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23.10.2019

Französische Volte


Den Gesichtsausdruck werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In tiefer Nacht nach dem Singapur-Grand Prix 2008 befragte ich Pat Symonds, den damaligen Technischen Leiter des Renault-Teams, gezielt danach, ob der Unfall von Nelson Piquet inszeniert gewesen sei, um eine Gelbphase im passenden Moment zu provozieren und so den Teamkollegen und Renault-Nummer 1-Piloten Fernando Alonso zum Sieg zu bugsieren. Das Gesicht von Symonds versteinerte zu einer aschfahlen Büste, für einen Moment entglitten ihm die Emotionen – ehe er seine Beherrschtheit wiederfand und meine Anschuldigung, so nannte er es, brüsk zurückwies.

Ein Jahr später wussten alle: Renault hatte genau das getan – Piquet zu einem Unfall angewiesen, um so über Trick 17b mit der Safetycarphase das Rennen mit Alonso zu gewinnen.

Natürlich bin ich damals nicht selbst drauf gekommen. Ein gegnerisches Team hatte mir nach dem Rennen den Tipp gegeben, dass an dem Sieg ein Geschmäckle gewesen sei und man sich gut vorstellen könne, wie so etwas zugegangen sei. Die Quelle werde ich auch weiterhin nicht nennen. Aber offensichtlich war sie eine gute.

Mein damaliger Chefredakteur hatte nicht den Mut, den Verdacht auch nur anzureißen – was man als „im Raum stehende Vermutung“ natürlich hätte tun müssen. Er ist aber mittlerweile auch nicht mehr als Journalist oder Blattmacher im Motorsport aktiv.

Jetzt ist Renault wieder beim Betrügen erwischt worden. Und sind die Franzosen damals noch mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davongekommen, so dürfte es jetzt reichen, die Marke aus der Formel 1 zu vertreiben. Denn gerade in Zeiten, in denen dank des Dieselskandals die Emp- und Befindlichkeiten von Managern noch mal erheblich gestiegen sind, kann sich just ein Autokonzern – dessen Produkte ohnehin schon als Teufel mit Blech und auf Rädern verdammt werden – nicht leisten, wieder mit einer Unregelmäßigkeit erwischt zu werden. Renault wird sich die jährlich knapp 10 Millionen Euro, die man ins Formel 1-Team zuschießen muss, sparen, genau wie ja auch der VAG-Konzern im Handstreich alle teuren Spitzensportprojekte nach der Dieselaffäre kassiert hat.

Die Sachlage ist kurios. Die Formel 1 sieht sich eigentlich als Königsklasse des Motorsports. Doch die Technik, über die Renault gestolpert ist, ist ein alter Hut: Die Software des Wagens erkennt automatisch, an welcher Stelle der Strecke sich das Auto befindet – und regelt dann von Kurve zu Kurve die Verteilung der Bremskraft zwischen Vorder- und Hinterachse neu. Diese selbst einstellende Bremsfunktion ist in der Sportwagen-WM und bei den 24 Stunden von Le Mans in den Toyota TS050 und früher auch in den Porsche 919 und Audi R18 technischer Standard gewesen. Und völlig legal. Ich habe sie in allen Berichten und Podcasts stets als aktive Bremse bezeichnet. Ein an sich legitimes System, intelligent und dem Stand der heutigen Technik angepasst und -gemessen.

Die Formel 1-Gesetzgeber sind aber einer Hetzjagd gegen alle elektronischen Fahrhilfen aufgesessen – und haben so das Kind des technischen Fortschritts mit dem Bade ausgeschüttet, und zwar direkt in den Brunnen hinein. Dabei warnen alle Ingenieure schon seit Jahrzehnten: Solche elektrischen Systeme sein nicht zu kontrollieren, man sollte sie daher freigeben. Sehe ich genau so.

Auch jetzt ist man Renault nur auf die Schliche gekommen, weil sich ein Ex-Mitarbeiter des Teams – der mittlerweile bei Racing Point arbeitet – eine Helmkameraaufnahme von der Installationsrunde des Daniel Ricciardo im Wintertestbetrieb von Katalonien angeschaut hat und der Australier dort nie die Bremskraft über die Knöpfe am Lenkrad verstellt hat wie eigentlich üblich. Das heißt zweierlei: Das System gibt’s schon lange, Renault hat es auch schon das ganze Jahr über eingesetzt, wahrscheinlich zumindest. Aber das ist nicht nachweisbar. Sondern erst ab dem Moment, wo in Japan der Protest einging und die beweisführenden Bauteile beschlagnahmt wurden. Und die Autos aus der Sportwagen-WM, so wie die TS050 Hybrid auf dem Bild oben – sind technisch anspruchsvoller und hochgestochener als jene der Formel 1, die sich selbst als die Spitze des Motorsport sieht. Offensichtlich zu Unrecht. Die Formel 1 hat sich mit diesem Eklat auch selbst einen Spiegel vorgehalten: Anspruch und Wirklichkeit klaffen schwer auseinander.

Besondere Ironie dabei: Renault – also das Einsatzteam aus dem englischen Enstone – hat das erste Crashgate nur inszeniert, um der Konzernspitze in Paris mit einem Sieg zu zeigen, dass man eben doch gut genug sei und dass sich ein Verbleib in der Königsklasse lohne. Denn an sich waren damals alle Weichen schon in Richtung Ausstieg gestellt. Und wenig später hat Frankreich es dann zur Bedingung gemacht, dass die Regeln hin zu den aktuellen 1,6 Liter-Hybridturbomotoren geändert werden, um überhaupt in der Formel 1 zu bleiben. Doch die Franzosen haben es nie geschafft, einen konkurrenzfähigen Treibsatz für jene Regeln zu entwickeln, die sie selbst unbedingt haben wollten – und mit der sie die Machthaber der Königklasse auch ein Stück weit erpresst haben.

Jetzt sahen sie sich derart unter Erfolgszwang gesetzt, dass sie offensichtlich sogar zum Regelbruch greifen mussten, um wenigstens nicht ganz ans Ende des Feldes durchgereicht zu werden, weil die eigenen Motoren so schlecht sind.

Irgendwie hat man das Gefühl: Die Formel 1 wird Renault nicht so arg vermissen, wenn sie infolge dieses neuerlichen Skandals von der Konzernleitung abgezogen werden.


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