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04.07.2018

Heimliche Helden


Die Heimreise vom Grand Prix in Spielberg bot so manchem ein kurioses Bild. Wer über die Nordroute gen Westen fuhr, kam irgendwann an Heilbronn und Sinsheim vorbei. Die Region ist berüchtigt für ihre Stauträchtigkeit, sodass ich sie immer nur nachts fahre. Doch wer das am Montag außer Acht ließ und den Umleitungsempfehlungen aus dem Verkehrsfunk folgte – der sah aus der Ferne immer wieder die bunten Lkw der Formel 1- und Rahmenrennteams, die sich durch den Stau auf der A6 quälten.

Denn sie alle mussten eigentlich in Windeseile über die Autobahnen sausen, um rechtzeitig am nächsten Zielort zu sein, in Silverstone. Doch die mit unschöner Regelmäßigkeit chaotischen Verkehrsverhältnisse auf der Autobahn zwischen Hessen und Schwaben machte ihnen einen dicken Strich durch die Navi-Rechnung.

Aber an die wahren Helden denkt mal wieder keiner. Drei Rennen an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden – das gab es noch nie in der Geschichte der Formel 1-WM. Doch um den immer weiter aufgeblähten Terminkalender unterzubringen und gleichzeitig den Höhepunkten der Fußball-WM aus dem Weg zu gehen, wurde dieser „Triple Header“ nötig.

Spätestens beim Abbau der ganzen Infrastruktur in Le Castellet nach dem ersten Renntag des Dreierschlages, aber allerspätestens beim Wiederaufbau in Spielberg, muss auch dem unsensibelsten Beobachter klar geworden sein, für wen diese krude Terminplanung die größte Belastung darstellt: für die Mechaniker, die unterbezahlten fleißigen Lieschen des Fahrerlagers.

Denn sowohl in Südfrankreich als auch in der Steiermark regnete es in Strömen, als die Arbeiter die Boxen ausräumen, die Stell- und Trennwände abbauen und die gesamte Ausrüstung in den Team-Sattelschleppern verstauen mussten. Und das, nachdem viele von ihnen in Le Castellet schon seit 6 Uhr morgens auf den Beinen waren, weil sie vorher auch schon an den Boxen die Einsätze der Rennwagen mit betreut haben.

Es ist schon ein paar Jahre her, da hat Teamchef Frank Williams mir gesagt, 20 Rennen pro Jahr seien die maximal zumutbare Belastung für die Mechanikermannschaft; sollten es mehr Läufe werden, müssten die Teams sich einen zweiten Schraubertrupp zulegen, um die Leute nicht unverantwortlich auszuzehren. Frank Williams ist nun wahrlich nicht für eine Feinfühligkeit und Zimperlichkeit bekannt, also muss man seiner Mahnung Glauben schenken.

Man darf dabei nicht übersehen, dass die Mechaniker viel länger vor Ort sind als wir Journalisten oder auch die leitenden Ingenieure oder gar die Herren Rennfahrer. Der Aufbau beginnt spätestens am Dienstag, denn donnerstags muss alles picobello stehen – dann sind Medientermine und Boxenstopptrainings, bei denen die ganze Infrastruktur schon stehen muss.
Und man muss auch bedenken, dass sie deutlich unkomfortabler anreisen und leben: Zu Übersee-Grands Prix fliegen sie natürlich Economy, innerhalb von Europa auch schon mal Billigairlines, oder sie müssen gar ganz lange Autotouren in Kauf nehmen – wenn ihre Teams nicht gerade eigene Flugzeuge chartern, um den ganzen Trupp zu bewegen. Und das tun nur die ganz Reichen, also die wenigsten. In den Hotels teilen sie sich Doppelzimmer. Im Fahrerlager müssen sie 12 Kilogramm schwere Reifen jonglieren als seien es Jojos, auch die andere Arbeit der Mechaniker ist meist körperlich wie ein rauer Handwerkerberuf aufm Bau – allerdings verteilt auf sehr lange Tage. Zwar haben die Regelmacher eine Art Sperrstunde eingeführt, um zu vermeiden, dass man die Nacht zum Tage machen muss. Aber von 6 bis 23 Uhr wird dennoch geschuftet – im Schweiße des Angesichts, mit immer neuen Kraftakten, aber immer auch mit phänomenaler Laune und Begeisterung für den Sport und die damit verbundene Technik.

Wenn mal wieder ein Motor oder ein Getriebe gewechselt werden muss, dann zeigt sich das ganze Können und die ganze Einsatzbereitschaft der rauen Jungs. Klar, die Autos sind so konstruiert, dass sie schnell an die Teile rankommen, nicht so verbaut wie Serienautos. Aber auch die Schnelligkeit der Handgriffe und ihre absolute Präzision verblüffen immer wieder aufs Neue.

Mechaniker sind Hochqualifizierte ihres Schrauberfachs. Gleichzeitig müssen viele von ihnen aber auch Auf- und Abbauarbeiten vor und nach einem Rennwochenende mit erledigen, sodass sie von Dienstag bis Montag in Beschlag sind – mit immer neuen körperlich anstrengenden Aufgaben. Bei den ollen drei Rennen in Folge mussten die Abbauarbeiten sogar noch schneller gehen. Denn die Team-Lkw mussten ja schon am Sonntagabend im Konvoi aus dem Fahrerlager, um rechtzeitig beim nächsten Austragungsort vor Ort zu sein. Denn anders als bei Übersee-Grands Prix, verfügen die Teams für die Europa-Rennen nicht über einen doppelten Satz der ganzen Ausrüstung, der quasi auf Vorrat durch die Weltgeschichte geschippert wird, sondern der ganze Krempel muss tatsächlich vom einen zum nächsten Rennort gekarrt werden.
Für die Mechaniker trifft der alte Schnack zu, „danken tut’s einem keiner“. Denn ihre Arbeit wird als selbstverständlich hingenommen. Natürlich kriegen sie ihre Gratifikationen, wenn ihr Team Erfolg hat, aber dennoch bleiben sie das Fußvolk der Formel 1-Elite – zu viel Arbeit für zu wenig Geld.

Rücksicht können sie wohl bei der Rennplanung nicht erwarten. Aber etwas Mitdenken wäre doch nicht zu viel verlangt, selbst wenn man selbst in Glaspalästen sitzt und vorne fliegen darf.

In Silverstone wird es am Wochenende trotzdem kein Ächzen und Stöhnen von den Mechanikern hören, auch wenn viele von ihnen mittlerweile auf dem Zahnfleisch gehen. Denn Silverstone ist einer der Großen Preise, zu denen jeder hin will – und von denen jeder stolz ist, wenn er ein Teil dessen sein darf. Auf dem ehemaligen englischen Militärflughafen spürt man minütlich den Hauch der Motorsportgeschichte. Es gibt keinen stimmungsvolleren Grand Prix, und keinen mit einem dermaßen gut informierten und begeisterten, aber dabei dennoch angenehm unaufdringlichen Publikum. Da nimmt man auch die Fährnisse gerne in Kauf.


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