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06.10.2016

Diplomaten-Pass


Darren Turner war irritiert. „Ach je“, entfuhr es dem englischen Aston Martin-Werksfahrer aus der Sportwagen-WM, „ich habe Dich da gar nicht stehen sehen. Ich hatte Dich für einen Teamkollegen gehalten.“

Denn in der Gesprächsrunde mit Andy Priaulx, Stefan Mücke und Harry Tincknell, den drei Ford-Werksfahrern, und Turner trug ich ein ähnliches Dunkelblau wie die Ford-Jungs. Deswegen plauderte Turner frisch von der Leber weg über neue Reifen, die bei den Sportwagen-Rennen in Mexiko-Stadt und Austin einen so großen Vorteil für Aston Martin mit sich brachten – was sein Arbeitgeber aber nicht öffentlich machen wollte.
Natürlich hatte ich im Fahrerlager von Austin, Texas, schon weit vor dem tolpatschigen Verplappern von Turner das Geheimnis der neuen Aston-Bereifung herausrecherchiert. Aber darum geht es auch gar nicht.

Dass selbst ein Routinier wie Turner sich inzwischen drei Mal überlegen muss, wem er was wann sagt, das ist das eigentlich Alarmierende.
Zumal es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Beim selben Rennen in Austin stellte ich André Lotterer eine Frage, die im Audi-Werksfahrer einen Mechanismus freisetzte. Wie auswendig gelernt, plapperte aus dem ehemaligen Le Mans-Sieger und Sportwagen-Weltmeister eine Antwort heraus, gestanzt aus einer Vorlage von Floskeln. Lotterer klang nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Sprechautomat.

Denn jeder von einem Werksteam bezahlte Profirennfahrer erhält heutzutage vor jedem Rennwochenende eigene Leitfäden, in denen maßgeschneiderte Antworten auf alle möglichen Fragen druckreif vorformuliert sind, die einer Presseabteilung als eventuelle Themen des Wochenendes vorab einfallen. Im Gespräch mit den Rennfahrern merkt man sofort, ob man eine solche Vorahnungsfrage gestellt hat; die Antworten werden so vorgetragen wie die Allgemeinplätze von Fluggesellschaften, wenn ein Flieger – wie bei meiner Austin-Rückreise mit United passgenau mal wieder geschehen – wegen technischer Gebrechen Verspätung hat. Denn dann rezitiert jeder Mitarbeiter einer jeden Fluglinie auch die immer gleich lautenden Phrase, die Verzögerung geschehe nur aus Gründen der Sicherheit, „und Sie wollen ja auch nicht mit einem unsicheren Fluggerät reisen, oder?“ Gelernt ist gelernt – und den oberflächlich zuhörenden Fluggast für dumm verkauft.

Merkt man, dass ein Rennfahrer aus dem großen Buch der Presseabteilung zitiert, dann kann man eigentlich sofort geistig abschalten, denn die vorgefertigte Antwort hat keinen Nährwert, den man als verantwortungsvoller Journalist seinen Lesern oder Fernsehzuschauern weitergeben sollte.
Warum ich das jetzt hier ausmähre? Weil der Eklat um den flegelhaften Auftritt von Lewis Hamilton bei der Pressekonferenz in Suzuka am Donnerstag, der durch alle Medien ging, mittelbar in genau diese Kategorie fällt.

Denn gerade in der Formel 1 ist die Medien-Gemengelage in den vergangenen Jahren immer diffuser geworden. Es gibt eine Reihe Tageszeitungs- und vor allem Internetjournalisten, die bestenfalls an der Oberfläche kratzend recherchieren, meist sogar nur Pressemitteilungen abschreiben oder aus Pressekonferenzen zitieren, egal was da gesagt wird. Neuester Trend: Funksprüche, wie sie auch im Live-TV zu hören sind, werden geschickt formuliert als exklusive Insider-Spionage zum Einstieg in Geschichten herangezogen.

Und dann gibt es eine vielleicht ein paar -zig Kollegen große Schar von Kennern mit Zugang zum Inner Circle, die an echte Informationen herankommen. Deren Arbeit wird bewusst erschwert, weil es für die Teams und Sponsoren wichtiger ist, die Formel 1 als seichte Show einfach konsumierbar zu machen, massenkompatibel und inhaltsleer wie Fußball. Die offiziellen Pressekonferenzen der FIA, in einer von denen sich Hamiltons Entgleisung mit dem Smartphone ereignete, steht dafür als Paradebeispiel. Die Fragen des offiziellen Moderators reichen stets von der Plati zur Tüde, heikle oder ernste Themen werden bewusst ausgespart. Und viele der Journalisten, die offen im Plenum nachfragen, tun das so gestelzt und verworren, dass sie sich selbst zwar auffällig in Szene setzen – aber inhaltlich auch nicht weiter bringen.

Die Fahrer langweilt dieses Ritual seit langem. Und die meisten von ihnen sind auch der Gängelung durch offizielle Sprachregelungen überdrüssig. Sie würden gern die ganze Faszination des Sports, das ganze Können und die volle Facettenvielfalt ihrer Arbeit transportieren. Doch weil sie das nicht dürfen, passieren solche Fehltritte wie jener von Hamilton mit seinem kindlich-kindischen Smartphone-Getue.

Mit einem Kaliber wie Jochen Mass, auf dem obigen Foto zu sehen, hat man solche Maleschen im Gespräch nicht.

Ich möchte den WM-Zweiten Hamilton nicht in Schutz nehmen, ganz im Gegenteil. Sein Verhalten war völlig falsch und indiskutabel. Vor allem für die vielen japanischen Tageszeitungskollegen, die für ihre Arbeit auf diese PreKo angewiesen waren und denen er mit seiner Ignoranz ganz unmittelbar eine herabwürdigende Wertschätzung entgegengeschleudert hat – in Japan ein schlimmes Benehmen für die Gastgeber. Aber ich verstehe, wo es herkommt. Und darüber sollten sich alle Hintermänner mal Gedanken machen, damit solche unnützen Zwischenfälle erst gar nicht passieren können.


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