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12.07.2019

Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer


Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landschaft, dörflich-englischer Idylle und dem so unheimlich angenehmen Publikum.

Doch als heute Morgen das WhatsApp meines Telefons losdüdelte, erhielt die Vorfreude einen argen Dämpfer. Die Formel 1 hat schon wieder einen Trauerfall. Nur wenige Wochen nach dem Ableben Niki Laudas folgt einer von seinen engsten Freunden dem Österreicher auf die andere Seite: Bertl Wimmer, ein Österreicher aus der grenznahen Region zu Oberbayern, ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

Er war einer der vielen Vertreter der Fahrerlagergemeinde, die für viele oberflächliche Beobachter stets nur namenlose Adabeis gewesen sind. Doch „der Wimmer-Bertl“, wie seine Freunde aus dem Oberbayerischen ihn stets nannten, war auch einer, der über Jahrzehnte hinweg als Unikum und als tragende Säule im Hintergrund dabei war. Er war derjenige, der den jungen Niki Lauda für die Fliegerei begeistert hat – nachdem Lauda ihn zu dessen Formel 1-Jungspundzeiten kennengelernt hatte. Wimmer war damals stets im Umfeld des Austrokanadiers Walter Wolf zu finden, als der noch sein eigenes Rennteam hatte. Über diese Schiene entstand in den Siebzigern die Freundschaft zu Lauda, die beiden absolvierten Laudas erste gemeinsame Flugstunden, lachten sich später kaputt, als der eitle McLaren-Chef Ron Dennis Linie flog und zusehen musste, wie die beiden in Laudas Privatjet vor dem sauertöpfischen Engländer abhoben.

Bertl Wimmer kannte all’ die Geschichten von Niki Lauda aus erster Hand, die den tatsächlichen Charakter des Österreichers ausmachten. Und er war fester Bestandteil eines fidelen Motorsportstammtischs in Oberbayern, zu dem auch alte Haudegen wie Herbert Schnitzer – der Teamchef des gleichnamigen BMW-Werksteams – und Peter Reinisch – lange Jahrzehnte Teammanager bei Schnitzer und später beim Gruppe C-Sportwagen-WM-Team des eidgenössischen Spielautomatenmillionärs Walter Brun – regelmäßig gehen. Der Stammtisch wälzt stundenlang Themen des Motorsports – mit der Gelassenheit und Erfahrung aus mehr als 50 Jahren Zugehörigkeit zum Fahrerlager.

„Der Wimmer-Bertl“ war bis zum Schluss stets bei diesem Stammtisch dabei, er hat dort die Ehren und das Erbe von Niki Lauda hochgehalten. Heute morgen kam die Nachricht: „Jetzt ist er beim Niki“.

Viele in Silverstone werden gar nicht wissen, dass es diesen Todesfall gibt und wer da von ihnen gegangen ist. Denn Charakterdarsteller wie „der Wimmer-Bertl“ mit all’ seinen Verstrickungen und teilweise auch Vetternwirtschaften in der österreichischen Szene sind heutzutage nicht mehr wohlgelitten in der Formel 1. Als Lauda und sein Kumpel ihre Hochphase erlebten, war die Formel 1 noch eine andere – mit mehr Haudegen- und Heldentum und gar keiner Corporate Identity gesegnet. Begriffe wie „Compliance“, hinter sich heute die Bedenkenträger der Konzerne vor Entscheidungen drücken, waren damals noch gar nicht erfunden. Entscheidungen wurden spontan, nach Überlegung, aber ohne Einschalten von Konzerngremien und Ausschüssen gefällt. Wenn sie falsch waren, dann war das halt so – aber man hatte es wenigstens versucht. Heute trifft das Gros der Menschen lieber gar keine Entscheidungen – aus Angst, es könnte ja eine falsche sein, und das würde dann ihrer weiteren Karriere im Unternehmen im Wege stehen.

Das lähmt nicht nur die normale Wirtschaft, sondern zusehends auch die Formel 1. Und das ist genau das, was beispielsweise Sebastian Vettel in letzter Zeit so offensiv moniert, wenn er über immer weniger werdende Freude am Formel 1-Fahren klagt. Die politische Korrektheit raubt dem Sport seine Seele – und gerade für Sport, der immer auch mit Emotionen verbunden sein muss, ist das tödlich.

In England, rund um Silverstone, ist das zum Glück noch völlig anders. Hier gibt es das „Motorsports Valley“ in den Grafschaften Northamptonshire und Buckinghamshire. Und hier braucht es keinen eigenen Motorsportstammtisch nach oberbayerischer Art – die munteren Runden finden sich allabendlich in einem der vielen Pubs der Gegend wieder, wo Mechaniker und Ingenieure sich teamübergreifend zum Feierabend-Pint treffen, ehe sie dann nach Hause gehen. Wohlmeinende englische Freunde haben mich mal zu solch’ einem Szenepub mitgenommen, im kleinen Dörfchen Thornborough steht so einer. Es ist schon faszinierend, wie sich da bei Pints und Crisps die Widersprüche auflösen: Im Fahrerlager herrschen zwischen den Teams Zustände wie zwischen den beiden Dorfhälften im Asterix-Band „Der große Graben“. Doch an einem normalen Alltagabend vermischen sich die Lager, die – wer nur das Fahrerlager kennt – man für erbitterte Rivalen halten muss. In den Schwätzchen wechseln Insidergeschichten das Lager, gewürzt mit viel englischem schwarzen Humor, und man fragt sich, warum die Chefs glauben, dass die normalen Mitarbeiter nicht längst wüssten, was im Team des Anderen vor sich geht. Wahrscheinlich gehört es mit zur Entrücktheit der Chefetage von der Realität, dass sie wirklich noch meinen, sie könnten ihre Geheimhaltung pflegen.

England radiert ein Mal im Jahr diese Kontrapunkte einfach weg. Rund um Silverstone erlebt man Motorsport in Reinkultur – bis hin zur „Party in the parking lot“, wenn der „Landlord“ des Pub kurzfristig das gute Wetter ausnutzen möchte. Die Engländer wissen, wie man Motorsport zelebriert. Und sie tun das derart fachkundig, dass mich nicht wundern würde, wenn der eine oder andere sogar weiß, wer „the Wimmer-Börrrdl“ war.


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