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10.05.2019

Katalanische Tristesse


Es ist wahrscheinlich schon seine letzte Chance. Denn: Wenn nicht mal in Barcelona was geht – wo denn dann noch? Immerhin hat Ferrari bei den Wintertests auf dem Circuit de Catalunya klar das schnellste Auto gehabt.

Und jetzt hat auch Ferrari eine Motorausbaustufe vorgezogen, genau wie Honda vorm letzten Grand Prix. Denn die Italiener sehen sich mit dem Rücken zur Wand: Sie schenken großzügiger aus als bei jedem Bogenmachen. Und Mercedes gönnt sich große Schlucke aus dem Ferrari-Freibierfass: Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Team mit einem überlegenen Auto so wenig aus dieser Überlegenheit gemacht hat.

Ach doch: Ferrari im vergangenen halben Jahr. Das Versagen hat also Tradition bei den Italienern, und auch die Umstrukturierungen in der Chefetage haben nichts gebracht. Denn der Wurm steckt in der mittleren Hierarchiestufe, wo die vielen nach außen namen- und gesichtslosen Ingenieure die Strategie planen und das Auto theoretisch entwickeln. Genau diese Techniker murksen sich immer wieder einen zusammen, weil sie zu jung und unerfahren sind und ihnen eine führende Hand fehlt.

Vor allem lassen sie sich viel zu schnell verunsichern, sind – typisch italienisch halt – viel zu emotional und zu wenig kopfgesteuert. In Maranello fehlt die englische Kühle und Souveränität, mit der unter Ross Brawn die letzte dauerhaft erfolgreiche Ära dräute.

Barcelona ist deswegen für Sebastian Vettels Mannschaft doppelt wichtig: Zum einen braucht man dringend die Punkte, um nicht schon im ersten Saisonviertel so arg ins Hintertreffen zu geraten, dass hinten raus auch eine Schlussoffensive nichts mehr drehen kann. Und man braucht ein Erfolgserlebnis auch, um mal wieder gute Laune in die ganze Truppe einkehren zu lassen. Ein Sieg – und die ganzen Trachten Prügel der vergangenen Grands Prix, die vor allem von den patriotischen italienischen Medien auf die Ferrari-Belegschaft eingedroschen sind, geraten schlagartig in Vergessenheit.

Dass man trotz der rechnerisch belegten Überlegenheit die Motorausbaustufe vorzieht, zeigt, in welch’ blanke Panik die Heeresleitung in Maranello verfallen ist. Siegen um jeden Preis ist die Maßgabe fürs Wochenende.

Und die Chancen standen noch nie so gut. Denn nicht nur der Ferrari ist in Barcelona anerkannt schnell, auch Vettel weiß schon, wie man mit dem roten Ross in Katalonien fahren muss, um ganz vorn zu landen. Das hatte der Heppenheimer bei den schwankenden Vorstellungen auf den ersten Rennstrecken noch nicht intus, sodass auch seine Leistungen nicht an jenes Niveau herankommen, das man von ihm erwartet: Bei Vettel muss es immer erst „Klick“ machen im Geiste, wenn er ein Auto durchschaut und kapiert, wie man es rannehmen muss, um das Beste rauszuholen. Auf dem katalanischen Teer hat er das während der Probefahrten im Winter schon rausgefunden.

Aber der Teufel steckt im Detail: Der neue Motor verschiebt die Leistungsparameter. Und genau darauf reagiert der SF90 ausnehmend zickig. Seine aerodynamische Balance will pingelig austariert sein, damit die Luftführung funktioniert. Wenn der Motor die ganze Fuhre schneller durch den Wind schiebt, bringt das die Anforderungen an die Abtriebscharakteristik aus dem Lot – wenn Ferrari nicht aufpasst, hat der neue Treibsatz einen Bumerangeffekt, dann setzt es wieder eine Schlappe gegen Mercedes.

Die Rennstrecke vor den Toren von Granollers – und nicht etwa Barcelona, das ist gut 20 Kilometer weit weg – ist neben Hockenheim das Trostloseste, was die Formel 1 zu bieten hat. Ein trister Bau mit dem Charme eines Industriegebiets und blechernen Garagentoren wie in ostfriesischen Arbeitersiedlungen der Siebizger. Dazu treiben immer wieder Diebe ihr Unwesen, die auf den Parkplätzen die Scheiben der Autos einschlagen und die Wagen plündern, während die Fans auf den Tribünen oder das Fahrerlagervolk bei der Arbeit ist. Am Freitagmorgen gingen die Einlasskontrollen so schleppend vonstatten, dass hunderte Zuschauer noch in langen Schlangen draußen standen, als das erste Freie Training schon lief. Einfach nur peinlich.

Alle Vorzeichen deuten darauf hin, dass Katalonien in diesem Jahr seinen letzten Grand Prix erlebt. Niemand wird das Rennen vermissen. Zumal es auch jedes Jahr blutleer und actionarm ausfällt: Weil die Teams dort testen, kennen alle die Bahn bis zum letzten Asphaltkörnchen. Und jedes Auto ist schon beim Ausladen aus den Sattelschleppern bis an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten perfekt auf die Strecke eingestellt.

Aber wenigstens ist es rund um Barcelona meist schön warm.


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