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18.11.2021

Medien-Macht-Missbrauch


Die Woche zwischen Interlagos und Katar ist ein Musterbeispiel dafür, wie Medienarbeit in der Formel 1 funktioniert – nämlich auch nicht anders als bei der Berichterstattung über Bundespolitik in der Hauptstadt. Die Teams versuchen, die Journalisten zu manipulieren; mit gezielt zeitlich gestreuten Veröffentlichungen werden Gegennarrative zu der eigentlichen Nachrichtenlage aufgebaut, und man probiert, von eigenen Themen abzulenken.

Corona spielt den handelnden Akteuren, dieses Mal vor allem Mercedes, dabei ausdrücklich in die Hände. Denn immer noch dürfen nur wenige Journalisten an die Rennstrecke – und dann auch nur sehr handverlesen und unter Aufsicht recherchieren.

Das beraubt den Medienschaffenden ihres größten Vorteils: die Nutzung von persönlichen Kontakten zu Hintergrundgesprächen mit Informanten off-the-records. Die Teampressesprecher tun sich leicht wie nie, ihre vorgefertigte Sicht der Dinge bei den Journalisten zu platzieren – um nicht zu sagen, sie ihnen unterzujubeln.

Es sei denn, man macht sich die Mühe, auch unter der Woche mit seinem Netzwerk zu arbeiten, zu recherchieren und mitzudenken. So geschehen etwa am vergangenen Dienstag. Da war die Internetseite pitwalk.de das erste Medium, das über einen handfesten und mit Indizien zu unterfütternden Verdacht gegen Mercedes berichtete: Die Schwaben sollen über das Vor- und Zurückbewegen des Lenkrads einen Impuls an die hinteren Stoßdämpfer senden können, deren Ventile den Dämpfer dann auf den Geraden runterziehen und so dafür sorgen, dass sich das Heck absenkt, der Luftwiderstand sinkt und die Fuhre auf den Geraden viel, viel schneller wird. Nur bei Lewis Hamilton, entdeckt auf Onboard-Fernsehaufnahmen aus Brasilien.

Die Information platzte in seinerzeit in einen sehr frühen Dienstagmorgen. Es war noch dunkel, als die Handyfrequenzen plötzlich heiß glühen mussten, um den Verdacht bei diversen Quellen zu verifizieren und sich erklären zu lassen. Aber recht schnell, zum Sonnenaufgang etwa, ging die entsprechende Meldung online.

Damit griff ein besonderer Mechanismus. Genau wie in der Politik, wird auch in der Formel 1 mit Press Clippings gearbeitet. Die Presseleute müssen ihren Chefs bei Bedarf eine Morgenlage zusammenstellen, damit jeder weiß, welches Thema gerade akut wird – und dann darauf reagieren kann.

Ein paar auffällig lange Stunden, nachdem der Verdacht der Lenksäulenbeweglichkeit in der digitalen Welt war, ließ Mercedes wissen: Man strebe ein Wiederaufnahmeverfahren der Ermittlungen gegen Max Verstappen an. Schließlich hätte der Lewis Hamilton in Interlagos von der Bahn gedrängelt, das gehöre eigentlich bestraft. Onboard-Aufnahmen von Verstappen sollen das belegen: In der Runde vorher sei er deutlich weiter innen am Scheitelpunkt gefahren als in jeder Runde, in der Hamilton ihn attackiert hatte.

Die Fakten dahinter sind schnell erzählt: Verstappen muss sich eines alten Rennfahrertricks bedient haben, den bei einer solchen Attacke auf der Außenbahn jeder Profi mit viel Erfahrung anwendet. Man geht dazu in der Bremszone ganz zart, nur einen Ticken, von der Bremse, reduziert den Pedaldruck und damit auch die Verzögerungsleistung um eine Nuance – und zwingt das Auto so in ein leichtes Untersteuern. Dann kann man es guten Gewissens dazu provozieren, über die Vorderachse zu schieben und so wie durch Versehen in die Spur des Gegners schlittern zu lassen. Dem bleibt dann keine Wahl, als einen weiten Bogen zu fahren – sonst setzt es eine Kollision, bei welcher meist der Fahrer auf der Außenbahn auf der Strecke bleibt.

Das ist nicht zu 100 Prozent fair, aber eine bekannte Art der Defensivarbeit; vergleichbar mit einem happigen Rempler am Kreis im Handball. Solange da keiner in den Wurfarm greift, gibt’s ja auch keinen Siebenmeter.

In der Formel 1 ist dieses Kaltstellen des Gegners ebenso üblich wie in anderen Rennserien. Erst wenn der Fahrer auf der Innenbahn das Lenkrad bewusst noch mal aufmacht, um so die Fahrtrichtung hin zum Kontrahenten außen zu ändern, also in den hinein lenkt, dann wird aus gesunder Härte ein zu ahnendes Foul.

Dass Mercedes ausgerechnet an jenem Dienstag, an dem der Verdacht der aktiven Hinterradaufhängung aufkeimte, auf allen Kanälen das Wiederaufnahmeverfahren ankündigte, diente in Wahrheit nur einem Zweck: die Lufthoheit über die Kommunikation der Kontroversen zurückzugewinnen. Statt in der Defensive zu sein und sich zu rechtfertigen, schoben sie den Schwarzen Peter schnell Verstappen und Red Bull zu – und schlüpften, um Mitleid heischend, in die Opferrolle. Es geht dabei weniger um Fakten – sondern hauptsächlich darum, die virale Ausbreitung der Berichterstattung über die Aufhängungschose unter einen Mantel zu legen.

Das hat auch deswegen so gut funktioniert, weil die Journalisten nicht richtig recherchieren können. Die wenigen, die bei den Grands Prix dabei sind, waren gerade unterwegs von Brasilien nach Katar und mussten sich dort mit nicht funktionierenden Corona-WarnApps der Araber rumärgern, was ihnen mindestens drei Stunden Zwangsaufenthalt am Flughafen bei der Einreise einhandelte. Und diejenigen, die – vor allem bei den Websites – in der Redaktion Innendienst schoben, nahmen die Mercedes-Pressemitteilung dankbar an: Sie ist schlagzeilen- und klickzahlenträchtig, ohne dass man dafür so viel selbst recherchieren müsste wie für die aufwändige Technikgeschichte zur Hinterradaufhängung.

Mercedes spielt mit dem Virus beidhändig auf der Klaviatur der Pressearbeit. Könnten Journalisten im Fahrerlager wie gewohnt recherchieren, dann wären manche Dauerbrennerthemen schon längst bekannt. Nicht nur Aufhängung, sondern auch die Saga um die dauernden Motorwechsel und Strafen. DIe Bußen nämlich nehmen die Schwaben bewusst in Kauf, weil sie wissen: Ihr neues Triebwerk ist – auch in Tateinheit mit dem von Geisterhand sinkenden Luftwiderstand – für so viel extra Topspeed gut, dass sie damit den Nachteil der Strafversetzung auf der Startaufstellung einfach wieder wettmachen können. Die Motorwechsel sind eine Risiko-Nutzenabwägung; ein Strafenmanagement, aber keine Vorsorge gegen zu befürchtende Ausfälle. Das wird aber so nur von wenigen Journalisten thematisiert, weil ihnen die Tippgeber in den Fahrerlagern fehlen, die in Nichtseuchenzeiten solche Zusammenhänge gern mal erklären.

Man wundert sich, was Corona so alles anrichten kann.


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