+++ 2021-12-07 17:12 : Blog – das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe von PITWALK +++ 2021-12-05 12:52 : Blog – neues Must read zum Advent, jetzt bestellen! +++ 2021-12-04 14:11 : Mega-Podcast – Vorschau Saudi-GP, Tod von Frank Williams, Vettels Aktion & Frauen in Saudi, Rechenspiele um WM-Vergabe. Mit Inga Stracke und Norbert Ockenga +++
BACK

05.11.2021

Höhenlagenflüge


Der Formel 1 geht die Luft aus. Denn das Rennen in Mexiko-Stadt ist jenes, das in der höchsten Höhenlage des ganzen Rennkalenders stattfindet: Die Sportanlage Magdalena Mixhua, in welche das Autódromo Hermanos Rodriguez eingebettet ist, befindet sich 2.285 Meter über Normalnull. Das hat weitreichende Folgen für die Technik – und gibt Max Verstappen für dieses Wochenende alle Trümpfe in die Hand.

Denn die Bauweise der Turbolader unterscheidet sich zwischen Mercedes und Versteppens Motorlieferanten Honda in einem wesentlichen Detail, das gerade in der Höhenluft eminent wichtig wird: dem Durchmesser der Lader und damit auch der Größe der Laderschaufeln.

In der Höhe von Mexiko-Stadt sind die Dichte und damit auch der Sauerstoffgehalt der Luft nur noch etwa 75 Prozent so hoch wie auf Meereshöhe. Das hat einen Schneeballeffekt auf ganz viele Teile des Autos – angefangen mit der Reifenkühlung auf den Geraden über die Aerodynamik bis hin eben zur Turboaufladung. Dessen Verdichter muss deutlich mehr Sauerstoff in die Brennräume fächern, um die Gemischanreicherung in den optimalen Bereich zu bringen, als auf tiefer gelegenen Rennstrecken. Der Lader muss also härter arbeiten, um die Luft zu verdichten. Das bringt aber unweigerlich eine stärkere Hitzeentwicklung im Lader mit sich.

Die Drehzahl der Turbinen ist für alle Ladergrößen per Reglement auf 120.000/min reduziert. Kleinere Schaufeln können bei diesen irren Rotationsgeschwindigkeiten mehr Luft durchleiten, ohne so heiß zu werden wie die größeren Lader in den Mercedes. Damit wächst die Leistungsausbeute der Honda-Aggregate an – vor allem im ersten Moment der Gasannahme und in der ersten Beschleunigungsphase.

Ein weiterer Dreh- und Angelpunkt wird die Kraftentfaltung und Tempoentwicklung auf der langen Geraden sein. Die misst 1,31 Kilometer. In der dünnen Luft beträgt der aerodynamische Anpressdruck, der über Flügel und Unterboden generiert wird, nur 75 Prozent von jenem Wert auf Meereshöhe. Die Teams können deswegen ihre Flügel auf maximale Höhe trimmen, in einer Abstimmung so extrem wie auf dem Stadtkurs von Monaco – und erreichen trotzdem nur Luftwiderstandsbeiwerte wie in Monza, wo mit dem flachst möglichen Geflügel gefahren wird. Geschwindigkeiten von über 360 km/h sind also plötzlich auch mit aerodynamischen Anbauten und Konfigurationen möglich, die das sonst wegen ihres hohen Luftwiderstands – der Stirnfläche – vereiteln würden.

Wenn Red Bull allerdings mit der steilsten Heckflügelvariante fährt, stellt sich seit der jüngsten Aero-Ausbaustufe damit immer auch ein Untersteuern ein. Also werden die Engländer sich für eine Flügelstellung flacher entscheiden – und damit weniger Luftwiderstand als Mercedes erkaufen. Das egalisiert einen Nachteil, den die Limokutschen aus Milton Keynes im vergangenen Jahr noch hatten: Damals war Verstappen bis zur Dreiviertelmarke der ellenlangen Geraden noch schneller als Lewis Hamilton und Valtteri Bottas, doch dann überholten ihn die Daimler bei den gemessenen Werten. Verstappen bremste früher als die beiden, konnte dadurch aber auch schneller und mit mehr Schwung durch die Sequenz der folgenden Kurven fahren.

Honda hat das Layout seiner Turbolader geändert. In der ersten Ausbaustufe gehorchte die Bauweise noch der Philsophie „heiße Seite innen“: Turbine und Verdichter lagen als ein Gesamtwerk in der Mitte im Vau zwischen den beiden Zylinderbänken. Dazu war ein sehr kleiner Lader nötig – zu klein für die meisten Pisten in niedrig gelegenen Gegenden. Mercedes hatte die beiden Einheiten, die einen Lader bilden, dagegen schon in der ersten Fassung auseinandergezogen: ein Teil an die Stirnseite, das andere hinter das Vau gehängt. Das ermöglichte es den Schwaben, größere Lader unterzubringen.

Honda hat in der Motor-Evostufe ebenfalls die Lader wachsen lassen und zweigeteilt aus dem Vau genommen, aber längst nicht so dick wie Mercedes. Denn die genaue Konfiguration eines Motors ist – wie auch jene der Aerodynamik – immer eine Art Kompromiss über die Saison hinweg. Man guckt sich an, wie viele Strecke etwa schnell, wie viele mittelschnell oder langsam sind – und wie viele auf hohen Höhen liegen oder wie viele niedrig in der Topografie, für die dann ein großer Lader die bessere Lösung darstellt. Mercedes hat eine andere Art von Kompromissdenken an den Tag gelegt als Red Bull, maßgeblich getrieben von den Überlegungen, dass die schwäbische Aerodynamik mit niedriger hinterer Bodenfreiheit und weniger Luftwiderstand ihnen wichtiger ist als schiere Leistungsausbeute in der Höhe.

Man hat also bewusst in Kauf genommen, dass man auf Strecken wie Mexiko oder Interlagos in Brasilien ins Hintertreffen gerät. Bislang betrug der theoretisch errechnete Nettovorsprung von Mercedes von Red Bull über alle Rennstrecken hinweg 0,652 Prozent. Davon wird in Mittelamerika nichts übrig bleiben: Alle Simulationen ergeben einen Vorsprung von 0,504 Sekunden für Verstappen – wenn der alle Sektoren und Kurven wirklich optimal trifft.

Mercedes weiß um die in Kauf genommene Schwäche. Sie ist Teil ihrer Saisonplanung. Dumm nur, dass jetzt ein Triple Header, also drei Rennen in Folge, ansteht, bei dem wahrscheinlich die WM-Vorentscheidung fällt – und dass zwei der drei Läufe in großer Höhe stattfinden.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 07.12.2021

    Weihnachts-Lektüre

    Hallo lieber PITWALK-Freund, die nächste Ausgabe – das Weihnachtsheft – steht inzwischen auch schon wieder unmittelbar vor der Tür. Wie immer, gewähren wir Euch vorab einen exklu…
  • 05.12.2021

    Advents-Freuden

    Zum Feste nur das Beste – unter diesem Motto steht die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK, die am Sonntag druckreif gemacht wird. Die 180 Seiten Motorsportjournalismus vom Allerf…
  • 03.12.2021

    Corona-Opfer Bremen

    Es geht schon wieder los. Die Coronamaßnahmen der Politik stoßen erneut eine Welle der Absageritis an – und heute hat es auch die erste Motorsportveranstaltung erwischt: Die Bremen…
  • 03.12.2021

    Im Russen-Lager

    Tiago Monteiro ist wieder daheim. Was an sich keine große Nachricht wäre, schon gar kein Thema für einen eigenen Blog. Dass ein Motorsportler nach einem Rennwochenende wieder nach …
  • 02.12.2021

    Zum Tod von Frank Williams

    Die Nachricht trudelte irgendwo auf der A31 ein. Am Ersten Advent, auf der Rückreise vom Finale der Rallycross-WM auf dem Nürburgring: Frank Williams ist tot. Es einer jener Momen…
  • 01.12.2021

    Ein Monat noch

    So langsam kleckert die Motorsportsaison 2021 aus – und es macht sich Vorfreude breit auf das Ereignis im Winter schlechthin, die Rallye Dakar im Januar. Das größte Abenteuer des M…
  • 28.11.2021

    Schneeballschlacht

    Hin und wieder ertappt man sich bei einer sehr deutschen Denke – oder zumindest einer, die von vielen Rundstreckenrennen irgendwie eingetrübt ist. Wie anders als bei DTM und Co. ma…
  • 25.11.2021

    Black Flag Friday: 10 % auf alles!

    Schnäppchenjäger aufgepasst: Black Flag Friday – mit einem Sonderrabatt von 10 Prozent auf alle Artikel aus dem PITWALK-Shop! Ab einem Bestellwert von 20 Euro. Nur gültig am 26. No…
  • 21.11.2021

    Ein Beweisfoto?

    Kaum ein Tag ohne neue Vorwürfe und Unterstellungen im Gezänk zwischen Red Bull Racing und Mercedes. Jetzt wittert die Limonadefraktion erneut, dass der Heckflügel vom Mercedes sic…
  • 18.11.2021

    Medien-Macht-Missbrauch

    Die Woche zwischen Interlagos und Katar ist ein Musterbeispiel dafür, wie Medienarbeit in der Formel 1 funktioniert – nämlich auch nicht anders als bei der Berichterstattung über B…
  • 16.11.2021

    Fuhr Hamilton illegal?

    Die Bilder sind entlarvend. Bei der nachbereitenden Analyse des Formel 1-Rennens von Interlagos sind Onboard-Aufnahmen aufgetaucht, die den Verdacht nahelegen: Im Mercedes von Lewi…
  • 12.11.2021

    Ver-Fracht-et

    Die Rechnung ist ebenso einfach wie vorhersehbar. Gewinnt Max Verstappen am Sonntag auch in Interlagos, dann reichen dem Niederländer bei allen nächsten Rennen nur noch zweite Plät…
2021 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA