+++ 16.07.2019 15:25 : Neuer PITCAST online – die letzte Etappe der Rallye Seidenstraße +++ 15.07.2019 16:46 : Neue Fotogalerie online – Action aus der Wüste Gobi +++ 15.07.2019 12:31 : Neuer PITCAST online – Gespräch mit PITWALK-Formel 1-Reporterin Inga Stracke über den Großen Preis von England, aktuelles Update und Interview mit Speedbrain-Chef Wolfgang Fischer von der Rallye Seidenstraße +++
BACK

12.07.2019

Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer


Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landschaft, dörflich-englischer Idylle und dem so unheimlich angenehmen Publikum.

Doch als heute Morgen das WhatsApp meines Telefons losdüdelte, erhielt die Vorfreude einen argen Dämpfer. Die Formel 1 hat schon wieder einen Trauerfall. Nur wenige Wochen nach dem Ableben Niki Laudas folgt einer von seinen engsten Freunden dem Österreicher auf die andere Seite: Bertl Wimmer, ein Österreicher aus der grenznahen Region zu Oberbayern, ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

Er war einer der vielen Vertreter der Fahrerlagergemeinde, die für viele oberflächliche Beobachter stets nur namenlose Adabeis gewesen sind. Doch „der Wimmer-Bertl“, wie seine Freunde aus dem Oberbayerischen ihn stets nannten, war auch einer, der über Jahrzehnte hinweg als Unikum und als tragende Säule im Hintergrund dabei war. Er war derjenige, der den jungen Niki Lauda für die Fliegerei begeistert hat – nachdem Lauda ihn zu dessen Formel 1-Jungspundzeiten kennengelernt hatte. Wimmer war damals stets im Umfeld des Austrokanadiers Walter Wolf zu finden, als der noch sein eigenes Rennteam hatte. Über diese Schiene entstand in den Siebzigern die Freundschaft zu Lauda, die beiden absolvierten Laudas erste gemeinsame Flugstunden, lachten sich später kaputt, als der eitle McLaren-Chef Ron Dennis Linie flog und zusehen musste, wie die beiden in Laudas Privatjet vor dem sauertöpfischen Engländer abhoben.

Bertl Wimmer kannte all’ die Geschichten von Niki Lauda aus erster Hand, die den tatsächlichen Charakter des Österreichers ausmachten. Und er war fester Bestandteil eines fidelen Motorsportstammtischs in Oberbayern, zu dem auch alte Haudegen wie Herbert Schnitzer – der Teamchef des gleichnamigen BMW-Werksteams – und Peter Reinisch – lange Jahrzehnte Teammanager bei Schnitzer und später beim Gruppe C-Sportwagen-WM-Team des eidgenössischen Spielautomatenmillionärs Walter Brun – regelmäßig gehen. Der Stammtisch wälzt stundenlang Themen des Motorsports – mit der Gelassenheit und Erfahrung aus mehr als 50 Jahren Zugehörigkeit zum Fahrerlager.

„Der Wimmer-Bertl“ war bis zum Schluss stets bei diesem Stammtisch dabei, er hat dort die Ehren und das Erbe von Niki Lauda hochgehalten. Heute morgen kam die Nachricht: „Jetzt ist er beim Niki“.

Viele in Silverstone werden gar nicht wissen, dass es diesen Todesfall gibt und wer da von ihnen gegangen ist. Denn Charakterdarsteller wie „der Wimmer-Bertl“ mit all’ seinen Verstrickungen und teilweise auch Vetternwirtschaften in der österreichischen Szene sind heutzutage nicht mehr wohlgelitten in der Formel 1. Als Lauda und sein Kumpel ihre Hochphase erlebten, war die Formel 1 noch eine andere – mit mehr Haudegen- und Heldentum und gar keiner Corporate Identity gesegnet. Begriffe wie „Compliance“, hinter sich heute die Bedenkenträger der Konzerne vor Entscheidungen drücken, waren damals noch gar nicht erfunden. Entscheidungen wurden spontan, nach Überlegung, aber ohne Einschalten von Konzerngremien und Ausschüssen gefällt. Wenn sie falsch waren, dann war das halt so – aber man hatte es wenigstens versucht. Heute trifft das Gros der Menschen lieber gar keine Entscheidungen – aus Angst, es könnte ja eine falsche sein, und das würde dann ihrer weiteren Karriere im Unternehmen im Wege stehen.

Das lähmt nicht nur die normale Wirtschaft, sondern zusehends auch die Formel 1. Und das ist genau das, was beispielsweise Sebastian Vettel in letzter Zeit so offensiv moniert, wenn er über immer weniger werdende Freude am Formel 1-Fahren klagt. Die politische Korrektheit raubt dem Sport seine Seele – und gerade für Sport, der immer auch mit Emotionen verbunden sein muss, ist das tödlich.

In England, rund um Silverstone, ist das zum Glück noch völlig anders. Hier gibt es das „Motorsports Valley“ in den Grafschaften Northamptonshire und Buckinghamshire. Und hier braucht es keinen eigenen Motorsportstammtisch nach oberbayerischer Art – die munteren Runden finden sich allabendlich in einem der vielen Pubs der Gegend wieder, wo Mechaniker und Ingenieure sich teamübergreifend zum Feierabend-Pint treffen, ehe sie dann nach Hause gehen. Wohlmeinende englische Freunde haben mich mal zu solch’ einem Szenepub mitgenommen, im kleinen Dörfchen Thornborough steht so einer. Es ist schon faszinierend, wie sich da bei Pints und Crisps die Widersprüche auflösen: Im Fahrerlager herrschen zwischen den Teams Zustände wie zwischen den beiden Dorfhälften im Asterix-Band „Der große Graben“. Doch an einem normalen Alltagabend vermischen sich die Lager, die – wer nur das Fahrerlager kennt – man für erbitterte Rivalen halten muss. In den Schwätzchen wechseln Insidergeschichten das Lager, gewürzt mit viel englischem schwarzen Humor, und man fragt sich, warum die Chefs glauben, dass die normalen Mitarbeiter nicht längst wüssten, was im Team des Anderen vor sich geht. Wahrscheinlich gehört es mit zur Entrücktheit der Chefetage von der Realität, dass sie wirklich noch meinen, sie könnten ihre Geheimhaltung pflegen.

England radiert ein Mal im Jahr diese Kontrapunkte einfach weg. Rund um Silverstone erlebt man Motorsport in Reinkultur – bis hin zur „Party in the parking lot“, wenn der „Landlord“ des Pub kurzfristig das gute Wetter ausnutzen möchte. Die Engländer wissen, wie man Motorsport zelebriert. Und sie tun das derart fachkundig, dass mich nicht wundern würde, wenn der eine oder andere sogar weiß, wer „the Wimmer-Börrrdl“ war.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 12.07.2019

    Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer

    Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landsch…
  • 11.07.2019

    Geheimwissenschaft

    Wer die Disqualifikation des Manthey-Porsche nach dem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring verstehen möchte, der muss sich zunächst mit der Balance of Performance als Gesamtkunstw…
  • 26.06.2019

    Stimmung in der Steiermark

    Allein schon der Tunnel. Wenn man normaler Weise unter einer Rennstrecke hindurch muss, um etwa von den Parkplätzen in den Innenbereich zu gelangen, bieten die Unterführungen stets…
  • 20.06.2019

    Vettel-Gate unter der Lupe

    Mächtig viel Palaver. Die Strafe gegen Sebastian Vettel beim vorigen Rennen in Montréal ist auch in Le Castellet immer noch das Topgesprächsthema. Nicht zuletzt deswegen, weil Ferr…
  • 14.06.2019

    Na also

    Die Zukunft ist klar. Ab September 2020 wird die Sportwagen-WM und damit auch das 24 Stunden-Rennen von Le Mans 2021 in der Ersten Liga mit Hypercars beschickt. Am Freitagmorgen be…
  • 13.06.2019

    Vetter-Bericht

    Die Corvette C7.R ist das mit Abstand älteste Auto im Feld der GTE-Pro-Wertung. Und die gelben Muscle Cars gehen in ihr letztes Le Mans – ab 2020 kommt die neue Mittelmotorvariante…
  • 13.06.2019

    Neues aus Hypercarhausen

    Freitag kommt alles raus. Dann werden der Le Mans veranstaltende ACO und der Weltverband FIA das neue Reglement für die Zukunft der Sportwagen-WM ab der übernächsten Supersaison vo…
  • 13.06.2019

    Toyota muss neues Auto bauen

    Sonderschichten bei Toyota: Am heutigen Donnerstag muss TMG einen neuen TS050 aufbauen. Der Wagen von Mike Conway, Kamui Kobayashi und José Mariá Lopez ist im gestrigen ersten Qual…
  • 12.06.2019

    Wo sind die Pferde?

    Dieser Motor ist Stein des Anstoßes bei den Privaten innerhalb der LMP1-Erstligisten: der Gibson-V8, mit dem seit Spa auch das Team von Dr. Colin Kolles unterwegs ist. In der noch …
  • 12.06.2019

    Und was macht das Wetter?

    Mühsam rumpelt sich der Flieger durch heftige Turbulenzen westwärts, in Richtung Paris. Mitten durch die Wolken. Normaler Weise würde der Kapitän jetzt hochziehen oder ein bisschen…
  • 11.06.2019

    Das langsame Erwachen

    Lange Zeit sah es so aus, als schaue die Zukunft des LMP1-Sports bei den 24 Stunden von Le Mans und in der Sportwagen-WM so aus wie dieses Auto hier. Doch seit vergangener Woche ha…
  • 10.06.2019

    Der Preis ist heiß

    Rechtzeitig vor Pfingsten sind die Preise für das aktuelle Gewinnspiel in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in der Redaktion eingetroffen. Seht Ihr? Das da oben sind jene E…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA