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15.07.2021

Grand Prix mit Symbolwirkung


Zugegeben: Die jüngsten Vorkommnisse lassen einen mit einem mulmigen Gefühl nach Silverstone blicken. Die Randale der Engländer rund ums Fußball-EM-Finale sind noch frisch in Erinnerung – und genau jetzt sind 140.000 Karten für den Großen Preis von Großbritannien in England verkauft. Treffen sich genau diese Hooligans nun auch in Silverstone? Und wird der Grand Prix sogar zu einem Superspreader-Event, weil die indische Variante des Coronavirus in England gerade so massiv um sich greift?

Eigentlich braucht man sich über solche Szenarien im Motorsport keine Sorgen zu machen. Denn in England steht Racing in einem ganz anderen Status als Fußball. In aller Regel findet man bei Autorennen keine gewaltbereiten Schläger; nicht mal jene für Fußballfans oft typischen Schreihälse, die das Spiel als Ventil für ihren angestauten Frust nutzen. Es gibt sehr wohl frenetische Begeisterung für einzelne Fahrer, in Silverstone natürlich für Lewis Hamilton – aber die Hasskomponente fehlt. Das macht Rennbesuche an sich so viel angenehmer als Stadiongänge. Und in England gleich doppelt, denn dort paart sich diese Attitüde mit einer ganz besonderen Leidenschaft für den Sport; mit einer tiefschürfenden Fachkenntnis – und mit der Fähigkeit, auch die sportlichen Leistungen der anderen Fahrer anzuerkennen, Fairplay und so.

Doch gilt das auch heute noch? In einer Zeit, die von den Spätfolgen der Shutdowns und Coronamaßnahmen geprägt sind und in der Werte und Normen verschoben sind?

Die Recherche für PITWALK führte diese Woche per Telefon nach Südafrika. Dort toben gerade die schweren Unruhen, die angeblich von der Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma ausgelöst worden sind. Der Anlass für den Anruf war allerdings ein Thema rund um die Rallye Dakar, schließlich ist der Marathon- oder besser Geländesport in Südafrika unheimlich populär. Der Gesprächspartner am anderen Ende der Welt konnte sehr glaubwürdig darlegen: Die Proteste seien „vielleicht zwei Stunden lang“ um Zuma gegangen, angefacht von dessen fanatischen Fürsprechern; danach hätten sich aber jede Menge Opfer der Coronamaßnahmen angeschlossen. Durch den Shutdown arbeitslos geworden, ihrer Perspektiven auf neue Jobs schon längst beraubt, hätten die in den Randalen und Plünderungen ihre einzige Chance erkannt, sich etwas zu besorgen, dass sie sich in ihrer neuen Armut aus eigenen Mitteln lange, lange nicht mehr würden leisten können.

Sind die Ausschreitungen und rassistischen Ausfälle nach dem EM-Finale aus demselben Frust heraus befeuert worden? Hat der Dauershutdown da etwas aufgestaut, dass sich nun irgendwie seine Bahn bricht? Dann könnte es auch in Silverstone ungemütlich werden. Menschenansammlungen provozieren Explosionen; manchmal reicht es schon, wenn man ungewollt jemanden anrempelt oder auf einen Fuß latscht.

Doch so sind Engländer an sich nicht. Es herrschen Respekt, Höflichkeit, An- und Abstand, wie man es in Deutschland nicht kennt. Nicht umsonst gelten die Insulaner als Meister in einer ganz besonderen Disziplin: dem Schlangestehen. Man drängelt sich nicht nebeneinander und schon gar nicht vor. „Was machen zwei Engländer, wenn sie sich begegnen?“ – „Sie bilden eine Schlange.“ Der Witz ist nicht neu, aber richtig. Hat Corona dieses Benehmen ausgemerzt?

Zumindest in Silverstone ist das unwahrscheinlich.

Eigentlich spricht alles für ein echtes Motorsportvolksfest, das erste seit der Seuche. Hamilton kann sich des bedingungslosen Rückhalts seiner Fans sicher sein. Sollte er gewinnen, wird es so zugehen wie zuletzt in den großen Tagen von Nigel Mansell, der „Big 5“ im Williams: Nach seinen heldenhaften Fahrten strömten die Fans auf die Strecke und feierten ihren Helden der Arbeiterklasse aus Birmingham – enthusiastisch, aber friedlich; mitreißend, aber nicht furchteinflößend.

Eine solche Atmosphäre wünscht man sich jetzt wieder. Denn die Formel 1-Fans können jetzt ein Zeichen setzen und sich klar von den Fußballanhängern absetzen: Indem sie beweisen, dass sie feiern und mitfiebern können – aber trotzdem mit Verstand und Verantwortung mit den besonderen Rahmenbedingungen der heutigen Zeit umzugehen wissen.

Es wäre für den ganzen Motorsport wichtig, dass die Silverstone-Besucher da nicht versagen. Denn Rennsport ist mehr als nur Formel 1. Und gerade die anderen, oft kleineren Klassen sind darauf angewiesen, dass bald wieder Normalität eintritt, dass Zuschauer und Ehrengäste eingeladen werden dürfen. Die Formel 1-Fans können den Boden dafür bereiten, dass es mit dem ganzen Motorsport bald wieder aufwärts geht.

Sie können aber auch alles in ein Jammertal stürzen. Bleibt zu hoffen, dass sie sich ihrer Rolle bewusst sind – und dass Silverstone das wird, was es sonst auch immer war: einer der stimmungsvollsten Großen Preise der ganzen WM, mit einer Atmosphäre, wie man sie nur an wenigen Rennstrecken der Welt erleben darf.


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