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10.10.2019

Medien-Beben


Es ist ein Wirtschaftskrimi. Und eine Reflexion der aktuellen Medienkrise, von der überall die Rede ist. Aus England kamen diese Woche erstaunliche Nachrichten. Die „Autosport“, die traditionsreichste Motorsportzeitschrift der Welt, wird zugemacht. Und auch das Schwesterblatt „Motoring News“ sowie die ebenfalls zum Haymarket-Verlag gehörende Hochglanzzeitschrift „F1 Racing“ wird von dem Londoner Verlag nicht fortgeführt.

Auf den ersten Blick sieht das alles nach dem üblichen Sterben von Printmedien in Zeiten der Digitalisierung aus. Doch dahinter steckt weit mehr.

Um das Ausmaß der Nachrichten zu verstehen, muss man sich zunächst mal die Bedeutung der „Autosport“ vor Augen halten. Das Magazin erscheint wöchentlich. Im Mutterland des Motorsports, England. So lange ich mich mit dem Sport befasse, und das ist immerhin seit meinen Kindertagen 1984, hatte das Blatt den Ruf als „die Bibel des Motorsports“. Als ich später Journalist werden wollte, überlegte ich ernsthaft, nach London zu ziehen, um bei „Autosport“ das Handwerk zu lernen und dort zu arbeiten. Ich schrieb als Freier Mitarbeiter sogar für die Schwesterzeitung „Motoring News“ über deutsche Nachwuchsformeln, um so einen Fuß in die Tür zu kriegen. Denn die Haymarket-Publikationen waren für mich das Maß der Dinge. Dort musste man hin, dachte ich, wenn man guten Rennsportjournalismus betreiben und die Motorsportwelt kennenlernen will.

Dank Günther Frauenkron, dem damaligen Chefredakteur der Hamburger Monatszeitschrift „rallye racing“, hat meine Karriere dann doch einen nationalen Verlauf genommen, mit aufregenden Stationen in Stuttgart, Zürich und Hamburg, ehe dann schließlich PITWALK entstanden ist. Aber das ist eine andere Geschichte, die anderswo auf dieser Website nachzulesen ist.

Jedenfalls habe ich über die Jahre viele Kollegen von Haymarket kennengelernt, zu vielen auch ein kumpelhaftes Verhältnis aufgebaut, weil mich der internationale Motorsport und vor allem England schon immer besonders fasziniert haben. Deswegen kam es immer wieder auch zu einem intensiven Austausch mit den Kollegen aus London, kollegial und partnerschaftlich. Man half sich gegenseitig bei der Recherche, und gemeinsam haben wir so manche Dinge aufgedeckt, die von Autoherstellern und Teams eigentlich unter der Decke gehalten werden sollten. Die Doppeldiffusoraffäre in der Formel 1 2009, das Aus des Porsche LMP2000 nach dessen ersten Test und die Diesel-Offensive von Audi in Le Mans bleiben da als Paradebeispiele in Erinnerung.

Jetzt ist Autosport platt. Und in der Szene herrscht Betroffenheit. Ist das der Niedergang vom Qualitätsjournalismus im Motorsport?

Es ist vor allem das Resultat einer Übernahmeschlacht. Vor fünf Jahren begann eine Firma aus Miami namens „Motorsport Network“ mit einer Internetoffensive rund um eine neue nachrichtlich textbasierte Internetseite mit Rennsportinhalten. Das Unternehmen kaufte eine der führenden Fotoagenturen im Motorsport, LAT, sicherte sich Anteile an der Formel E, baute mit weiteren Zukäufen und heimatsprachlichen Websites der Mutterseite für nationale Märkte das Imperium weiter aus, kaufte auch eine deutsche Motorsport-Nachrichtenwebsite und verleibte sich die Haymarketttitel ein.

Einer der Teilhaber ist Zak Brown. Der heutige McLaren Racing-Boss unterhielt damals noch lediglich eine Sponsorvermittlungsagentur für Motorsport, war Rennautosammler und Inhaber eines Rennteams in den Staaten. Das Geld fürs Motorsport Network kam nicht von Brown – sondern von einem Geschäftsmann aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, der in die USA gegangen war, der sich aber im Hintergrund hält.

Der Expansionskurs sorgte in unserer Branche schon früh für Befürchtungen, dass sich eine Marktmacht mit Monopolstellung etabliere, die allen anderen Medien das Leben schwer machen würde. Aber so ist es halt im Kapitalismus. Man muss sich zur Wehr setzen, bangemachen gilt nicht. Gegen große Firmen kann man sich behaupten, wenn man zwar kleiner, aber auch pfiffig und flexibel ist. Und Abwehrschlachten schrecken zumindest mich nicht – schließlich hatten wir gerade erst mit einer eidgenössischen Wochenzeitung selbst eine gegen eine Neugründung aus Österreich gewonnen, obwohl da die versammelte Moneypower von Red Bull dahinterstand.

Ich habe Zak Brown schon vor zwei Jahren beim 24 Stunden-Rennen in Daytona zu den Plänen vom Motorsport Network und auch zu den Gefahren der Monopolstellung befragt. Seine Antwort, nachzulesen in einem großen Interview in unserer Zeitschrift PITWALK: Man wolle den Fans einen Rundumservice bieten, mit Fotozugang, News im Web, Magazinen mit Hintergrundgeschichten, Zugang zu Veranstaltungen etc.

Doch da war ein wichtiges Kapitel hinter den Expansionsplänen des Network schon wieder zugeschlagen: Man hatte versucht, das ganze Konglomerat an Liberty Media zu verkaufen – bevor die Amerikaner als Rechteinhaber und Nachfolger von Bernie Ecclestone und dessen Firmengeflecht in die Formel 1 eingestiegen sind.

Zwischendurch hat das Motorsports Network auch den von Paris aus operierenden Pay TV-Sender „MotorsTV“ gekauft – ein Spartensender, den sich ein reicher Monegasse aus Begeisterung für den Rennsport gehalten hat und der all’ jenen Rennserien eine Heimat im Fernsehen gab, die anderswo keinen Platz fanden. Ich selbst habe schon für „MotorsTV“ kommentiert und war auch einer von deren Boxengassen-Fieldreportern bei den 24 Stunden von Le Mans. „MotorsTV“ ist dann ins Netz gewandert und eingestellt worden.

In Print sieht man nun keine Zukunft mehr. Die Zukunft des börsennotierten Unternehmens soll im Web liegen. Dabei ist „Autosport“ für sich genommen immer noch lukrativ. Dazu muss man die Buchhaltung und Bilanzierung im Verlagswesen kennen. Es gibt immer drei Verlagsergebnisse: Das erste errechnet sich nur aus den reinen Produktionskosten für die Zeitschrift – also Gehälter für Redakteure und Grafiker, Honorare für Freie Mitarbeiter, Reise- und Druckkosten. Das zweite zieht die Overheadkosten vom Verlag mit ins Kalkül, man nennt das auch Wasserkopf – also die Gehälter für Buchhalter, Anzeigenverkäufer, Marketingleute, Verlagsleiter etc. Gibt ein Verlag mehrere Titel heraus, werden diese Kosten anteilig auf die einzelnen Titel umgelegt. Schließlich kommen noch Abschreibungen und Verbindlichkeiten hinzu, also Feinheiten der Bilanzbuchhaltung.

Im ersten Verlagsergebnis von „Autosport“ schreibt der Titel schwarze Zahlen. Auch wenn die Auflage beständig zurückgegangen ist, weil die Redaktion ausgedünnt wurde und die Inhalte dadurch oberflächlicher geworden ist. Auch zulasten einer eigenen Website unter demselben Markennamen. Doch „Autosport“ drücken Schulden – in exakt jener Höhe, die man aufwenden musste, um die oben aufgeführte Fotoagentur samt deren Archiv zu kaufen. Diese Schulden kann man mit den Verkaufs- und Anzeigenerlösen aus dem Heft nicht überlagern.

Diese Woche hat die Verlagsleitung den Preis auf mehr als 10 britische Pfund erhöht. Damit wird die Auflage weiter runtergehen. Viele argwöhnen: So solle künstlich der Beweis herbeigeführt werden, dass sich nicht mehr genug Leser finden lassen.

Dabei erleben Zeitschriften eigentlich gerade eine Renaissance. Denn viele Internetseiten betreiben inzwischen nur noch Copy & Paste-Journalismus. Man druckt jede Presseinformation ab, um möglichst viel Content zu produzieren und so hohe Klickzahlen zu erzwingen. Man merkt seit etwa zwei Jahren eine Trendwende: Mehr und mehr Motorsportfans misstrauen dem Web und wenden sich Printprodukten zu, von denen sie wissen: Deren Journalisten sind bei den Rennen vor Ort, haben die nötigen Kontakte, können recherchieren und das Gehörte einordnen.

Von diesem Trend profitiert nicht zuletzt PITWALK. Aber nicht allein.

Auch eben „Autosport“. Bis Montag dieser Woche.

Die Planung sieht nun vor: „Motoring News“ soll verkauft werden. „Autosport“ nicht. „F1 Racing“ ist bereits veräußert – an einen Digitalpublisher aus Cambridge. Von „F1 Racing“ gab es ebenfalls nationale Ableger. In Deutschland ist mal einer gescheitert. Und etwa zur Jahrtausendwende war ich mal in einer kleinen Entwicklungsredaktion in Hamburg dabei, die eine neue Version des Titels für Deutschland konzipieren sollte, zusammen mit einem ehemaligen Chefredakteur und Artdirektor des „stern“. Den Investor, der uns beauftragt und zusammengebracht hatte, verließ dann aber doch der Mut.

In England glauben viele, „Autosport“ werde nun auch verkauft und von privaten Investoren weitergeführt. Das ist nicht abwegig, denn es gibt im englischen Motorsport viele schwerreiche Millionäre, die mit dem Blatt großgeworden sind und leidenschaftliche Leser sind. Aber die Chancen sind gering. Denn die Namensrechte an solchen Titeln sind wertvoll und teuer. Ich habe selbst versucht, den Namen der zwischenzeitlich eingestellten „rallye racing“ wiederzubeleben, als wir das Konzept für unser Premiummagazin erarbeitet haben. Aber die Rechte lagen noch bei jenem Verlag, der den Tochterverlag von Axel Springer übernommen hatte, in dem „rallye racing“ zuletzt verlegt worden war – viel zu teuer, um sie zu kaufen. Mit „Autosport“ wird’s ähnlich sein. Zumal die Website auch unter den Markennamen weiterlaufen soll.

Denn die Idee, überall nationale Kopien der Motorsport Network-eigenen Mutterwebsite in nationalen Märkten zu etablieren, ist schon mal gescheitert – in Deutschland. Zwei Mal schon sollte jene Website, die das Netzwerk gekauft hat, zugunsten von deren eigener deutschsprachigen Version eingestellt werden – im Frühling und Herbst 2019. Doch es ist nicht gelungen, die übersetzte Mutterwebsite so zu monetisieren wie den etablierten deutschen Internetauftritt.

Darum dürfte auch die „Autosport“-Website am Leben erhalten werden.

Aber die Konsolidierungspläne vom Motorsport Network enden nicht mit dem Schicksal von „Autosport“, „Motoring News“ und „F1 Racing“. Die Rede ist von konsolidiert konzernweiten Verlusten im Millionenbereich – pro Monat. Und der Konzern ist an der Wall Street börsennotiert. Also müssen die Kennzahlen aufgemöbelt werden, um den Aktienkurs zu pushen – oder einen neuen Verkauf einleiten zu können.

Denn mittelfristig ist das Netzwerk offensichtlich nur eine Investition für die Geldgeber, kein Imperium, das sie dauerhaft halten möchten. Darauf deuten zumindest die aktuellen Entwicklungen hin.


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