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12.09.2020

Die Rache des Basti Fantasti


Norbert Haug hat mir mal – damals war er noch Mercedes-Rennleiter als McLaren-Partner in der Formel 1 – gesagt: „Es gibt Eiskunstlaufmütter – und Rennfahrerväter“. Seinerzeit meinte Haug Keke Rosberg, der – als Weltmeister von 1982 – seinen Sohn Nico in die Formel 1 gemanagt und dabei seine alten Connections zum Röntgen von Teamstrukturen und Zusammenhängen, aber auch zur offensiven Lobbyarbeit für seinen Sprössling genutzt hat.

Haug kannte damals Lawrence Stroll noch nicht. Denn was der Kanadier in der Folge alles für seinen Lance auf die Beine gestellt und vor allem finanziert hat, nur damit der Formel 1 fahren kann – Wahnsinn.

Lance Stroll ist damit zum Statthalter der unerfüllten Träume von Papa Lawrence, einem Modemarkenmultimillionär, geworden. Und das Familienoberhaupt lebt seinen Traum jetzt munter weiter aus – mit dem Einkauf von Sebastian Vettel als neue Speerspitze seines eigenen Grand Prix-Rennstalls und als Teamkollegen von Sohn Lance Stroll.

Der Seniorchef legt dabei ein Tempo an den Tag, das in der Formel 1 und der Automobilbranche ungewöhnlich ist – und für Vettel weniger Gutes verheißt, als das in der ersten Euphorie über den Formel 1-Verbleib des Heppenheimers wahrgenommen wird. Zuerst kauft Stroll das malade Force India-Team, das der trinkfreudige, dafür aber auch windige indische Geschäftsmann Vijay Mallya vor die Wand gefahren hat. Dann sichert er sich mit einem Konsortium die Automarke Aston Martin.

Auch die hätte fast einen wirtschaftlichen Totalschaden hingelegt. Denn der Engländer Andy Palmer hat Aston Martin als letzter Chef geführt. Das ist derselbe Automanager, der zuvor schon Nissan in Europa der Lächerlichkeit preisgegeben hat, indem er für die 24 Stunden von Le Mans 2015 einen LMP1-Sportwagen mit Frontmotor und Vorderachsmotor bauen ließ – entgegen jedes physikalische Grundwissen. Mit dem Konzept, mit dem man gegen Hightechrenner in bewährter Bauweise von Porsche, Toyota und Audi nicht gewinnen konnte, haute Palmer dermaßen auf die Pauke, dass man Nissan in der breiten Öffentlichkeit tatsächlich als Siegkandidat annehmen musste. Als Palmer merkte, dass er die Physik nicht überlisten konnte, verlegte er sein Marketing auf Online-Klamauk via Twitter und Co. – und ließ im Fahrerlager ein Riesenhospitalityzeit mit Außenrutschte etc. aufbauen, sodass man sich in Le Mans vorkam wie im Heidepark Soltau.

Als Palmer bei Nissan rausgeflogen war, holte Aston Martin ihn. Er verzwergte die einstige Traditions- und Nobelmarke zu einer AG, deren Börsenwert schneller schwand als jener von Wirecard nach Bekanntwerden von deren Machenschaften. Am Ende lebte Aston Martin nur noch davon, dass reiche Sammler Anzahlungen auf immer neue Sondermodelle in Kleinstserie zahlten, welche die Engländer ihnen als Exklusivbesitz nahelegten – die aber nie kamen. Nur dieses Einsammeln von Barschaften auf Vorschuss sicherte über lange Monate hinweg den Cashflow und verhinderte eine eigentlich fällige Insolvenz.

In dieser Phase übernahm Papa Stroll die siechende Marke. Mit dem Gespür eines Markennamenvermarkters weiß er um den Wert des Namens und der Historie. Er kaufte Aston. Das Team Racing Point gehörte ihm eh’ schon, weil er für Sohn Lance in der Formel 1 die nächste Stufe zünden wollte. Zuvor hat 30 Millionen p.a. an Williams gezahlt, damit Lance dort seine Grundausbildung absolvieren kann. Und davor von Williams Jahreswagen für ein privates Testprogramm zur Vorbereitung des Filius’ auf den Grand Prix-Einstieg gepachtet. Als Stroll jr. nicht mehr bei Williams fahren sollte, weil das Team zu schwach war, zog der Herr Papa die Millionen ab und dirigierte sie zu Force India um. Damit stieß er Williams in jenen Abgrund, aus dem der Traditionsrennstall sich erst vor einigen Tagen durch den Verkauf und den Rückzug der Gründerfamilie gerettet hat – und er ebnete den Weg für Racing Point, die Umtaufe auf Aston Martin und die Verpflichtung von Vettel.

Für Vettel ist das Fluch und Segen zugleich. Es war seine einzige Chance auf einen Formel 1-Verbleib. Aber er muss sich mit Stroll rumplagen. Dem hatte sein Vater zu Formel 3-Zeiten sogar einen Vertragspassus als Nummer 1 im Team erkauft, inklusive schriftlich fixierten Überholverbots durch allfällig von hinten kommende Teamkollegen.

Papa Stroll findet sich in einem Spannungsfeld wieder, das sich auf Vettel überträgt. Auf der einen Seite stehen Vaterliebe und Vaterstolz, auf der anderen Seite, Aston Martin so zu einer Marke und wirtschaftlich erfolgreich zu machen, wie Stroll sr. das auch mit seinen Modelabels geschafft hat. Der Chef legt dabei ein vergleichbares Tempo vor wie in der Modebranche. Doch Klamotten sind einfacher als Rennwagen. Deswegen kamen direkt nach der Verpflichtung von Vettel schon die ersten mahnenden Stimmen auf, dieser Einkauf käme für das Team zu früh, denn das Wachstum des Rennstalls halte mit den Vorstellungen von Stroll nicht Schritt – und Vettel komme so vom Regen in die Traufe.

Es ist in der Tat weltfremd, davon auszugehen, dass nur wegen der neuen Etathöchstgrenze, die ab 2021 greift, plötzlich kleine Teams wie Vettels neues plötzlich gegen Mercedes und Red Bull anstinken könnten. Die Großen werden nach wie vor einen Vorteil haben, auch wenn sie ihre Ausgaben senken und damit auch ihren Aufwand neu organisieren müssen.

Aber in der Formel 1 gilt die Weisheit, Geld gewinne Rennen. Denn die Königsklasse ist Kapitalismus pur. Deswegen wird Stroll mit seinem großen Klingelbeutel das neue Team und seine neue Marke auch unweigerlich zum Erfolg führen. In ein paar Jahren.

Das Abkommen mit Vettel gilt ja auch für „2021 and beyond“, also über mehrere Jahre. Denn für Vettel ist Aston Martin nicht nur der letzte Strohhalm – sondern auch ein Werkzeug der Rache an Ferrari, um deren eiskaltes und abruptes Absäbeln zu sühnen. Das zeigt schon der Zeitpunkt: Dass die Neuverpflichtung ausgerechnet an jenem Wochenende verkündet wurde, als Ferrari in Mugello eigentlich das Jubiläum des tausendsten Grands Prix verkünden wollte, ist ein ganz gezielter Leberhaken gegen die Roten.

Vettel ist ein emotionaler Mensch, viel mehr als sein Vorbild Michael Schumacher. Deswegen wird er auch nicht Ruhe geben, bis er mit Aston an der Spitze angekommen ist. Allein schon, um Ferrari zu piesacken. Und weil er sich ab sofort wieder in einem Umfeld – echte englische Racer mit Sinn für guten Humor und harte Arbeit – wiederfindet, die Vettel vom Wesen her exakt taugt, kann das sogar gelingen. Wenn er den Rennstall von sich überzeugt und die interne Bevorzugung von Stroll jr. bricht. In dieser ganzen Gemengelage steckt die wahre Würze der nächsten Grand Prix-Jahre.


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