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03.09.2019

Konsequenzen aus der Tragödie


Die Geschichte zeigt hin und wieder ihr sarkastisches Gesicht. Ausgerechnet in jener Woche, in der die Motorsportwelt sich an den Schwarzen Sommer 1985 erinnert, verunglückt in Spa-Francorchamps der Nachwuchsfahrer Anthoine Hubert in einem Formel 2-Rennen tödlich.

Ich habe in den letzten Tagen mehrere Podcasts mit den Hinterbliebenen der damaligen Opfer Stefan Bellof und Manfred Winkelhock produziert. Es waren intensive Gespräche mit den Witwen und Geschwistern – Minuten, die einem erst so richtig klar machen, was für eine unendliche Trauer und für ein unermessliches Leid solche Tragödien für die Familien bedeuten. Man muss sich selbst erst wieder von solchen Geschichten und Gesprächen erholen, weil man förmlich mitgerissen worden ist in die Bodenlosigkeit der Trauer und des Entsetzens. Vor allem der Podcast mit Angelika Grohs, der damaligen Verlobten von Stefan Bellof, macht das sehr plakativ.

Bellof starb 1985 in derselben Kurvenpassage wie Hubert am vergangenen Wochenende. Allerdings auf der gegenüberliegenden Seite von Eau Rouge – jenem eisenhaltigen Bach, der unter der Rennstrecke hindurchfließt und dessen mineralrot gefärbtes Wasser der Senke ihren Namen gibt.

Während die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer oft allein gelassen bleiben, haben sich viele Rennfahrer eine besondere Form des Selbstschutzes zugelegt: Sie schauen sich Videos und Analysen besonders schwerer Unfälle erst gar nicht an. Timo Bernhard, der ehemalige Le Mans-Sieger und Sportwagen-Weltmeister, hat das in einem weiteren Bellof-Podcast auf pitwalk.de sehr offen zugegeben.

Ausblenden ist eine Sache. Jacky Ickx, 1985 der Unfallgegner von Bellof in Spa, hat mir in einem Interview für unsere Zeitschrift PITWALK gesagt, er hätte sich seinerzeit immer eingeredet, er sei ja besser als die anderen Piloten, also könnte ihm – im Gegensatz zu den Gegnern – folgerichtig ja auch kein tödlicher Unfall passieren.

Sowohl Bernhards als auch Ickx’ Aussagen zeigen, wie sehr Motorsport immer auch eine Kopfsache ist. Das gilt auch heutzutage. Und es war mit einer der Gründe, warum die Tragödie um Hubert in Spa am vergangenen Sonnabend passieren konnte.

Dazu muss man sich die Anatomie der Tragödie genauer anschauen können. Anthoine Hubert weicht in der schnellen Vollgaspassage in einem Kuddelmuddel dem vor ihm langsamer werdenden Ralph Boschung aus. Der seinerseits hat den abgerissenen Heckflügel von Guiliano Alesi umfahren müssen, nachdem der wegen eines Reifenschadens abgeflogen war. So weit noch alles normal, zumal in einer Nachwuchsformel, wo die jungen Leute sich binnen kürzester Dauer und ohne ausreichende Zeit der Vorbereitung in Freien Trainings vor den Formel 1-Teamchefs und -Talentspähern bewähren möchten.

Doch als Hubert starb, war dessen Unfall für ihn eigentlich schon vorbei und der Franzose noch am Leben: Trotz des Schwenkers um Boschung herum reißt er sich am Schweizer noch den Frontsflügel ab und rutscht deswegen untersteuernd in die Begrenzung. Im einem so spitzen Winkel, dass die Reifenstapel die Kraft absorbieren und das Auto zum Stehen bringen. So, wie es sein soll: Der Wagen ist ausgetrudelt und steht in der Auslaufzone.

Wohlgemerkt: Er ist nicht zurück auf die Fahrbahn geworfen worden. Er ist neben der Piste zum Stehen gekommen.

Damit ist der Unfall – wie gesagt – eigentlich vorbei. Doch dann kommt Juan-Manuel Correa mit Vollgas in der asphaltierten Auslaufzone neben der Piste daher. Er kann den ausgetrudelten Dallara wegen der Kuppe dort nicht rechtzeitig erkennen und kracht deswegen so gut wie ungebremst in die Seite. Trotz einer Beschichtung aus kugelsicherem Zylon wie rund um ein Formel 1-Cockpit reißt die linke Seite von Huberts Fahrgastzelle durch die Wucht des Aufpralls auf.

Erst das ist tödlich.

Die Kardinalfrage lautet also: Wie kann ein Fahrer mit Vollgas in einem Sicherheitsbereich an ein Auto heranrasen? Und da kommt die mentale Seite ins Spiel. Vollasphaltierte Auslaufzonen laden genau zu solch einem Fehlverhalten ein. Als früher noch Kiesbetten statt Teerflächen neben der Strecke lagen, hat man sich als Fahrer unweigerlich davon ferngehalten. Heute weiß jeder: Notfalls kann man halt die Lenkung aufmachen und über den Asphalt ausweichen, wenn sich vor einem ein Getümmel auftut. Das in Spa riskiert zu haben, kann man Correa genau so wenig vorwerfen wie anderen Piloten, die das in vergleichbaren Situationen tun. Nur: Man kann dann eben nicht mehr reagieren, wenn im Sicherheitsbereich plötzlich jemand vor einem steht – womit man in einer Auslaufzone immer rechnen muss.

Rennfahrer rechnen jedoch prinzipiell nicht mit dem Schlimmsten, sondern operieren in gutem Glauben. Das ist das Wesen eines Sportlers: Für sie sind Ausweichmöglichkeiten eine Chance, nicht nur keine Plätze wegen Lupfens oder gar Bremsens zu verlieren – sondern vielleicht sogar welche zu gewinnen. Ein Fußballspieler, der genau weiß, dass er im Abseits steht, wird ja auch nicht seinen Sturm zum Tor unterbrechen, wenn der Schiri nicht pfeift. Im Gegenteil: Er nimmt das Tor gern mit, das das Schiedsrichtergespann ihm wegen Übersehens der Abseitsstellung auf dem Silbertablett serviert hat.

Die asphaltierten Auslaufzonen machen das Leben für die Fahrer leichter. Fehler werden einfacher verziehen und können simpel ausgebügelt werden. Solange alles plangemäß verläuft. Das wissen die Fahrer. Und sie haben aufgrund ihrer vielen Stunden in Computersimulatoren, wo sie stundenlang Rennen digital am Computer fahren, unterbewusst das Gefühl, in einem absolut sicheren Umfeld zu sitzen. Ich habe das im Porsche 919-Le Mans-Simulator selbst erlebt: Wenn man im Computer abfliegt, stoppen das Bild und auch die Befehlsannahme von Steuer und Pedalen ganz schlagartig; das eigene Auto wird vom System binnen Sekundenbruchteile wieder auf die letzte Einstellung vor dem Verlassen der Strecke zurückgesetzt – und dann geht’s einfach weiter.

Das impliziert eine Sorglosigkeit – und raubt einem unterschwellig gleichzeitig den Respekt vor den enormen Kräften, die auf die Rennwagen und die Piloten in den Cockpits wirken. Mit dem neunfachen Rallyeweltmeister Sébastien Loeb habe ich genau darüber mal intensiv gesprochen. Er sagte mir, Simulatoren helfen ihm, die Streckenführungen kennenzulernen, „und die Kräfte kenne ich ja aus dem Alltag zur Genüge“.

Diese Unbekümmertheit, die bis zum unterbewussten Gefühl der eigenen Unverwundbarkeit geht, hat sich vor allem in den Nachwuchsserien breitgemacht, wo die Fahrer noch jung und gleichzeitig unheimlich ehrgeizig und von teils übersteigerten Hoffnungen getrieben sind. Deswegen sieht man dort auch mehr haarsträubende Fahrmanöver als etwa in der Formel 1 oder den ersten Sportwagenligen.

Wenn das alle unglücklichen Umstände zusammentreffen, kann es auch mal so tragisch schiefgehen wie am Sonnabend in Spa. Mit Unfällen, die dann so wuchtig sind, dass sowohl die passive Sicherheit der Autos als auch der menschliche Körper damit unweigerlich überfordert sein muss.

Der Urknall des Unfalls aber liegt in der Möglichkeit, durch Auslaufzonen ausweichen zu können, ohne vom Gas gehen zu müssen. Genau das hat Hubert letztlich umgebracht. Deswegen führen Diskussionen über den eigentlichen Streckenverlauf der Rennpiste bei Eau Rouge auch am Thema vorbei. Bis inklusive des ersten Einschlags von Hubert neben der Strecke und dem Austrudeln und Verbleiben in der Auslaufzone war alles enorm schnell, aber plangemäß. Dann kommt ein Auto Vollgas daher, wo es das nie und nimmer mehr draufhaben dürfte – und dann kann ein Sicherheitsbereich auch nichts mehr nützen. Im Gegenteil: Dann wird er sogar zur tödlichen Falle.


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