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03.01.2019

Mein schräger Schumi-Moment


Man kann es gar nicht nicht mitkriegen: Heute wird Michael Schumacher 50 Jahre alt. Seit Tagen schon stehen in allen Tageszeitungen, Magazinen und auf diversen Websites alle möglichen Erinnerungen und Würdigungen des siebenfachen Weltmeisters. Denn da sich sein schwerer Skiunfall mit schicksalshafter Ironie auch gerade rund, nämlich zum fünften Mal, gejährt hat, lag es für die Redaktionen nahe, diese plakativen Zahlen zum Anlass für ihre Schumi-Huldigungen zu nehmen – bis hin zu eigenen Sonderheften.

Richtig was Neues steht da zwar nirgends drin, wie sollte es auch? Bis heute weiß niemand außerhalb des engsten Familien- und Freundeskreises, wie schlimm die Hirnverletzungen wirklich sind, die das Aufsteckstativ der Helmkamera verursacht hat, als es sich nach dem Fallen durch Schumachers Helm bohrte.

Und trotzdem macht es Spaß, noch mal in den Erinnerungen zu blättern. Dazu wird man als phasenweiser Wegbegleiter von Michael Schumacher durch die ganzen Artikel unweigerlich selbst verleitet.

Und siehe da – eine der absurdesten Situationen meiner journalistischen Laufbahn habe ich tatsächlich mit Schumi verbracht. Der Kerpener war da schon ein Star, ich hingegen noch jung im Redakteursleben. Damals, Mitte der Neunziger, gab’s noch keine Digitalkameras und keine Bildübermittlung per WLAN im Formel 1-Pressezentrum. Die Fotografen schossen ihre Bilder auf Diafilmen in ihren Spiegelreflexkameras mit ellenlangen Objektivrohren, die aussahen wie zu dick geratene Zielfernrohre. Die Filmrollen mussten dann in Laboren entwickelt und gerahmt werden, erst danach konnten Grafiker und Redakteure sich in den Redaktionen auf großen Leuchttischen über die Bildauswahl hermachen.

Das geht solange gesittet zu, wie die Heftproduktion in aller Ruhe abgewickelt werden kann. Doch bei einem Monats- oder auch einem vierzehntägigen Magazin, das sich trotzdem eine gewisse Aktualität auf die Fahnen schreibt, gibt es unweigerlich sogenannte „hochaktuelle Montage“ – da müssen dann in Windeseile die letzten Seiten produziert und druckreif gemacht werden. Und die aktuellen Seiten sind natürlich keine Autotests, die man vorher schreiben und layouten kann – sondern Motorsportgeschichten, die zwangsläufig an Termine gebunden sind.

Dann müssen die Dias binnen weniger Stunden entwickelt werden und zur Auswahl vorliegen.

Ein solch’ hochaktueller Montag fiel zusammen mit einem Übersee-Grand Prix, was immer schlecht ist: Die langen Reisewege und -zeiten machen es schwierig, die Filme rechtzeitig nach Deutschland zur Redaktion zu kriegen. Die Fotografen kennen es damals nicht anders und sind an kreative Improvisationen und ungewöhnliche Hilfeersuchen gewöhnt.

Und so erreicht eine solche Anfrage ausgerechnet Michael Schumacher. Der möge doch bitte eine Plastiktüte mit Diafilmen mit auf den Rückflug nach Frankfurt nehmen und mir dort übergeben.

Schumacher zögert nicht, sondern sagt den Gefallen sofort zu. Aber unter einer Bedingung: Er mag den Empfänger nicht erst im öffentlichen Bereich abpassen oder gar suchen müssen; wenn die Übergabe nicht stante pede klappe, nehme er die Tüte einfach mit nach Hause.

Und das lässt sich damals noch durch einen geschickten Schachzug lösen: einen Antrag bei der Flughafensicherung von Frankfurt, zwecks Abholung eines ankommenden Passagiers direkt in den Sicherheitsbereich gehen zu dürfen. Der Genehmigung geht ein endloser Austausch von Telefaxen mit der Geschäftsleitung und der Flughafenpolizei voraus, aber irgendwann halte ich tatsächlich das Thermopapier in der Hand, das den Einlass in den Bauch des Flughafens gewähren soll – dahin, wo man sonst nur kommt, wenn man eine Bordkarte hat.

Heutzutage sind solche Kabinettstückchen wahrscheinlich undenkbar, von wegen Terrorgefahr, private Sicherheitsdienste und all’ die Fährnisse, die so gern für Chaos am Fraport oder in München sorgen. Auch vor 22 Jahren ist die Genehmigung nicht gleichbedeutend mit der faktischen Erlaubnis: Mehrfach muss ich mürrischen Wachtposten das Fax ihrer Chefs unter die Nase halten, weil die von solch’ einem Vorgang noch nie was gehört haben und folgerichtig erst recht nichts wissen wollen.

Aber irgendwann gehen die Türen von innen auf, und ein langer, katakombiger Gang mit schmuddelig-grauen Industriefliesen empfängt mich. Auf dem schnurgeraden Flur kommt Michael Schumacher als einziger entgegengeschritten – mit einer knautschigen Plastiktüte in der linken Hand, rechts das übliche Handgepäck. Die Übergabe geht freundlich, aber auch bisschen formell vonstatten, außer einem „Guten Morgen“ und einem „Glückwünsch“ wird nicht viel gesprochen.

Die kleine, aber gleichwohl ungewöhnliche Episode aus einer Zeit, die aus heutiger Sicht wie eine völlig andere wirkt, zentriert wie eine Lupe die wichtigsten Eigenschaften, die Michael Schumacher Zeit seiner Karriere ausgezeichnet haben: Da paart sich die Bodenständigkeit, wie selbstverständlich einen Gefallen zu tun, mit der Rastlosigkeit, die ihn auch bei der Entwicklung der Autos stets antrieb – und mit der selbstverständlichen Selbstsicherheit, dass man ihm eine Extrawurst brät, wenn er es verlangt. Genau solche Eigenschaften muss ein Formel 1-Fahrer – wie wahrscheinlich jeder Topsportler – neben dem Talent für seine Sparte mitbringen, wenn er sich von der Masse abheben und den Olymp erklimmen will.

Der Blick von Michael Schumacher, von unten herauf, mit einer Spur Scheu, aber gleichzeitig aufmunternden Freundlichkeit, soll mir Jahre später noch mal begegnen, und sofort wird er mir bekannt vorkommen. Schumi fährt da längst für Ferrari, nicht mehr für Benetton, und bei einem Rennen in Hockenheim streikt sein Auto. Es spuckt ihn im Motodrom aus. Mutterseelenallein stapft er, Helm in der Hand, durchs menschenleere Fahrerlager, während das Rennen noch läuft – während ich ihm entgegenkomme.

Natürlich muss er annehmen, dass ich wissen möchte, was ihm widerfahren ist. Möchte ich aber nicht, denn ich bin gerade auf dem Weg zu einem ganz anderen Gesprächspartner. Also mischt sich in seinen Blick von unten herauf nicht nur die Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft, sondern auch eine Spur Verwunderung. Und das knappe „Getriebe“ knirscht dann auch ungefragt aus ihm heraus, als wir aneinander vorbei laufen.

Es klingt vielleicht sonderbar. Aber die kurzen Begegnungen verraten mehr über den Menschen Michael Schumacher als die organisierten Pressetermine in den Fahrerlagern, bei denen Heerscharen von Journalisten etwas von ihm wollen. Bei diesem Massenandrang geht eine Wand runter. Bei Schumacher genau so wie bei Sebastian Vettel. Wenn man solchen Kalibern allein begegnet, dann zeigen sie sich unmaskiert.

Solche kleinen Momente darf es in der Formel 1 eigentlich nicht geben, das denken zumindest die Bürokraten unter den Pressesprechern. Aber ganz verhindern lassen sie sich nicht. Deswegen erzähle ich Euch morgen gleich noch einen – wieder einen, der Schumi von einer erstaunlich menschlichen Seite zeigen wird.


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