+++ 2019-11-14 15:27 : Neuer Blog online zur Formel 1 in Brasilien und dem Grand Prix von Macau +++ 2019-11-14 12:07 : Alles zu den Inhalten des neuen Hefts – jetzt online anschauen und bestellen! +++ 2019-11-13 21:22 : Neuer Blog online – mehr zum Livestream aus Macau am kommenden Wochenende +++
BACK

05.01.2019

Mazda Rumpelstilzchen


Ausgerechnet der erfolgloseste Teilnehmer der ganzen Klasse sorgt für eine Eskalation: Mazda hat in der IMSA-Serie zwar noch nichts gewonnen – aber kurz nach Neujahr dafür gesorgt, dass ein eiserner Grundsatz der nordamerikanischen Sportwagenmeisterschaft versenkt wurde: gute Stimmung, freundlich-respektvoller Umgang und eine generelle Lockerheit.
Denn beim Roar, dem Vortest vor dem 24 Stunden-Rennen von Daytona, macht der japanische Hersteller mit rüden Methoden von sich reden.

Alles begann mit einer Pressemitteilung am Tag vor den Probefahrten. Darin wurde nicht nur die Verpflichtung von Timo Bernhard als Ergänzungsfahrer für Daytona bekanntgegeben, sondern auch eine Umstrukturierung in der Teamleitung. Ralf Jüttner, der langjährige erfolgreiche Kopf hinter den Leistungen von Joest Racing, sei nicht mehr dabei, stattdessen seine bisherige rechte Hand bei Joest Racing.

In der Box von Mazda bietet sich ein anderes Bild. Einer der weinroten Wagen wird von einer Mechanikermannschaft betreut, die man sonst aus dem Ford-Werksteam in der Sportwagen-WM kennt. Auch George Howard-Chappell, der Teamchef von Ford aus der WM, ist in der Mazda-Box engagiert.

Denn der Engländer ist nicht bei Ford angestellt, sondern bei Multimatic – jener kanadischen Ingenieurs- und Zuliefererfirma, die nicht nur den Ford GT entwickelt hat, sondern auch das Chassis für den Mazda DPi. Howard-Chappell ist einer der am höchsten qualifizierten Insider im Fahrerlager überhaupt, sicher eine gute Wahl.

Aber er fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut, als ich ihn nach seiner Rolle beim Roar-Vortest befrage. Denn er ist ein langjähriger Bekannter und ein Mann mit Grundsätzen. Dazu zählt auch Aufrichtigkeit gegenüber Gesprächspartnern, die er kennt und einschätzen kann.

Nun windet er sich freundlich aus der Unterhaltung, verweist darauf, dass er nicht als offizieller Ansprechpartner auftreten könne und dass es „ein sehr schönes Medienbriefing vom Mazda-Sportchef“ gebe, das ich doch lesen könne; da stünde alles drin. Er müsse jetzt gerade weg.

Man merkt sofort: Da ist irgendwas im Argen. Und sieht, dass am zweiten Auto eine Joest-Mannschaft arbeitet. Zwei Boxen, die plötzlich wirken wie das geteilte Dorf im Asterix-Band „Der große Graben“.

Es geht schon längst nicht mehr um die Wertung, ob es sinnvoll ist, das Team Joest umzubauen, Experten von Mutimatic an Bord zu holen etc. Vielmehr baut sich eine zweite Ebene auf, jenseits des rein Fachlichen.

Der nächste Weg führt zu einem der Fahrer von Mazda. Und der schaut auch so komisch. Alle Piloten hätten am Tag zuvor eine Order erhalten, sich nicht von Journalisten in Gespräche verwickeln zu lassen. Alle Wünsche von Journalisten müssten über die Mazda-Pressestelle koordiniert werden. Einzige Ausnahme: spontanes Auftauchen von TV-Kamerateams. Da dürfen die Fahrer antworten.

Welcher Fahrer mir das gesagt hat, behalte ich natürlich fein für mich, denn sonst kriegt der am Ende noch eine reingewürgt. So wirkt zumindest die Atmosphäre in der Garage Area von Daytona.

Es gibt noch weitere Wunderlichkeiten, etwa das willkürliche Streichen eines US-Kollegen aus dem Presseverteiler – als Strafe für eine unliebsame Veröffentlichung auf dessen Internetseite.

Solches Gebaren kennt man aus der Formel 1 und aus dem DTM. Doch in der IMSA ist es völlig fehl am Platze. Denn die Szene dort lebt davon, offen, zugänglich und kooperativ zu sein. Zu allen – Fans vor Ort, Internetusern, Journalisten. Die Freundlichkeit und der Respekt haben zum Beispiel Alex Zanardi, der den Motorsport in den USA von innen heraus kennt, bei seinem Kurzcomeback zu einer ellenlangen Lobeshymne auf den Sportsgeist und die Kameradschaft in den Staaten veranlasst, weil der Italiener von seinem Empfang echt beeindruckt war.

Das rumpelstilzenhafte Verhalten von Mazda mag der langen Dürre bei den Resultaten geschuldet sein. Da können die Nerven schon mal blank liegen. Vor allem, wenn es darum geht, ob einschneidende Veränderungen auch wirklich greifen. Beim HSV ging es ja phasenweise auch drunter drüber. Aber Mazda unterminiert mit der Kommunikationssperre das Fundament des ganzen Wachstums der IMSA-Serie. Es passt nicht in die von Serienbetreibern und Herstellern so sorgsam gepflegte Landschaft – schließlich ist die IMSA eine Meisterschaft mit ausgeglichenem Feld, einem funktionierenden BoP-System und stets spannenden Rennen in allen Klassen.

Dieses Jahr feiert die Serie ihr 50-jähriges Jubiläum. Das 24 Stunden von Daytona ist der klare Saisonhöhepunkt und lockt weltweite Aufmerksamkeit – die der Serie nach den beiden Florida-Rennen von Daytona und Sebring im März schlagartig abhanden kommt.

Ausgerechnet in dieser wichtigen Phase schadet Mazda mittelbar der ganzen Meisterschaft.

Aber vielleicht beruhigen sie sich ja bis zum 24 Stunden-Rennen wieder. Ein paar Wochen Zeit haben sie schließlich noch.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 14.11.2019

    Von Brasilien nach Macau

    Man müsste sich zweiteilen können. Denn es kommt nicht oft vor, dass zwei der spektakulärsten Rennen am selben Wochenende stattfinden. Aber dieses Mal ist es wieder soweit: Der For…
  • 13.11.2019

    Digitale Revolution live aus Macau

    PITWALK steigt am Wochenende mit dem Straßenrennen von Macau erstmals ins Livestreaming ein – und erweitert damit sein Angebot hin zu einem 360°-Multimediaunternehmen. Die Liveübe…
  • 12.11.2019

    I Have a Stream

    PITWALK wird das Stadtrennen von Macau in einem exklusiven kommentierten Stream live übertragen. Der Formel 3-Grand Prix, das GT3-Weltfinale und der Motorrad-Grand Prix werden über…
  • 05.11.2019

    Auf eine bessere Zukunft?

    Auf den ersten Blick sieht das Modell so aus wie jenes Ergebnis, das immer dabei rauskam, wenn ich als Kind einen Modellbausatz zusammengeklebt und -gesteckt hatte: alles schief un…
  • 04.11.2019

    Das muss drin sein!

    Es ist soweit. Bei unserer Druckerei in Ahrensfelde können wieder die Maschinen rattern – die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK ist druckreif und die Daten sind übermittelt. Bal…
  • 03.11.2019

    Die neue PITWALK kommt bald

    Auch im Herbst hat die PITWALK-Redaktion wieder alle nötigen Eintrittskarten, um hinter die Kulissen des Motorsports blicken zu können. Auf 180 Seiten bietet die nächste Ausgabe vo…
  • 25.10.2019

    Rallye der zwei Gesichter

    Freitags verwinkelte Schotterpassagen, am Samstag und Sonntag rasant schnelle Asphaltstrecken: Keine zweite Rallye im WM-Kalender wartet mit so unterschiedlichen Anforderungen auf …
  • 23.10.2019

    Französische Volte

    Den Gesichtsausdruck werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In tiefer Nacht nach dem Singapur-Grand Prix 2008 befragte ich Pat Symonds, den damaligen Technischen Leiter des Renault…
  • 16.10.2019

    All Four Won

    Es wird eine der Storys des Jahres. In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift PITWALK erfahrt Ihr exklusiv alle technischen Hintergründe und Neuerungen des jüngsten Porsche 911 RSR. …
  • 15.10.2019

    Das große Schwelgen

    Nach vier Jahren endete am Wochenende für das Werksteam Ford Chip Ganassi Racing eine Ära: Das Zehnstundenrennen Petit Le Mans auf der berühmten Rennstrecke von Road Atlanta war …
  • 13.10.2019

    Die Geschichte von Bamthoor

    Wir schreiben das Jahr 2016. In den engen Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau treffen Earl Bamber und Laurens Vanthoor erstmals aufeinander. Beim GT-Weltcup steuer…
  • 12.10.2019

    Gone Like Hell?

    Die Zukunft von Ford beschäftigt die Sportwagenlandschaft weltweit. Das Petit Le Mans auf der Road Atlanta am heutigen Samstag ist das letzte Rennen für die GT. Alle Bemühungen, di…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA