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02.09.2020

Formel 1 muss bei Corona umdenken


Wenn sogar Politiker wie Jens Spahn das schon können – dann wird es langsam wohl auch Zeit, dass die Formel 1-Regierung ihren Coronakurs korrigiert. Denn je länger man drüber nachdenkt, und je mehr neue Erkenntnisse man einfließen lässt, desto klarer wird: Der Entwicklungsstopp für weite Teile der aktuellen Wagen, der inklusive 2021 läuft, war eine Paniküberreaktion wie der Lockdown, die langfristig mehr Schaden anrichtet als sie kurzfristig Nutzen schafft.

Denn wenn’s so weiter geht wie in den letzten beiden Rennen, dann hat die Formel 1 sich mit ihrer Coronamaßnahme selbst in Richtung Bedeutungslosigkeit versenkt. Die Rennen sind langweilig. Weil die Mercedes heillos überlegen sind. Das kann man den Schwaben nicht vorwerfen. Denn sie profitieren immer noch von der konsequenten Vorarbeit der Mannschaft rund um Exteamchef Ross Brawn, der die Weichen für die Dominanz gestellt hat, als das grundsätzliche Konzept für die aktuellen Hybridregeln aufgesetzt wurde.

Dass die Phase dieser Dominanz jetzt schon so lange andauert, ist gleich das erste Indiz für die These, dass der Coronaplan daneben ist. Immer wieder kommt im Laufe dieser Debatte das Argument: „Es gab in der Geschichte der Formel 1 schon immer Phasen, in denen ein Team überlegen war.“

Richtig. Aber in all’ diesen vorhergegangenen Phasen herrschte weitgehende Entwicklungsfreiheit. Die hinterher Fahrenden konnten also aus eigener Kraft aufholen. Je nachdem, wie clever ihre Ingenieure und wie voll ihre Teamkonten waren, ging das mal schnell, mal langsam – und bei den meisten Teams auch gar nicht. Aber es gab auch immer einen Rennstall, der irgendwann mal die Dominanz des jeweiligen Platzhirschen gebrochen hat.

Dazu braucht er aber die Möglichkeit, so arbeiten zu dürfen, wie es per Definition eigentlich das Wesen der Formel 1 sein sollte: mit Hochdruck.

Das ging in der letzten Zeit schon nicht mehr, da die Motorenregeln in immer engere Korsetts staffiert wurden. Sogar der Abstand zwischen den einzelnen Zylindern ist inzwischen vorgeschrieben. Wo sollen da noch große Zeitensprünge herkommen, wenn man an ganz Grundsätzlichem des unterlegenen Wagens nichts mehr machen darf?

Covid-19 hat die Rechteinhaber und die Regelmacher in einen Gleichschritt gezwungen, den man so nicht kannte. De facto haben sie mit den Kostensenkungsmaßnahmen, die sie wegen der drohenden Weltwirtschaftskrise eingeleitet haben, die ohnehin schon uniformen Regeln noch weiter gleichgeschaltet. Bis Ende 2021 kann man nichts Nennenswertes entwickeln. Also braucht man auch nicht zu erwarten, dass sich an der Hackordnung viel ändert.

Es gibt ein paar Verschiebebahnhöfe. Wenn Red Bull mutig genug wird, bei der Abstimmung mal andere Wege zu gehen statt Mercedes zu kopieren, könnte was gehen. In Spa hätten die Brausekutscher die Chance dazu gehabt, weil man auf dieser Strecke zwei verschiedene Aerokonfigurationen fahren kann. Doch die Teamleitung war zu feige, damit haben sie dem Rennen die Lizenz zum Schnarchen ausgestellt. Auch wenn außergewöhnliche Temperaturen mal die Kombination von Auto mit der einen oder anderen Reifenvariante begünstigen, kann’s im Mittelfeld mal zu Verschiebungen kommen. Doch meist wird in den Rennen ab sofort so viel überholt wie im Blumenkorso beim Blütenfest in Wiesmoor.

Ach nee, das ist ja wegen der Seuche auch abgesagt.

Für die Formel 1 gerade in Deutschland ist diese Entwicklung fatal. Die Königsklasse verschwindet wegen des RTL-Ausstiegs aus dem frei zu empfangenden Fernsehen. Also muss neue, andere Medienpräsenz her. Doch kein Chefredakteur oder Chef vom Dienst – von den Verlagsoberen wegen Werbeeinnahmenmangel selbst unter Kostendruck gesetzt – wird bei der akuten Tristesse Geld für Reisekosten oder Platz auf Seiten, Spalten oder in Sendeminuten freigeben – mangels Interesse für die Mediennutzer. So strudelt die Formel 1 in eine Abwärtsspirale des öffentlichen Interesses. Statt den Fernsehverlust anderweitig aufzufangen, wird die Medienpräsenz nur noch weiter zurückgehen.

Gleichzeitig wird aber auch gerade klar: Die wirtschaftliche Delle der Coronapolitik wird zumindest in den für Grand Prix-Sponsoren relevanten Stammnationen doch nicht so drastisch wie lange Zeit befürchtet. Eher ein V, vielleicht ein U, aber kein L. Denn die meisten Unternehmer und selbst manche AG-Vorstände haben sich so viel einfallen lassen, dass sie die Fehlentscheidungen der Politiker zumindest zum Teil haben abfedern und auffangen können. Die Folgen sind spürbar, die Jahresergebnisse unter aller Kanone – aber in weiten Teilen nicht so dramatisch, wie man eingedenk der Arbeit der Regierenden befürchten musste. Das Volk hat sich erfolgreich zur Wehr gesetzt und die schlimmsten Folgen der Krise abgeschmettert.

Die Autoindustrie selbst profitiert sogar von der Krise. Denn dank der Hilfe, die bei ihr – im Gegensatz zu den meisten kleinen und mittleren Unternehmen auch wirklich ankommen – senken sie die Kosten für die Transformation zur Elektrifizierung erheblich ab und kriegen ihre auf Halde produzierten Unmengen von Verbrennermodellen auch endlich weg.

Also gibt es auch allenthalben keine Not mehr, eine Rezession von markerschütterndem Ausmaß zu befürchten. Und sich dagegen abzusichern. Das heißt, man kann gewisse Überreaktionen aus den ersten Coronawochen sukzessive zurückdrehen. Der Entwicklungsstopp in der Formel 1 gehört dazu. Den Mut, den zu korrigieren, müssen die Grand Prix-Regenten jetzt haben. Sie brauchen nicht zu befürchten, ihr Gesicht zu verlieren. Zwar hätten sie genau wie die Politiker vorher einschätzen können müssen, was in etwa sie erwartet – aber wenn die Regierungen kollektiv Fehler machen, dann dürfen das auch private Organisationen, die auf das reagieren, was die Politik ihnen hinwirft, und dabei nachvollziehbarer Weise den Überblick auch mal verlieren kann.

Fehler machen ist da nicht schlimm. Fehler nicht zu korrigieren, das wäre Murks. Der Weitblick muss jetzt so weit reichen, dass man gewisse Freiheitsgrade bei der Entwicklung doch wieder einräumt. Damit zumindest die direkten Verfolger von Mercedes näher rankommen können.

Sonst treibt das Missmanagement die Formel 1 in die Rezession – und nicht etwa die Seuche.


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