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26.09.2019

Die Mär vom Teamplayer


Scott Dixon hat die Vokabel eingeführt. Als ich mich in Le Mans mit dem neuseeländischen IndyCar-Piloten für die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK unterhalten habe, brachte der Kiwi den Ausdruck „to sugarcoat it“ ins Gespräch ein.

Dieser Begriff schwirrt mir seit dem letzten Formel 1-Grand Prix in Singapur im Kopf herum. Denn dort hat die Königsklasse mal jene Maske runtergerissen, die ihr die Pressesprecher der Teams immer aufsetzen wollen. Der Rennverlauf im asiatischen Stadtstaat hat gezeigt: Das Gerede von Teamarbeit und kollegialem bis freundschaftlichem Verhältnis unter Stallgefährten ist Stuss, auch wenn die Pressesprecher genau das immer glauben machen wollen.

In Wahrheit funktioniert der Motorsport anders. Seit Jahrzehnten gilt der alte Schnack: „Dein Teamkollege ist immer dein erster Gegner.“ Denn er ist immer die größte Messlatte – weil er exakt dasselbe technische Material zur Verfügung hat wie man selbst. Also trachten alle Fahrer in erster Linie danach, sich im teaminternen Duell als der Schnellere zu etablieren. Und zwar mit allen Mitteln.

Sebastian Vettel hat schon bei Red Bull öfter bewiesen, dass er alle Tricks verfolgt, um sich intern auf Pole zu bringen. Mark Webber hat er damit gebrochen und dessen Grand Prix-Karriere beendet, gegen Daniel Ricciardo hatte er damit keinen Erfolg. Und bei Ferrari war es höchste Zeit, das Ruder rumzureißen.

Das geht nur mit einer Spur Hinterlist. Presseleute betonen immer, dass bei allen Briefings und Konferenzen alle Daten und Abstimmungsdetails auf den Tisch kämen, dass sich die beiden Teamkollegen in allem austauschen. Aber das ist Käse. In Wahrheit besteht ein funktionierender Rennstall immer aus zwei Lagern. Im Rennsportenglisch heißt das, „on the other side of the garage“. Denn in jeder Box muss eine verschworene Gemeinschaft aus Fahrer, Renningenieur, Mechanikern und allen anderen Ingenieuren, die da so rumschwirren, in ihrem eigenen Mikrokosmos wirken – streng abgeschirmt vom Einblick ins allerletzte Detail. Und in Tat, wer bei Teams hinter die Kulissen gucken kann, erfährt schnell: Es gibt nie den totalen Austausch – sondern immer Geheimnisse bei den letzten Details und Finessen, teilweise auch Psychospielchen zu Lasten des Teamkollegen.

Vettel und sein Mitarbeiterstab haben es in Singapur gezeigt: Charles Leclerc und sein Lager sind eben nicht eingeweiht worden, wie man das Risiko ausleben kann, zum erst möglichen Zeitpunkt zum Reifenwechsel reinzukommen. Das hat das Vettel-Lager allein ausgeschnapst und durchkalkuliert – und dann im Rennen umgesetzt. Damit hat Vettel seinen Teamkollegen übertölpelt, nachdem der in allen vorigen Läufen und auch in Singapur auf der Strecke schneller war. Vettels Sieg in Singapur hatte zwei Schlüssel: die enorm schnellen Runden zur und aus der Box – und das gnadenlose Fallen- und Kaltstellen gegen Leclerc, der von der gewagten Taktik auf dem falschen Fuß erwischt worden ist. Man darf nicht übersehen: Von der reinen Grundschnelligkeit war Leclerc Vettel auch in Singapur wieder überlegen. Der Vierfache hat das Rennen auf der taktischen Schiene gedreht – indem er und seine Crew den Gegner im eigenen Nest schlicht reingelegt haben.

Dass das nötig wurde, hat der Bob Ferrari 2 spätestens in Monza erkannt. Denn dort hat Leclerc seinerseits Vettel in der Qualifikation ein Bein gestellt, indem er ihm einfach den vorher in Briefings zugesagten Windschatten nicht spendiert hat. Auch das war schon ein Indiz dafür, dass bei Ferrari wie üblich ein beinhartes teaminternes Duell um die Vormachtstellung tobt.

Früher sind solche Zweikämpfe in der Öffentlichkeit ausgetragen worden. Nelson Piquet etwa hat Nigel Mansell bei Williams mental verunsichert, indem er in den Medien äußerte, wie hässlich Mansells Frau sei – und ihm gern mal zum letzten WC-Gang vorm Rennen sämtliches Toilettenpapier von der Keramik klaute.

Heute ist es nicht mehr opportun, Zwist zu zeigen. Denn es wirkt, so meinen zumindest Presseleute, politisch nicht korrekt und schrecke potenzielle Werbepartner ab. Das ist eigentlich Unfug, denn je mehr Gerede, desto besser für die Sponsoren. Und auch Vertreter der Werbepartner würden sich viel mehr Storytelling und auch die eine oder andere Kontroverse wünschen. Das Aufbringen von Zuckerguss, wie es Scott Dixon gesagt in Le Mans gesagt hat, schadet der Serie, dient aber dazu, dass die Presseleute Schönwetter machen und so von ihren Chefs erst gar nicht in die Kritik geraten können.

Das ist ein nicht zu unterschätzendes Problem der aktuellen Formel 1: Es wird zu wenig Einblick ins wahre Geschehen zugelassen.

Da ist es schön, wenn die Wahrheit der verbalen Schönfärberei die Maske vom Gesicht reißt. Für Vettels Stand bei Ferrari – auch und gerade im Hinblick auf 2020 – ist es wichtig, dass der Heppenheimer jetzt so ruchlos weitermacht wie in Singapur. Das ist vielleicht das spannendste Element am Sotschi-Wochenende.


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