könne man doch viel besser zu den IndyCars oder den Sportwagen der IMSA gehen.

An diesem Wochenende steht in Florida das Daytona 500 an. Ich erinnere mich noch an die Vorfreude auf mein erstes 500. Damals lebte Dale Earnhardt noch. Der Kampf zwischen dem „Intimidator“ und seinem biederen Erzrivalen Jeff Gordon tobte auf Hochtouren, „Texas Terry“ Labonte, Ricky Rudd und Mark Martin waren am Start. Lauter Haudegen, zu denen man aufblicken konnte.

Und heute? Die Fahrer sind zwar noch nicht solche Yuppies mit Marketingagenturerscheinung wie die meisten Formel E-Piloten. Aber sie sind eben auch nicht mehr so zugänglich wie früher. Man verfolgt das 500 mit der gebotenen Fachkunde, aber längst ohne das Kribbeln, das es mal ausgelöst hat.

Und die Regel- und Technikänderungen haben den Sport in der Tat von den Zuschauern entfremdet.

Das haben auch die Serienbetreiber erkannt. Die Tristesse der Qualirennen, der Can-Am-Duels, lassen Befürchtungen aufkeimen, dass es auch eigentlichen 500 Meilen-Rennen zu einem Gänsemarsch auf der oberen Fahrspur kommen wird, weil sich keiner auf die untere Bahn traut. Ich glaube: Das Rennen wird wie immer ganz anders verlaufen als den ganzen Pessimisten schwant.

Aber trotzdem gibt es Handlungsbedarf. Deswegen gibt es bereits eine Art Gremium, das die NASCAR ins Leben gerufen hat, um für die Gestaltung des nächsten Autos – der „Gen 7“ – nicht wieder in falsche Verhaltens- und Denkmuster zu laufen. Nur: Das kommt reichlich spät, denn die Weichen für die nächste Wagengeneration müssen spätestens Ende des Monats gestellt werden. Also muss der Bauausschuss sich tüchtig ranhalten.

Wir werden dem Reformbedarf in der nächsten Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK auf den Grund gehen. Dann wird sich auch schon gezeigt haben, wie die Regeländerungen für 2019 sich auswirken – auf dem Superspeedway von Daytona, aber auch auf normalen Ovalkursen.

Davor lassen wir aber am Montag nach Daytona einen Podcast folgen, in dem wir die drängendsten Fragen beantworten. Rund um die neuen Pony Cars wie etwa den Ford Mustang, die neue Hochabtriebsphilosophie der Rennwagen – und um den Verlauf des mächtigen 500.

Sellers zapft sich derweil noch einen Kaffee aus dem Boiler. Bei seinem letzten NASCAR-Pilot hätte ihn nur ein Bild beeindruckt: Wie Richard Petty im Laufschritt durchs Fahrerlager gehetzt sei – und dann aus dem Augenwinkel bemerkt haben müsse, dass ein kleiner Junge ihn mit großen Augen anschaut. „Da hat er abrupt angehalten, sich umgedreht und ist zu dem Knaben an den Zaun gelaufen“, erinnert sich Sellers: „Möchtest Du ein Autogramm von mir?“ Der Bursche hätte vor lauter Überwältigtsein nur sprachlos und mit großen Augen genickt. „Der wird sein Leben lang NASCAR-Fans sein und bleiben – egal, was die mit der Serie noch alles anstellen.“

Immerhin ist Richard Petty, also „The King“, auch einer von denen, die sich gerade aktiv in die Ideenfindung für eine bessere NASCAR-Zukunft einbringen.


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