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20.10.2017

Hartley aber herzig


Dieses Rennwochenende lohnt sich mal wieder ein Blick ins hintere Mittelfeld. Denn bei Toro Rosso gibt ein besonders interessanter Mann sein Formel 1-Debüt: Brendon Hartley, Neuseeländer von der Nordinsel des Paradieses am anderen Ende der Welt.

Hartley war zuletzt Porsche-Werksfahrer in der Sportwagen-WM und bei den 24 Stunden von Le Mans. Doch weil die Schwaben die WM ein Jahr vor Auslaufen wegen des Diesel- und Kartellskandals ein Jahr vor Enden einer festen Vereinbarung mit den WM-Veranstaltern verlassen, sucht nun das ganze Sextett von Porsche Knall auf Fall neue Arbeitsplätze.

Bei Toro Rosso wurde kurzfristig was frei, weil Besitzer Red Bull nicht so genau weiß, was man mit seinem Formel 1-Engagement weiterhin machen soll. Toro Rosso ist eigentlich das B-Team für die Kälbchenaufzucht der Österreicher mit ihrem großen Nachwuchsfahrerkader. Doch in Wahrheit möchte die Limonadenfirma den Rennstall schon seit Jahren verkaufen, findet aber keinen Abnehmer, weil man nicht um jeden Preis verkaufen muss – sondern nur dann abstößt, wenn der Preis stimmt.
So lange irrlichtert das Team irgendwie durch die Landschaft.

Eigentlich hätte der Franzose Pierre Gasly im Toro Rosso fahren sollen. Doch der bestreitet stattdessen im Rahmen seines Ausbildungsprogramms von Red Bull ein Rennen der japanischen Super Formula-Meisterschaft – einer Rennserie mit ultraschnellen Hochabtriebsautos mit einer rasanten Reifenentwicklung, die unter Kennern als die wahre Schule für die Formel 1 gilt, bei manchen sogar als echte Alternative, weil in Japan kerniger Rennsport nach altem Schrot und Korn geboten wird, ohne verkünstelnde Elemente wie in der Grand Prix-WM.

Hartley kommt aus einem vergleichbaren Umfeld. Die Sportwagen-WM war bis inklusive 2017 jene Serie, in der die technisch anspruchsvollsten Autos fuhren: Hybridsysteme mit aktiven Bremsen und mitdenkendem Rückgewinnungs- und Boost-System; vernetzte Fahrwerke mit aktivem Charakter; Hochabtriebsaerodynamik und maßgeschneiderte Reifen. 1.000 PS Systemleistung, in der Beschleunigungsphase als Allradantrieb zur Verfügung, und Schnellschaltgetriebe, die beim Hochschalten Salven von sich geben wie ein Maschinengewehr machen die LMP1-Autos von Porsche und Toyota zu echten Biestern.

Die Fahrleistungen stehen jenen aus der Formel 1 in nichts nach. Zwar haben zwei Stuttgarter Zeitschriften in letzter Zeit einen direkten Vergleich der Daten aus Spa übereinandergelegt und dabei die Formel 1 als klar schneller ermittelt. Doch dabei übersahen die Kollegen, dass die LMP1-Autos einen Passus im Reglement haben, dass sie pro Runde nur soundsoviel Energie verbrauchen dürfen – die Verbrauchsformel ist in der Formel 1 anders geregelt. Gibt man in einem LMP1 den bremsenden Volumenstrom im Benzinkreislauf so frei, dass es den Formel 1-Regeln entspricht, dann ist der Porsche 919 von Hartley mindestens so schnell wie sein Toro Rosso an diesem Wochenende.

An die Fahrleistungen, die den Kiwi erwarten, ist er also schon gewohnt. Auch das intelligente Energiemanagement und die Systemsteuerung im Zusammenspiel von Renningenieur und Fahrer kennt der Wuschelkopf mit dem Grungerocker-Look bereits. Bis vor sechs Jahren war er zudem Red Bull-Junior, danach Simulatorfahrer im Mercedes-Formel 1-Werk in England, wo er jeden Tag mindestens eine virtuelle Grand Prix-Distanz runterriss. Hartley startet mit Vorbildung in sein Formel 1-Abenteuern.

Bei Porsche hat er zu Mark Webber ein brüderliches Verhältnis entwickelt. Noch heute kommen Hartley die Tränen der Rührung, wenn er über seine Dankbarkeit redet, die er für Webber empfindet – weil er ihm so viel beigebracht habe, sowohl menschlich als auch fachlich.

Webber hat mir gegenüber immer wieder betont, dass Hartley seiner Ansicht nach „F1 material“ sei. Die Langstreckenrennen der Sportwagen-WM sind schwer zu analysieren. Aber wenn Webber mir das sagt, dann glaube ich ihm das. Deswegen bin ich sicher, Hartley wird sich prima schlagen.

Ich sehe nur eine Gefahr: Franz Tost, den despotischen Teamchef von Toro Rosso. Dessen Menschenführung kann je nach Laune völlig verquer sein, und oft auch ohne erkenntlichen Grund. Wenn Tost Hartley auf dem falschen Fuß erwischt, oder andersrum, dann sieht der Kiwi unnötig schlecht aus.

Oder Red Bull spielt Politik, das können die Österreicher auch hervorragend. Mark Webber kann auch davon ein Lied singen. Wenn jetzt einer aus dem Limo-Lager meint, er müsse beweisen, dass nur sein Nachwuchsförderprogramm das einzig Wahre ist – dann kann es auch passieren, dass Hartley per unauffälliges Detuning seines Rennwagens technisch so eingebunden wird, dass er nichts zuwege bringt – und dass so Fahrer aus dem Förderkader als besser dargestellt werden.

Ich hoffe, dass die Tost und die Österreicher in Austin mit offenen Karten spielen. Denn einer wie Hartley hat es nicht verdient, dass er rumgeschubst wird auf der Bühne des Politikums.

Ich habe ihn in der Sportwagen-WM von Anfang an begleitet. Ihn zeichnet aus, was so viele Neuseeländer haben: eine ehrliche Freundlichkeit und Begeisterungsfähigkeit; kein Interesse an Ränkespielen, sondern Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit.

Erst in der letzten Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK hatten wir einen großen Artikel über Hartley und seinen Porsche-Teamkollegen Earl Bamber drin – darüber, wie die beiden Sandkastenfreunde aus Neuseeland heute bei Porsche gemeinsam Rennen fahren. Beim letzten WM-Lauf im japanischen Fuji gab ich den beiden eine Ausgabe. Hartley begann sofort mit funkelndem Blick darin zu blättern. „Ich habe das Heft zwar schon bei Porsche in Weissachen liegen sehen“, strahlte er, „aber jetzt habe ich selbst meine Ausgabe – awesome.“

Einem Pfundskerl wie ihm muss man einfach Glück wünschen. Und die nötige Fairness im Haifischbecken aus Südtirol und Österreich.


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