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03.12.2021

Im Russen-Lager


Tiago Monteiro ist wieder daheim. Was an sich keine große Nachricht wäre, schon gar kein Thema für einen eigenen Blog. Dass ein Motorsportler nach einem Rennwochenende wieder nach Hause kommt, ist so alltäglich wie das Zähneputzen nach dem Aufstehen.

Doch der Portugiese hat eine Tortour hinter sich, die kaum einer mitbekommen hat. Das Saisonfinale des Tourenwagen-Weltpokals in Sotschi musste der 45-Jährige aus Porto auslassen. Stattdessen lag er in einem Krankenhaus am Schwarzen Meer – dessen Zimmer den Flair einer Gefängniszelle aufwies. Auf den Fotos, die Monteiro aus dem Spital rüberschickte, sah man Pritschen mit dünnen Matrazen, eigentlich eher auflegen; einen undefinierbaren Eintopf, kahle Wände und nackt baumelnde Beatmungsschläuche.

Der Krankenfall Monteiro zeigt, wie kirre einen die heutige Nachrichtenlage macht, in der nur noch von Corona, immer neuen Varianten mit komischen Namen und dem drohenden Ende der Menschheit die Rede ist und in denen der nächste Shutdown, der in Deutschland fälschlicher Weise Lockdown heißt, ohne Gedanken an die Folgen für Wirt- und Gesellschaft förmlich herbeigefleht wird. Denn der erste Gedanke, der einem in den Kopf schießt: Der wird doch nicht etwa Corona haben?

Und der zweite Gedanke folgt sogleich: wo wir doch die Woche vorher noch zusammen unterwegs waren…

Monteiro hatte da schon ein Kratzen im Hals und fing an zu schniefen. Jetzt, in Russland, gesellte sich eine Entzündung beider Lungenflügel dazu. Der Honda-Werksfahrer konnte zwar kaum mehr atmen. Aber nicht wegen Covid-19, sondern wegen einer bakteriell verursachten Lungenentzündung. Eine Krankheit, die es nach heutiger Wahrnehmung vor lauter Corona eigentlich gar nicht mehr geben dürfte.

Immerhin haben die Russen die Lage besser im Griff als die hiesigen Politiker. Monteiro bekam sofort einen Platz auf der Intensivstation, denn die ist im Osten nicht mehr nur für Coronapatienten reserviert. Auch wenn er sich eingedenk der kargen Service- und Komfortverhältnisse meldete, wenn ich eine Nummer von Putin hätte, sei es nun an der Zeit, ihn anzurufen – der Humor atmete weiter, als der Portugiese hilflos nach Luft schnappte. Und die Russen haben ihm binnen kürzester Zeit wieder zu Atem und Kräften gebracht, sodass er bereits am Freitag wieder ausgeflogen werden konnte in seine Heimat am Douro.

Sofern man von bereits sprechen kann. Denn die Reise von Porto nach Sotschi war ohnehin schon eine Tortour: eine Umsteigeverbindung via München, dort mit Zwischenübernachtung, und Moskau ans Schwarze Meer. Während der nötigen reinen Reisezeit hätte man auch nach New York oder Miami fliegen können, rechnet man die Nacht in Bayern mit ein, wäre sogar ein Törn nach Australien in derselben Zeit zu wuppen gewesen.

Und all' das nur, um in Sotschi kein Rennen zu fahren, sondern sich ins Krankenhaus zu legen.

Jetzt ist Monteiro mit einem Medizinflieger zurückgeflogen worden nach Porto, wo er in einem Krankenhaus weiter behandelt wird.

Für den ehemaligen Formel 1-Piloten und regelmäßigen Starter beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring ist der Notfall nicht die erste gesundheitliche Herausforderung. Vor einigen Jahren verletzte er sich bei einem Testunfall der Tourenwagen-WM in Barcelona so schwer, dass er sich vorkam wie ein Schlaganfallpatient, mehr als ein halbes Jahr lang darum kämpfte, den Alltag wieder stemmen zu können – und dabei dem Ende seiner Rennfahrerkarriere ins Auge sah.

Aber das ist eine andere Geschichte. Die werden wir in der Frühlingsausgabe der Zeitschrift PITWALK erzählen, wenn wir aufs 24-Stundenrennen in der Eifel vorausblicken – mit einem Helden- und Rührstück, auf das Ihr Euch jetzt schon freuen könnt.


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