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08.11.2018

Going to Brazil


Hauptsache, die Vorurteile blühen und gedeihen. Im Vorfeld des Brasilien-Grand Prix haben die Medien, vor allem die Online-, in aller Ausführlichkeit darauf hingewiesen, dass das Rennen von São Paulo regelmäßig von bewaffneten Überfällen auf den Grand Prix-Tross begleitet wird. Es gab sogar schon erste Vergleiche zwischen dem zweiten Latino-Grand Prix in Mexiko-Stadt, der Brasilien binnen kürzester der Zeit den Rang als stimmungsvollstes Rennen abgelaufen und sich nun im Wettstreit der beiden Moloch-Metropolen um die Zukunft des einzigen Grands Prix in diesem Teil der Welt durchgesetzt habe.

Fast könnte man meinen, in São Paulo zu fahren, sei eine reine Übung der Lebensmüdigkeit. Doch man muss die Kirche im Dorf lassen. Es gibt einen neuralgischen Punkt auf dem Weg von der Strecke in die Stadt, an dem abends jeder vorbei muss, der das Autodromo Carlos Pace verlässt: eine Ampel direkt außerhalb des Geländes, dort, wo drinnen hinter den Tribünen und Zäunen die letzte Kurve auf Start/Ziel schwingt. Die Rotphase dieser Ampel wird gern von zwielichtigen Gestalten genutzt, um die wartenden Autos auszubaldowern. Wenn es Überfälle gibt – dann genau hier, kurz bevor der Verkehr in Richtung der Brücke über den innerstädtischen Abwasserkanal wieder zu fließen beginnt.

Zugegeben, auch mir ist an dieser Stelle immer wieder ein bisschen mulmig, und man scannt die Fußgänger auf dem Trottoir immer ganz genau. Aber bislang ist mir noch nie was passiert, auch in anderen Gegenden von São Paulo nicht – und das ist kein Wunder. Es gibt in einer Stadt wie dieser ein paar einfache Grundregeln, wie man sich sicher fortbewegt: keine edlen, sondern normale bis ungebügelt-knüdelige Klamotten, keine Uhr am Handgelenk, keine von der Geldtasche oder dem Handy sichtbar ausgebeulte Hosentaschen. Dann denken die Gangster erst gar nicht, dass es bei einem was zu holen gibt – und behelligen einen auch nicht.

In São Paulo wird das Problem davon verschärft, dass die Rennstrecke von Interlagos in einen ehemaligen Vorort gebaut worden ist, der früher ein echtes Slum war. Längst hat die Metropole den Stadtteil in sich aufgenommen, ist um das Armenviertel herum gewachsen und hat es verschlungen. Aber die Armut hat auch das urbane Wachstum nicht ausgemerzt. Gerade auf dem letzten Bergaufstück hinter der Tankstelle, die auch jeder passieren muss, leben noch immer viele Menschen in beklagenswerten Verhältnissen. Die sehen oft im Verbrechen den einzigen Ausweg – auch wenn viele von denen ausdrücklich Rennfans sind und noch beim Überfall ein schlechtes Gewissen haben.

Das ist schlimm genug, und dass es Überfälle auf Formel 1-Teammitglieder gibt, die in Teamklamotten von der Strecke fahren und sich so als wohlhabend ins Schaufenster der Gaunerei an der Ampel stellen, ist unbestritten. Aber: Wer in Rio de Janeiro an die legendäre Copacabana geht, kriegt auch jedes Mal als Warnung mit auf den Weg, sich bloß nicht zu weit unter einen Absatz zwischen den Rand der Hauptstraße und Bürgersteigs zu begeben, hinter dem der Strand beginnt. Weil man dort aus dem direkten Sichtfeld des Passantenverkehrs auf der Straße verschwindet und erst wieder sichtbar wird, wenn man aus diesem Toten Winkel weiter in Richtung Ozean läuft, und weil deswegen in diesem kleinen Streifen das Verbrechen lauert.

Will sagen: Kriminalität ist in Brasilien nichts nur in Interlagos oder São Paulo zuhause, sondern selbst am berühmtesten Touristenort des Landes. Dort kann man sich genau so mit Vorsicht wappnen wie beim Formel 1-Rennen. Man muss es nur auch tun – dann erlebt man in Brasilien einen unheimlich herzlichen Empfang und ein paar Tage, die einem lange in Erinnerung bleiben werden.

Interlagos bleibt für mich neben Melbourne und Montréal eines der drei besten Rennen des Jahres. Gut möglich, dass der Grand Prix langfristig abgeschossen wird. Denn seit der Exweltmeister Emerson Fittipaldi mit seiner weit verzweigten Familie in der Streckenbetreibung mitmischt, geht es mit der Veranstaltung wirtschaftlich bergab.

Aber es wäre schade, wenn das Rennen aus dem Kalender genommen werden würde. Denn sowohl von der Strecke als auch von der Stimmung auf den Tribünen her ist Interlagos pure Magie. Und die Stadt an sich ist auch immer wieder eine Schau. Ein Glück, dass die Sportwagen-WM ab kommendem Jahr wieder auf dieser Strecke gastieren wird.

Wenn wirtschaftliche Gründe gegen eine Fortsetzung des Rennens sprechen, dann soll es halt so sein. Aber wenn fortwährend überbetonte Berichte über das ach-so-unsichere Umfeld dafür sorgen, dass die Stimmung gegen Interlagos kippt – dann haben die vielen Internetberichterstatter der ganzen Szene einen Bärendienst erwiesen.


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