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29.04.2021

Ewige Rivalität


Ausgerechnet ein Altmeister hat die Debatte neu entflammt. Was wiegt schwerer – die Formel 1 samt des europalastigen Nachwuchsformelgefüges aus Formel 3 und Formel 2 oder die nordamerikanische IndyCar-Serie?

Nach einem überlegenen Sieg von Colton Herta beim IndyCar-Rennen auf dem Stadtkurs von St. Petersburg in Florida meldete sich Mario Andretti, Formel 1-Weltmeister von 1978, zu Wort: Warum Herta trotz seiner Erfolge in der IndyCar keine Superlizenz bekomme, ein offenbar überforderter Formel 2-Absolvent wie Nikita Masepin aber sehr wohl?

Die Superlizenz – also quasi das Kapitänspatent für die Formel 1 als nötige Draufgabe zur normalen internationalen Rennlizenz – kriegt nur, wer gewisse Erfolge in anderen Rennserien aufzuweisen hat. Und je nach Serie erfolgt die Gewichtung dieser Resultate anhand eines Koeffizientensystems: Wer in der Formel 2 gewinnt, sammelt mehr Superlizenzanwärterpunkte als Sieger etwa in der Sportwagen-WM oder auch in der IndyCar-Serie. Das findet Andretti ungerecht.

Der gebürtige Kroate muss es wissen, denn Herta fährt im Team seines Sohnes Michael Andretti. Und sein eigener Enkel Marco hat in Michael Andrettis gezeigt, dass er an seine persönlichen Talentgrenzen stößt – Herta ist ganz offensichtlich deutlich besser als Marco Andretti

Der 21-Jährige aus Kalifornien gilt in der Tat als ein Toptalent, und zwar schon, seit er als 18-Jähriger einen neuen Rekord als jüngster IndyCar-Sieger aller bisherigen Zeiten aufgestellt hat. Der Schlagzeuger bei der Punkband „The Zibs“ gewann auch als BMW-Fahrer die GTE-Klasse bei den 24 Stunden von Daytona – und beschreibt seine eigene Stärke vor allem als Ultraspätbremser und beim Bändigen eines Autos mit unruhigem Heck. Beides sind Stärken, die man in der Formel 1 braucht – wie man aktuell an Positivbeispiel Lewis Hamilton und Negativbeispiel Sebastian Vettel sieht.

Doch reicht das, um Colton Herta volle Formel 1-Tauglichkeit zu attestieren? Die Unterschiede zwischen den beiden Klassen sind doch gar arg. Das hat nicht zuletzt Umsteiger Romain Grosjean – der Überlebende des Feuerballs von Bahrein – nach seinen ersten US-Rennen mit Verblüffung bestätigt: Ein Formel 1-Auto muss man voll und ganz über die Aerodynamik fahren. Es erlaubt nur eine einzige Ideallinie. Ein IndyCar hingegen kann man auf verschiedenen Linien platzieren und so auch Überholmanöver vorbereiten oder durchexerzieren.

Denn ein IndyCar ist ein Einheitschassis von Dallara, versehen mit Turbomotoren entweder von Honda oder von Chevrolet und mit weitgehenden technischen Freiheiten lediglich bei Federn und Stoßdämpfern. Ein Formel 1 hingegen ist ein Eigenbau, jedes Team tüftelt jedes Detail des Autos selbst aus – und das Hauptaugenmerk dabei liegt seit ein paar Dekaden auf der Aerodynamik. Der Focus hat sich nur geringfügig verschoben, als die neue Öko-Turbohybridmotorenregel erstmals griff, doch je länger es diese Motoren schon gibt, desto mehr verschiebt sich der Entwicklungsschwerpunkt wieder hin zur Aerodynamik.

IndyCars sind körperlich härter zu fahren, denn sie haben keine Servolenkung. Andererseits zerren in den Kurven nur geringere Fliehkräfte an den Hals- und Nackenmuskeln der Piloten.

Man vergleicht also irgendwie Äpfel mit Birnen. Und die Kardinalfrage lautet ohnehin nicht: Sollte man Herta ein Formel 1-Patent ausstellen? Sondern: Würde der Kalifornier überhaupt in die Formel 1 gehen wollen? Denn das ergibt für einen Rennfahrer nur Sinn, wenn man bei einem der großen zwei, vielleicht drei Teams anheuern kann: Mercedes, Red Bull oder Ferrari. Sonst ist man zum chancenlosen Hinterherfahren verdammt. Und das macht keinem Sportler Spaß.

In der IndyCar gibt es dank der Einheitsautos und der verschiedenen Strecken – normale Rundkurse, Ovale und Stadtkurse – bummelig 12 Autos, die jederzeit siegfähig sind. Das macht das Feld homogener, die Rennen härter umkämpft und die Serie für Rennfahrer attraktiver.

Gleichzeitig aber hört man von Grand Prix-Aussteigern immer wieder, es gebe vom reinen Fahren her nichts Fesselnderes und Herausforderndes als ein Formel 1-Auto mit leeren Tanks und weichen Reifen, wenn es seine volle Leistungsfähigkeit von der Leine lassen kann. Egal ob Langstrecken-Sportwagen wie die alten LMP1 in Le Mans oder die IndyCars – an das reine Fahrgefühl und die tiefe Befriedigung, so ein Viech zu bändigen, komme nichts Anderes ran.

Eigentlich hat Andretti senior eine unnütze Debatte entfacht. Denn jede Motorsportart hat ihre eigenen Reize. Die Formel 1 steht nur mehr im Schaufenster der breiten Öffentlichkeit. Doch die meisten US-Amerikaner interessieren sich dafür deutlich weniger als Europäer oder Asiaten. Und dann hat er sich auch noch verrechnet: Rein mathematisch hätte Herta längst seine Superlizenz für 2021 beantragen können.


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