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01.03.2019

Ice Age 2


Das mopedähnliche Knattern schwillt schnell zu einem bösen Grollen an. Dabei quillt eine Wolke hellblauer Abgase aus dem Endrohr des Auspuffs. Ein süßlicher Geruch flutet die Halle, in der das Fahrerlager untergebracht ist. Und alles ist mit einem dämmenden dicken Gummibelag ausgelegt, der dem motorsportlichen Klangteppich einen sanften Grundton beibiegt.

Eisspeedway ist die wohl ungewöhnlichste Motorsportdisziplin überhaupt, und es gibt keine Sparte, die dermaßen süchtig macht wie die Motorradrennen auf nacktem Eis. Die Maschinen sehen aus wie Urviecher des Zweiradbaus. Sie haben nicht mal eine Bremse. Dafür aber einen Totmacher – eine Schlauf ums Handgelenk des Fahrers, die mitgerissen wird, wenn der Pilot abgeworfen wird, und die dann automatisch die Zündung unterbricht.

Denn würde der Motor auch nach einem Sturz weiter werkeln, dann würde die austrudelnde Maschine umgewidmet werden zu einer Kreissäge: Die knapp drei Zentimeter langen Spikes, mit denen die beiden Räder gespickt sind, würden sich zumindest beim weiterhin nutzlos angetriebenen Hinterrad durch alles durchfräsen, was ihnen in die Quere kommt.

Eisspeedway ist ein Sport für ganze Kerle. Die unglaublichen Schräglagen auf spiegelglattem Eis werden im Laufe einer Veranstaltung mehr und mehr abgelöst durch wilde Ritte durch Schlaglöcher und lange Rillen, welche von den Spikes ins Eis gerissen worden sind. Anfangs gleiten die Prototypen mit ihren stehend eingebauten Einzylinder-Halblitern noch wie vom Zirkel gezogen über das weiße Geläuf, später bäumen sie sich auf, rupfen und zerren an ihren Reitern, die sie bändigen müssen wie einen wilden Hengst.

All' das immer wissen, dass sie eben nicht schnell mal die Bremse ziehen können, wenn der Bock außer Kontrolle gerät. Und dass sie jederzeit von einem Motorrad eines Rivalen erwischt werden können, auch von deren Spikes aufgespießt und bis ins Fleisch und auf die Knochen durchlöchert werden können. Perforierte Schenkel kommen öfter vor, als man glaubt.

Es ist diese einzigartige Mischung aus offensichtlich erkenntlicher Fahrzeugbeherrschung, Draufgängertum und Gefahr, die dafür sorgt, dass im Eisspeedway noch Helden geboren werden. Jeder Zuschauer erkennt sofort, dass dort Haudegen am Werk sind, die etwas meisterhaft beherrschen, was man selbst nicht kann. In allen anderen Sparten – außer noch dem Marathonrallyesport – verzwergt sich der Motorsport gerade selbst, weil die Hauptdarsteller ihre Einzigartikeit einbüßen, da alles immer einfacher aussieht.

Überhaupt, die Sportler. Im Fahrerlager mit seinem ganz besonderen Duft herrschen Kameradschaft und Hilfsbereitschaft vor, man lacht und scherzt miteinander. Selbst die unsichtbaren Mauern und Stacheldrähte, die früher zwischen Sowjets und Europäern hochgezogen schienen, sind nicht mehr da. Und doch eignet sich das Fahrerlager für Charakterstudien: Da sind die Schweden, die mit ihrer sanften Freundlichkeit eigentlich immer zu nett für das Stahlgewitter wirken – aber auf der Maschine gnadenlos reinhalten. Oder die Russen mit ihrer kühlen, zurückgenommenen Art, die ihr Umfeld vom reinen Wesen her immer noch einschüchtern können und auch auf dem Motorrad keine Zurückhaltung kennen; weder den Gegnern und erst recht nicht sich selbst gegenüber. Und die Deutschen, Bayern immer, weil in Inzell das Epizentrum des Sports hierzulande steht – sie verströmen eine Wirtshausstimmung mit guter Laune, aber auch mit Ehrgeiz und dem Bemühen, es gegen die beiden Großmächte unbedingt doch irgendwie packen zu wollen.

Und dann kommen Exoten dazu, die der Melange erst die nötige Würze verleihen: Graham Halsall war selbständiger Baggerfahrer in England und fuhr in seiner Freizeit Eisspeedway. Bruce Cribb stammte aus Neuseeland, fuhr im Sommer in der britischen Profiliga Speedway und trat winters als The World's Fastest Maori auf Eis an. Und ein Duo aus der Mongolei nahm tatsächlich die Strapazen auf sich, im klapprigen Bulli aus Sowjetzeiten quer durch das Riesenreich im Osten zu fahren, um nicht nur in Kasachstan oder Sibirien, sondern auch in Berlin oder Schweden starten zu können. Englisch sprachen sie nicht, aber irgendwo her trieben sie einen Dolmetscher auf, und dann redeten sie plötzlich wie die Wasserfälle.

Eisspeedway ist mehr als nur ein Sport. Es ist ein Spektakel, bei dem es in den Hallen oft zugeht wie beim Karneval. Oder bei der jüngsten Handball-WM. Günther Bauer, der frühere WM-Zweite aus Schleching, stachelt das Publikum dabei von der Maschine aus zum Mitgehen und -johlen an wie Bam Bam, der Kreisläufer Patrick Wiencek, das Publikum in Berlin, Köln und Hamburg beim Handball.

Jeder Grand Prix besteht aus zwei Hälften, die ein führt samstags stimmungsgewaltig ins Flutlicht hinein. Jetzt am Wochenende gastieren die Spike-Ritter in Berlin-Wilmersdorf, am 16. und 17. März sind sie in Inzell zu Gast. Zwei Gelegenheiten also, sich mit der wohl am meisten unterschätzten Racing-Sparte zu befassen. Deswegen haben wir Eisspeedway auch in den Mittelpunkt unseres heutigen Podcasts gestellt. Mit einem Interview mit dem deutschen Star Günther Bauer.

Das Geräusch, wenn Metall auf Metall trifft und aus dem ersten Knall ein brutales Knirschen des sich entwickelnden Sturzes wird, vergisst man nicht wieder, wenn man es zum ersten Mal gehört hat. Genau wie das verräterische Knistern, mit dem die Spikes sich in die Gummimatten im Fahrerlager bohren, wenn die Maschinen vorgeschoben werden. Oder das einzigartige Konzert der 500 Kubik beim Anlassen.

Habt Ihr ein Herz für solche Randsportarten?

Sollen wir darüber vielleicht sogar in der Zeitschrift PITWALK regelmäßig berichten, etwa die Hauptdarsteller oder die Technik genauer vorstellen?

Hört mal in den Podcast rein, klickt Euch durch die Bildergalerie mit den ausdrucksstarken Fotos von Heike Kleene – und schreibt uns dann Eure Meinung. Entweder in den sozialen Netzen – oder per Mail an verlag@pitwalk.de.

Denn je mehr ich mich gerade mit dem Eisspeedway befasse, desto mehr juckt's mich wieder in den Finger, da wieder journalistisch tätig zu werden. Wie früher, als junger Reporter, als der Sport mich mit Korrespondentenjobs für die englische Wochenzeitung Speedway Mail International durch die ansonsten rennlose Zeit gebracht hat – und mich das Recherchieren, Schreiben, die Weltoffenheit und die englische Sprache lehrte.

Wenn Ihr mögt, können wir Eisspeedway als Wintersport im kommenden Jahr mit in die Inhalte und den Themenmix von PITWALK aufnehmen. Würde genauso passen wie etwa die Rallye Dakar, darüber lest Ihr bei uns ja auch mehr und tiefschürfender als in allen anderen deutschen Medien.

Sagt bzw. schreibt uns doch mal Eure Meinung!


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