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08.05.2021

Knofel und Rettich


El Trabuc hat zu. Dabei ist das Restaurant in Granollers zu Zeiten des Grand Prix-Wochenendes für die Formel 1-Gemeinde eigentlich so etwas wie der Oil Baron’s Club in Dallas für JR Ewing und die Ölmänner von Texas – eine Gaststätte, die man mindestens ein Mal pro Aufenthalt besucht haben muss, wenn man in der Szene wirklich etwas gelten will.

Jetzt hat die Seuche das noble Haus, das mit dunklem Holz und einer großen Außenterrasse ein historisches katalanisches Flair transportiert, dichtgemacht. Denn auch in Spanien muss die Formel 1 noch ein Geisterrennen abhalten, Kontakte außerhalb der sogenannten Blase sind untersagt. Erst ab dem nächsten Grand Prix von Monaco ändert sich die Ausgangslage: Weil das Fürstentum am Mittelmeer trotz höchst beengter Wohnverhältnisse mit erstaunlich wenigen Coronakranken durch die zweite und in die dritte Welle gekommen ist, sind dort wieder Zuschauer erlebt. Zwar nur 7.500 – aber immerhin.

Damit macht Monaco einen Schritt, der in den USA schon längst vollzogen ist. Denn in der IndyCar-Serie und auch bei den NASCAR-Tourenwagen sind Fans wieder erlaubt. Dazu beigetragen hat auch eine erstaunliche Initiative: Auf den Rennstrecken sowohl von Indianapolis als auch von Texas, zwischen Dallas und Fort Worth gelegen, sind spontan Impfeinrichtungen entstanden – die an einem einzigen Wochenende mehr Spritzen verpikst haben als das Impfzentrum Georgsheil im gesamten Zeitraum seit Öffnen der Impfkampagne.

Momentan macht man hierzulande mächtig Stimmung für einen „Impfturbo“. Doch man darf nicht übersehen, wie die EU- und ganz besonders die deutsche Drömeligkeit uns allen einen Rückstand eingehandelt hat, dem wir noch lange hinterherhecheln werden. Im Motorsport und bei anderen Großveranstaltungen ebenso wie in der ganzen Gesellschaft. Die Amerikaner haben gezeigt, wie man es besser macht, jetzt ernten sie die Früchte. Beim IndyCar-Rennen in Texas am ersten Maiwochenende waren nicht mal mehr Masken vorgeschrieben.

Genau wie auch die Engländer. Silverstone soll der erste Grand Prix werden, bei dem wieder die meisten Coronabeschränkungen aufgehoben werden. Das wird zwar noch nicht offiziell kommuniziert. Doch hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen für den ersten Großen Preis der Normalität schon auf Hochtouren.

Soll man sich nun daran erfreuen – oder darüber grämen, dass man in der Siedlung von Georgsheil an Parkplatz- und Impfstoffmangel verzweifelt? Wahrscheinlich muss man das Positive an der ganzen Groteske sehen. Denn irgendwann muss der Impfturbo hierzulande ja auch mal zünden, und dann sollte es endlich wieder losgehen mit Großveranstaltungen wie Autorennen vor Zuschauern.

Der Nürburgring steht schon parat. Denn auch in der Formel 1 werden schon wieder Rennen abgesagt: Die unsägliche Strecke in der Türkei muss das Erlebnis Montréal ersetzen, weil die Quarantäneregeln für eine Einreise nach Kanada für die Meilensammler aus der Grand Prix-Szene schlicht nicht praktikabel umsetzbar sind. Fällt das nächste Rennen, wird der Ring in der Eifel nachrücken – obwohl auch da noch nicht offen drüber gesprochen wird. Aber Brasilien wackelt wegen Mutanten und Missmanagement erheblich.

Um Interlagos wäre es schade. Denn auch dort gibt es so ein Stammlokal für die Haute Volée: die Churrascaria Fogo de Chão, eigentlich eine Kette von jenen Fleischtempeln, an denen einem solange Frischfleisch direkt am Tisch aufgeschnitten wird, bis man eine Ampel in Bierdeckelform von Grün auf Rot dreht. Am Ring gibt’s zwar die Pistenklause mit ihrem berühmten Steak auf dem heißen Stein – aber mit dem Fogo de Chão kommt das Lokal, das einst die Mutter der gerade verstorbenen Rennfahrerin Sabine Schmitz betrieben hat, dann doch nicht mit.

Insider-Lokale kennt der Racer mit Stil in jedem Rennort. Auch in Indianapolis, wo Ende Mai das Indy 500 stattfindet. In normalen Zeiten mit bis zu 380.000 Fans, jetzt dank der unkomplizierten Impfung in der Boxengasse der Rennstrecke immerhin auch schon wieder vor 135.000 Besuchern. In der Innenstadt der Metropole im Mittleren Westen gibt es das St. Elmos – ein ebenso riesiges wie kultiges Steakhaus, in dem die Kellner sich einen Spaß daraus machen, Erstbesucher aufs Glatteis zu führen. Sie preisen mit treuherzigem Blick einen besonders empfehlenswerten Krabbensalat als Vorspeise an – um sich dann hinter den großen Gummibäumen oder Säulen zu verstecken und prustend loszufeixen, wenn der arglose Gast vor lauter scharfem Meerrettich im Dressing nach Luft schnappt und in spontanen Keuchhusten ausbricht.

Die typisch amerikanische Lockerheit fehlt der Formel 1 sowieso, zu Zeiten von Geisterrennen schon gleich doppelt. Trotzdem lohnt sich an diesem Wochenende der Blick nach Katalonien: Die Strecke vor den Toren von Barcelona gilt als aerodynamischer Lackmustest für den Rest des Jahres. Sie wird beweisen, ob Mercedes schon die Trendwende eingeleitet hat. Wenn Max Verstappen auch in Barcelona nicht gewinnt, dann wird die WM für ihn und Red Bull schon wieder zu einem fernen Traum. Das letzte Rennen in Portugal hat gezeigt: Die Mercedes sind versatiler als die Red Bull. Die Limowagen können ihre Stärken nur dann ausspielen, wenn sie auf Sonntagsfahrt sind, also wenn alle Rahmenbedingungen stimmen: kein zu starker Wind, keine Nachlaufströmungen von Vorausfahrenden. Die Mercedes sind da wesentlich unproblematischer in der Haltung: Wenn bei Red Bull alles passt, sind die Silberpfeile zwar nicht so schnell wie die Bullen – doch sobald kleine äußere Einflüsse den Österreichern quer reinlaufen, haben die Schwaben die Nase vorn. Und zwar in all’ jenen Bereichen auf der Strecke, die einen Angriff auf sie de facto unmöglich machen. Genau das steht beim Streckenprofil von Barcelona wieder zu erwarten. Verstappen und Teamkollege Sergio Pérez müssen es in der Qualifikation auf den Punkt bringen, sonst ist ihr Rennen womöglich – wie in Portugal – schon verloren, ehe es begonnen hat.

Die Mannschaft vom El Trabuc hat sich übrigens für das Wochenende gewappnet. Sie bieten alle Speisen immerhin zum Mitnehmen an. Auch jene Spezialität, auf die sich die Formel 1 traditionell am meisten stürzt: Lammschulter gespickt mit ganzen Knoblauchzehen. Ein Gericht, das man guten Gewissens nur am Sonntagabend essen kann – denn der Knofelgehalt ist so hoch, dass er auch einen Coronasicherheitsabstand von 1,50 Meter auch am nächsten Tag noch locker überbrückt.


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