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19.07.2018

Hockenheimer Klagelied


Ein altes hanseatisches Sprichwort sagt: „Die Klage ist der Gruß des Kaufmanns.“ Demzufolge müssen in und um Hockenheim besonders viele nordische Kaufleute wohnen – denn niemand jammert und nörgelt so ausdauernd wie die Betreiber der deutschen Formel 1-Rennstrecke.

Jedes Mal, bevor der Grand Prix-Zirkus an die Badische Spargelstraße kommt, erhebt die Geschäftsführung des Motodroms wieder ihre jöselnde Stimme: alles viel zu teuer, wirtschaftlich nicht zu stemmen, nie wieder Formel 1 in Hockenheim. Es klingt wie das Gehabe eines eingeschnappten altvorderen Ersten Vorsitzenden auf der Jahreshauptversammlung eines lokalen Sportvereins: „Wenn Ihr nicht das mitmacht, was ich will, trete ich sofort zurück.“

Man kann es nicht mehr hören, und man kann es erst recht nicht ernst nehmen. Denn gerade der Hockenheimring selbst liefert ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht macht: Die Rennstrecke bei Mannheim und Heidelberg ist diejenige im ganzen Kalender, auf die man am ehesten verzichten kann – in Sachen Anspruch, Flair und Atmosphäre. Nur der Circuit de Catalunya in Granollers bei Barcelona bietet vergleichbar wenig Charme wie der Hockenheimring seit seinem Umbau, aber da ist die Streckenführung für die Ingenieure und Fahrer wenigstens noch anspruchsvoll.

Das fortwährende Wehklagen der Badener hat in manchen Kreisen eine Debatte darüber losgetreten, wie ungerecht es sei, dass Mercedes den deutschen Grand Prix nicht finanziell stütze – während doch Red Bull so viel für deren Heimrennen in Österreich tue.

Genau so sinnvoll könnte man den Betreiber eines Berghotels im Oberharz fragen, warum er vor sein Haus noch keinen Steg für einen direkten Zugang zur Nordsee gelegt hat.

Der ehemalige Österreichring bei Zeltweg gehört inzwischen Red Bull oder dessen Besitzer Dietrich Mateschitz, genau wie alle umliegenden Gasthöfe und Hotels mit direktem Blick auf die kurze Rennstrecke in den Alpen. Denn der Limonadenverlag versteht sich nicht nur als Unternehmen für Getränkehandel, sondern macht irgendwie alles, was sein Chef für sinnvoll erachtet, oder auch lustig, je nach Sichtweise. Mercedes dagegen ist ein rein bürokratisch organisierter Großkonzern mit klaren Hierarchien und Verantwortungen, in dem unorthodoxes Denken nicht nur nicht erwünscht ist, sondern sogar unterdrückt wird. Und das Bewerben oder gar Mitveranstalten eines Autorennens gehört nun mal nicht zum Unternehmenszweck „vom Daimler“.

Das muss stattdessen die wirtschaftliche Abteilung der Rennstrecke übernehmen. Und dazu muss sie ein attraktives Umfeld schaffen. Das aber gelingt ihr nicht. Denn die Piste als solche verströmt den Charme eines Rohbaus in einem Industriegebiet. Wer schon mal in Zeltweg – oder Spielberg, wie es jetzt heißen muss – war und nur die Mittel oder den Urlaub für einen einzigen Rennbesuch im Sommer hat, der wird immer wieder in die Steiermark fahren und Hockenheim links liegen lassen. Denn die Anlage in der Nähe von Graz ist voll auf Besucherfreundlichkeit und ein gelungenes Rundumerlebnis ausgelegt. Das geht schon mit einem freundlich-komfortablen Eingangsgebäude mit Shop und Café los, findet seine Fortsetzung in stets freundlichem und hilfsbereiten Personal – und endet mit vermeintlichen Kleinigkeiten: Der Tunnel in den Fahrerlager-Innenbereich ist weder zugig noch müffelt er nach unappetitlichen Hinterlassenschaften – er ist in freundlichen Farben bemalt, mit Bildern an der Wand und einfach in Schuss.

So schafft der Limoverlag eine angenehme Atmosphäre, dezent und zurückhaltend, wie es eigentlich gar nicht seine Art ist, und gerade deswegen um so erfreulicher. Besucher jeden Alters fühlen sich gleich gut aufgehoben.

All’ das vermisst man in Hockenheim. Allein schon die zugigen Fahrerlagertoiletten, auf deren blauen Türen schon so lange dieselben niveaulosen Bahnhofsklosprüche stehen wie ich als Journalist aktiv bin…

An der ganzen Anlage ist die Entwicklung des Zeitgeistes völlig vorbeigegangen, nur der Zahn der Zeit hat in manchen Bereichen schwer an ihr genagt. Das Glück der Hockenheimer ist die Erfolgswelle von Sebastian Vettel, der dieses Jahr für gefüllte Ränge sorgt – und die Tatsache, dass dank Max Verstappen unheimlich viele Niederländer anreisen, die zum Spielberg-Wochenende noch keine Ferien hatten und deswegen nach Hockenheim ausweichen müssen. Für all’ das haben die Streckenbetreiber selbst nichts getan, es fällt ihnen zu.

Deswegen wird es 2018 wohl noch mal stimmungsvoll im stadionähnlichen Motodrom, ehe dann im kommenden Jahr dort kein Rennen stattfinden wird. Vermissen wird das dann aber keiner. Und es ist für Insider sogar eine Erleichterung, nicht dauernd die badischen Klagelieder hören und lesen zu müssen.


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