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02.09.2016

Mad Max und die Nice Boys-Theory


Felipe Massa wollte eigentlich ein Signal für Michael Schumacher setzen. Doch in Wahrheit hat er bei der Wahl jenes Ortes, an dem er seinen Rücktritt aus der Formel 1 verkündete, ein ganz anderes Zeichen gesetzt. Denn der Rentenantrag platzt mitten in die Diskussion über die rüde Fahrweise von Max Verstappen, dem Formel 1-Frischling aus Holland.

In Massa tritt jetzt das fahrende Beispiel dafür zurück, dass Verstappen alles richtig gemacht hat. Denn Massa war Zeit seiner Karriere eine rücksichtsvoller, fairer und aufrichtiger Fahrer – auf der Strecke und im Fahrerlager. Aber es gilt nicht nur: „Nice Boys Don’t Play Rock ’n’ Roll“ – sie werden auch nicht Formel 1-Weltmeister.

Von der reinen Grundschnelligkeit und Fahrzeugbeherrschung her hätte Massa das Zeug zum Titelträger gehabt, daran gibt es keine Zweifel. Doch der kleine Bursche mit dem runden Teddybärengesicht, der einst als Pizzabote fürs Benetton-Team ins Fahrerlager von Interlagos kam und dort seinen Traum vom Grand Prix-Piloten deponierte, war einfach nicht ruchlos genug. Ihm fehlte jenes Rabiate und Rücksichtslose, das Michael Schumacher, Lewis Hamilton und früher Ayrton Senna oder Niki Lauda auszeichnete. Und deswegen konnten seine Gegner ihn stets ausrechnen, verunsichern und kaltstellen.

Spätestens seit Spa am vergangenen Sonntag ist klar: Das wird Max Verstappen nie passieren. Der Jungspund aus den Niederlanden zeigt genau jene Charakterzüge, die einst auch Senna, Schumacher und Hamilton ausgezeichnet haben, als sie neu in die Formel 1 kamen: keinen Respekt vor großen Namen, keine Scheu vor brutalen Manövern bis über die Fairnessgrenze hinaus, den unbändigen Willen zum Überholen und Vornebleiben.

Muss man jene Manöver, die in Spa so viel Kritik im Fernsehen und im Internet auslösen, noch genau analysieren? Der Startkurvenunfall geht – wenn überhaupt – auf das Konto von Sebastian Vettel. Denn der muss wissen, dass es in La Source nach dem Start eng wird – und dass man im Zweifel eher den weiten Bogen fährt, notfalls sogar die Jack-Brabham-Gedächtnislinie durch die asphaltierte Auslaufzone, anstatt reinzuziehen und so die Räume innen neben sich eng zu machen. Dass er das nicht getan hat, sollte man ihm nicht als verwerflich anlasten. Binnen Zehntelsekunden hat er gedacht, er sei vorn und könne die Linie bestimmen. Solche blitzartigen Urteile können eine Kettenreaktion nach sich ziehen, das Fahrerlager Denglish sieht dafür die treffliche Bezeichnung „race incident“ vor – am besten übersetzt als „Zwischenfall im Eifer des Gefechts“.

Wohlgemerkt: Zwischenfall, nicht Unfall.

Die Blockade gegen Kimi Räikkönen? Brutal, klar, aber bei der Anzahl der Linienwechsel immer noch im Rahmen dessen, was die Formel 1-Regeln vorsehen – die in diesem Fall eh’ zu eng gefasst sind. Und auch ein Verzögern, um den Hintermann auflaufen zu lassen, ist zwar nicht nett, aber im Kampfgetümmel üblich. Wenn es dann zu einem Auffahrunfall kommt, beschwert sich der Vordermann nicht. Es ist sozusagen die Motorsport-Variante eines taktischen Fouls aus dem Fußball.

Klar, das kann man als unfair verurteilen. Aber nur wer im Spitzensport mit so harten Bandagen kämpft, der erwirbt sich den Respekt und manchmal auch die Furcht der Gegner – und steckt so jenen Claim ab, in dem er Weltmeister werden wird. Genau das tut Verstappen gerade. Alle künftigen Champions haben in ihrer Prägephase in der Formel 1 genau so agiert, um am Sockel der Etablierten zu rütteln.

Nur: Damals gab es noch kein Internet, entsprechend auch keine Welle der unbotmäßig hohen Empörung. Die Hahnenkämpfe wurden im Fahrerlager und auf der Strecke ausgetragen, von den Berichterstattern erst verfolgt und dann – je nach Medium – mehr oder minder reißerisch oder fatalistisch aufgearbeitet. Diesen Umgang kann man in Zeiten der digitalen Medien nicht mehr erwarten, deswegen prasselt auf Verstappen jetzt ein Kritikhagel nieder, der völlig übertrieben ist.

Spa und Monza machen in Wahrheit nur deutlich: ein netter Mensch verlässt die Formel 1, ein künftiger Superstar hat zu ihrer Eroberung angesetzt.


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