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10.06.2016

In Montréal braucht man vor allem eines: Kondition


In Montréal braucht man vor allem eines: Kondition. Gar nicht mal so sehr als Rennfahrer. Denn die Piste auf der Insel im Sankt-Lorenz-Strom ist eher unterfordernd: Die Parkstraßen in einem riesigen botanischen Garten auf dem Eiland, die abseits des Rennwochenendes für Fahrradtourismus aus der Metropole genutzt werden, fordern einen schweren Gasfuß, aber keine Fitness, denn die Kurventempi sind eher niedrig. Motorleistung überragt alles andere. Deswegen ist Mercedes auch wieder klarer Favorit.

Nein, Kondition braucht der normale Rennbesucher. Denn die Millionen-Metropole im französischen Teil Kanadas reizt mit den Verlockungen eines ausschweifenden Freizeitprogramms. Weil die Insel nur wenige Minuten vom Stadtkern entfernt liegt, umarmt die ganze City die Metropole. Man ist nicht irgendwo in der Pampa untergebracht wie etwa am Nürburgring oder in Silverstone – sondern wohnt da, wo die Post abgeht.

Kein Rennort lebt und liebt den Grand Prix so sehr wie Montréal. Als ich in jungen Jahren zum ersten Mal dort hin durfte, war das gleichbedeutend mit dem ersten Überseeflug meines Lebens. Damals, aus Stuttgart via Frankfurt kommend, hatte ich noch das typische Problem jeder unroutinierten Fernreisender: Am Morgen nach der Landung ist man spätestens um halb Fünf hellwach, an Weiterschlafen ist nicht zu denken.

Also taperte ich runter in die Halle des Hotels, in der Hoffnung: „Vielleicht servieren die hier ja schon sehr früh ihr Frühstück.“ Der Weg zum – natürlich noch geschlossenen – Frühstücksraum führte an der Hotelbar vorbei. Und dort saß ein als sehr trinkfest bekannter Kollege und guter Bekannter aus dem Stuttgarter Umland, offensichtlich ein Überbleibsel des vorigen Abends. Als er mich sah, huschte ein freudiger Blitz in seine unterlaufenen Augen – denn er dachte: „Endlich kommt noch einer zurück ins Hotel, mit dem ich weitertrinken kann.“

Das Missverständnis war schnell, wenn auch für ihn enttäuschend aufgeklärt. Aber seither habe auch ich die Hotspots der Stadt kennengelernt: jene Dachterrasse auf einem der besten Hotels in Downtown, die man nur dann mit einem direkten Lift erreicht, wenn man selbst in dem Haus wohnt oder einen kennt, der das tut; das teure Restaurant von Jacques Villeneuve; die zweigeschossige Kneipe Wienstein, ein wirbelnder Tischgrill-Japaner oder die urigen Sträßchen in der schwer französisch angehauchten Altstadt.

Zum Glück weist das einheimische Bier ähnliche Eigenschaften auf wie amerikanisches: Es macht eine Plautze, aber keinen Rausch. Selbst das „Molson Dry“, auf dessen riesige Brauerei am Sankt-Lorenz-Strom man jeden Morgen bei der Anfahrt zur Strecke schaut, ist ein bedauernswertes Dünnbier.

Das ist aber auch gut so, denn als Journalist muss man in Montréal stets wachen Geistes sein. Die enge Strecke provoziert immer wieder Zwischenfälle und wunderliche Rennverläufe: der Überschlag von Alexander Wurz, der Horrorunfall von Robert Kubica, der unerklärliche einzige Grand Prix-Sieg von Jean Alesi, reihenweise an der „Wall of Shame“ genannten Mauer eingangs Start/Ziel zerschellende Rennautos und Hoffnungen – Montréal ist trotz wenig technischer Strecke eine Garant für gute Grands Prix.

Zumal die Lage im Flussdelta auch noch dazu führt, dass rund um die Stadt ein eigenes Mikroklima herrscht, das selbst die besten Wetterfrösche nicht voraussagen können.

Trotz der Monotonie der Silberpfeil-Dominanz lohnt es sich daher, den kanadischen Grand Prix anzuschauen. Zumal sich dieses Wochenende auch entscheidet, ob Ferrari wieder auf die Beine kommt – oder endgültig in jenes Chaos zurücktaumelt, das die Italiener als „Grande Casino“ kennen. Die Zeichen stehen schlecht: Ein Konzernchef, der zu viel Druck und Drohkulisse aufbaut; ein Teamchef, der zwar Ahnung vom Marketing, aber nicht vom Rennsport hat; zwei Fahrer, die unzufrieden sind; technische Änderungen, die zulasten der Haltbarkeit gehen. Die hohen Hoffnungen, mit denen Ferrari ins Jahr gestartet ist, sind längst zerstäubt. Sogar Red Bull ist an ihnen vorbei gezogen, weil deren Chassis besser ist als das rote. Und nur ein PS-gewaltiger Motor, wie Ferrari ihn hat, reicht halt nicht.

Dass Max Verstappen und nicht Sebastian Vettel unlängst in Barcelona gewann, ist ein klares Indiz, was sich hinter Mercedes abspielt: Das bessere Auto schlägt den besseren Motor. Und die Schwaben sind in beiden Belangen überlangen.

Andererseits: Der angedeutete wunderliche Kanada-Triumph von Alesi, den es rein sportlich und technisch nie hätte geben dürfen, ereignete sich in Kanada auch in einem Ferrari.


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