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14.07.2016

Funk-Feuer


Es stellten sich einem schier die Nackenhaare auf. „Känn ju conförrm ju a in sssse gräwel?“, fragte ein Renningenieur den BMW-Fahrer Timo Glock beim DTM-Auftakt 2016 in Hockenheim. Dabei war das Auto – im Fernsehen und damit auch vor den Augen des Ingenieurs klar ersichtlich – bis zu den Achsen im Schotter versunken, nachdem Glock sich rausgedreht hatte.

Aus unverständlichen Gründen ist die Amtssprache im Deutschen Tourenwagen-Masters, einer nationalen Serie, Englisch. Das führt zu Einlassungen mit solch’ einem grauenhaften Akzent. Aber nicht nur deswegen war der Funkspruch der sinnloseste des ganzen Jahres – und der einzige, über den es sich wirklich aufzuregen lohnte.
Die Dauerdebatte über Funksprüche in der Formel 1, vor dem Ungarn-Rennen mit einer Regelverschärfung noch einmal neu befeuert, ist dagegen völlig unsinnig. Denn rund um die Diskussionen über die Anweisung von Mercedes an Nico Rosberg, wie er sein Getriebeproblem beim letzten Rennen durch andere Gangwechsel umfahren könne, entsteht durch das Funk-Feuer der Eindruck: Solche Unterhaltungen zwischen Fahrer und Kommandostand seien recht neu und für den Motorsport so was wie die Achte Plage.

Das aber ist völlig falsch. Boxenfunk gehört seit Jahrzehnten zum Rennsport dazu, in vielen Facetten. In der US-amerikanischen NASCAR-Serie kriegen die Fahrer von Beobachtern, die hoch oben auf einem Rennleiterturm stehen wie auf dessen Dach im Speedway-Stadion von Halbemond und die ganze Oval-Rennstrecke beobachten, genau mitgeteilt, wo sich Konkurrenten ringsum befinden. Diese sogenannten „Spotter“ verhindern damit, dass ein Fahrer in einer Steilkurve einen anderen im Toten Winkel übersieht – und sie geben auch aktiv Tipps, ob die NASCAR-Fahrer auf der oberen oder unteren Linie besser aufgehoben sind.

Bei den 24 Stunden von Le Mans hat der Audi-Kommandostand André Lotterer vor einigen Jahren mit auf die Zehntelsekunde genau berechneten Rundenzeitenvorgaben zum Sieg gelotst. Lotterer war kurz vor Schluss wegen eines schleichenden Plattfußes außerplanmäßig an die Box gekommen und so aus dem normalen Tankintervall rausgefallen. Und von hinten kam ein Peugeot im Affenzahn angeflogen. Also musste an der Box gerechnet werden, wie schnell Lotterer fahren musste, um vorn zu bleiben – und gleichzeitig nur fahren durfte, um nicht so viel Diesel zu verbrauchen, dass er am Ende noch zu einem kurzen Splash & Dash reinkommen musste und so den Sieg verlor. Wie punktgenau Lotterer die Zeitenvorgaben umsetzte, die per Funk reinkamen, gehört heute noch zu den am meisten bewunderten Leistungen eines Rennfahrers im großen Sport – zumindest bei den Leuten, die diese Geschichte kennen.

Auch in der Formel 1 ist der Funk ein omnipräsenter Geselle. Ich erinnere mich noch gut an die leuchtenden Augen vom damaligen Renault-Chefingenieur Pat Symonds, als der mir vorschwärmte, wie Fernando Alonso während des Rennens gezielt nach diesen und jenen Infos fragte, um so bei laufendem Rennbetrieb seine ganz eigene Konkurrenzanalyse vornehmen und taktische Überlegungen anstellen zu können.

Um den Sport im TV transparenter zu machen, haben die Vermarkter den Funk zugänglich gemacht. Aber nur jene Kommunikationsfragmente, die die Teams veröffentlicht wissen wollen. Und das war der eigentliche Fehler. Denn seither nutzen die Teams den Funk, um Politik zu machen. Vor allem, um Beschwerden der Fahrer über unfaire Manöver der Konkurrenz öffentlich zu machen und so die Sportkommissare zum Handeln zu zwingen.

Diese Art des Reklamierens hinterlässt zunehmend den Eindruck, die Fahrer seien weinerliche Primadonnen, die sich nur beschweren oder hilflos um Rat fragen. Die Fragmentierung und Zensur der Funk-Veröffentlichungen wurde damit zu einem klassischen Fall von „gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht“. Und weil der Zustand der Formel 1 in der Empörungsgemeinde des Internet ohnehin immer weiter runtergemacht wird, haben die Regelmacher darauf mit hektischen Justierungen reagiert. Dass sie damit den ganzen Renn-Alltag ad absurdum führen, sehen sie vor lauter Aktionismus nicht.

Anweisungen wie jene an Nico Rosberg sind eindeutig nötig und müssen statthaft bleiben, denn sie sind sportlich und auch für die Sicherheit auf der Piste relevant. Da darf es keine zwei Meinungen geben.

Natürlich gibt es Funksprüche, die einfach nur vorgetragen werden, weil man auch gern mal ins Fersehen möchte. Die sind von Profis recht schnell zu identifizieren. Die in so verheerendem Englisch vorgetragene Frage an Glock gehört eindeutig dazu. Wenn man die verbannen könnte, wäre für die Zuschauer richtig was gewonnen.


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