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04.05.2019

Die Furcht von Toyota


Ein winziges Detail vom Freitag macht Toyota stutzig. Stoffel Vandoorne tauchte im Freien Training am Donnerstag plötzlich auf Platz 2 der Gesamtwertung auf, mit erklecklichem Vorsprung von einer halben Sekunden auf die Werks-Toyota. Der Belgier fährt einen Dallara des russischen Privatteams SMP, und er absolvierte donnerstags in Spa seine ersten Runden. Denn er kam erst als Nachrücker an Bord, weil Jenson Button an diesem Wochenende in Japan Super-GT fahren muss und ohnedies keine Lust mehr hat, seinen Ruf von Dauerniederlagen gegen die überlegenen Toyota ramponieren zu lassen.

Vandoorne war zwar nicht Schnellster der Sitzung, das schaffte sein Teamkollege Sergeij Sirotkin. Aber dafür, dass der bei McLaren aussortierte einstige Top-Nachwuchsmann aus dem Team von Lars und Josef Kaufmann noch nie im Dallara getestet hatte, war sein zweiter Rang viel eher ein Leistungsbarometer als die Bestzeit des Russen im selben Team.

Denn Vandoorne wird erst im Rennen sein volles Können abrufen können, wenn er sich auf den für ihn neuen Wagen eingeschossen hat. Gleichzeitig unterstreicht die schnelle Zeit aus dem Stand heraus, welch' großen Fortschritt Dallara inzwischen mit dem jüngsten LMP1 gemacht hat. Vor einem Jahr noch eine Wanderbaustelle mit Überschlagsgefahr, ist der Italiener inzwischen schneller als der Rebellion – obwohl dort mittlerweile 80 Prozent der Teammitglieder von Fahrzeugbauer Oreca selbst kommen, nicht mehr vom Einsatzteam, um so mehr aus dem Modell rauszuholen.

Werden die SMP-Dallara für Toyota echt zu einer Gefahr? Eine Stunde vor dem Start strahlt die Sonne vom belgischen Himmel, von Regen keine Spur. Es ist kühl, der Asphalt kalt. Das sind einerseits zu normale Bedingungen für die Privaten mit ihrem Hochabtriebspaket, das mehr Anpressdruck generiert als die Niederabtriebsvariante der TS050 Hybrid. Die Hintergründe dazu habt Ihr ja gestern Abend in unserem großen Podcast ausgiebig gehört, mit O-Tönen von André Lotterer, Sébastien Buemi und dem Toyota-Teammanagement.

Das reine Abtriebsplus wird den Privaten bei diesem Wetter nicht helfen, sondern nur, wenn es wieder heftig regnet. Aber die windschnittige Variante des Toyota neigt auch dazu, Pickup mit den Reifen aufzusammeln, den die Fahrer nicht wieder loswerden und der dann die ganze Reifennutzung über den Haufen schmeißt. Diese kleinen Gummibrocken werden im Laufe des Sechsstundenrennens immer mehr. Und bei Toyota gilt die Faustregel: Je kühler es ist, desto mehr Gummibröckchen und anderen Schmutz und Unrat lesen die Reifen auf – zumindest mit der Low Downforce Configuration, wie das Niederabtriebspaket im Fahrerlagerdenglisch heißt.

Dieses Problem kennen die Privaten mit ihren Hochabtriebskarosserien nicht. Aber dafür – siehe ebenfalls unseren PITCAST von gestern Abend – ist deren Reifenfortschritt an der Vorderachse de facto ausgefallen. Die Vorderachse ist ohne jenen Allradantrieb, wie ihn der Toyota beim Boosten aus den Akkus immer wieder zuschalten kann, kaum auf Temperatur zu bringen. Erst recht nicht, wenn es so kalt ist wie jetzt: Als Rennleiter Edoardo Freitas die Boxengasse aufschloss, um das Feld auf die Startaufstellung fahren zu lassen, vermeldete er den Teams via Funk Asphalttemperaturen von 15 Grad.

Das wiederum ist den Toyota zu kühl mit ihrem ollen Pickup-Problem – und den Privaten zu kalt für ihre leidigen Vorderreifen. Das heißt: Am Kräftverhältnis ändert sich generell nichts. Nur dass die Spreizung zwischen den schnelleren Toyota und den privaten Verfolgern in der Anfangsphase des Rennens noch weiter auseinandergeht. Denn der Pickup wird erst im Laufe der Distanz arg, wenn sich die Reifen der Autos teilweise in Bröckchen neben der Bahn wiederfinden. Die Reifenrutscherei an der Vorderachse der Privaten dagegen tritt sofort auf und bleibt ein stetiger Begleiter.

Es seit denn, es fängt doch noch wieder an zu regnen. Wie viele Insider es im beinahe halbstündigen Wechsel zumindest in Phasen des Rennens erwarten.

Und kaum dass die Autos eine knappe Stunde vor Rennbeginn auf ihren Startplätzen standen, tippte die Rennleitung auch schon die Mitteilung „few drops“ auf die Zeitnahmemonitore – vereinzelte Regentropfen.


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