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25.08.2016

Making America Great Again


Urlaubszeit ist Reisezeit. Auch für Motorsport-Journalisten. Aber weil zwar die Formel 1 gerade Sommerferien hat, andere Rennserien aber fleißig weiter wetteifern, fällt der Urlaub für unsereinen aus. Stattdessen geht man auf beruflich bedingte Bildungsreise.

Die USA sind da immer ein lohnendes Ziel. Denn hier hat sich eine Motorsportkultur herausgebildet, die mit der europäischen nicht viel gemein hat – aber von der gerade die Formel 1 im Moment viel lernen könnte.

Dass die Grand Prix-Serie unter Zuschauerschwund leidet, ist längsthin bekannt. Und so höre ich in letzter Zeit immer öfter: Wenn die Formel 1-Macher nicht aufpassen, wird die Sportwagen-WM – in der Porsche, Audi und Toyota mit millionenschweren Werkseinsätzen fahren – der Formel 1 womöglich den Rang als publikumswirksamste Motorsport-Sparte ablaufen.

Das kann ich mir nicht vorstellen.

Denn nur die Formel 1 ist so massenkompatibel wie Fußball. Alle anderen Rennserien europäischer Prägung setzen voraus, dass man sich aktiv mit ihnen beschäftigt; die Formel 1 kann man auch genießen, wenn man sich lediglich berieseln lassen möchte, ohne tief in die Materie einzusteigen.

Andererseits steht gerade der US-Motorsport als mahnendes Beispiel: Jahrzehntelang galt die CART/IndyCar-Serie als „das amerikanische Pendant zur Formel 1“. Dann zerfleischte sich das Championat selbst. Denn es brach ein Grabenkampf zwischen zwei Interessengruppen auf. Jede fand sich so toll, dass sie eine eigene Rennserie proklamierte – und jede Meisterschaft nahm der anderen Teams, Fahrer, Medieninteresse und Zuschauer weg.

Der „Split“ hat das „Open Wheel Racing“ in den USA auf ein Nischendasein reduziert, in etwa so wie die GT3-Rennszene in Europa – interessant, liebenswert, spektakulär aber nur was für echte Fans dieser Sparte. Der große Nutznießer war die NASCAR – die im Kielwasser vom Split ihren Siegeszug von einer Rennserie für raue Rednecks aus den Südstaaten hin zu einem landesweit geachteten und mit Hingabe verfolgten Championat angetreten hat.

Ohne die Schwächung der IndyCar-Szene wäre die NASCAR niemals zum Motorsport Nummer 1 in den USA geworden. Und dann hat sie denselben Fehler gemacht wie die Formel 1 jetzt: Verlust der Bodenhaftung, Abriss von Fannähe, hin zu einem Premium-Spektakel für Überversorgte, das mit dem Sport nicht gemein geht. Nur wenn man Premium und Bodenständigkeit in Waage hält, prosperiert der Motorsport; er ist da anders als etwa Golf oder Tennis, die beide ausschließlich vom Snobismus leben können.

Innerhalb der NASCAR hat man das erkannt und dreht inzwischen an verschiedenen Stellschrauben, um den Charakter der Serie klarer rauszuarbeiten. Und die Open Wheel-Fraktion hat ihre Wiedervereinigung längst vollzogen. Seit zwei Jahren geht es mit den IndyCars steil bergauf, wenn auch immer noch klar hinter den NASCAR-Spektakeln darbend.
Die IndyCar-Szene hat ihren eigenen Mikrokosmos aufgemacht. Dort gedieh sogar eine bessere Lösung für den Kopfschutz der Fahrer als in der Formel 1, der schon bald vorgestellt und serienreif gemacht werden wird. Während die Formel 1 sich in Debatten zerfasert wie der deutsche Bundestag, haben die Amerikaner einfach mal gemacht. Denn das können sie – trotz der landesweiten Lähmung durch Noch-Präsi Obama – immer noch am besten.

Die IndyCarianer hatten ihre eigene Tragödie, als der frühere Formel 1-Fahrer Justin Wilson – zu großgewachsen für die Formel 1, von Williams’ Technikguru Patrick Head dennoch mit privaten Mitteln bis in die Königsklasse gefördert – starb, nachdem er in Pocono von einem Trümmerteil am Kopf getroffen worden war. Der jetzt entwickelte Kopfschutz ist eine Reaktion darauf, konsequenter umgesetzt als alles, was die Formel 1 an Kopfgeburten hervorgebracht hat.

So zeigen denn sowohl NASCAR als auch IndyCar, wie man mit hausgemachten Krisen richtig umgeht und so die eigene Position langfristig stärkt. Man kann nur hoffen, dass sich auch ein paar Formel 1-Verantwortliche in der Sommerpause auf den Weg über den großen Teich gemacht haben.


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