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21.05.2019

Der Unverwüstliche ist gestorben


Es gibt solche Momentaufnahmen. Augenblicke aus einem Leben, die immer wieder vor dem inneren Auge auftauchen – wenn man an einen Verstorbenen zurückdenkt.

So ist es auch bei Niki Lauda, der am Montag in Zürich abgetreten ist.

Die Erinnerung, die persönlich von ihm bleiben wird, ist die knappe, fast schon brüske Art, sich am Telefon zu melden. 1997 und 1998 muss es gewesen sein, als solche Telefonate etwa alle 14 Tage zum Tagesgeschäft gehörten. Lauda war damals Fernsehexperte für die Formel 1-Übertragungen bei RTL, und wir verlegten – als Schwesterzeitschrift zum ewigen Kultmagazin „rallye racing“ – den nach jedem Grand Prix erscheinenden „Formel 1-Report“. In loser Kooperation mit dem kölschen Fernsehsender, sodass Lauda als Gastautor fürs Editorial quasi den Brückenschlag zwischen den TV-Sendungen und dem Printmagazin schaffen sollte.

Natürlich hat einer wie Lauda die Vorworte nicht selbst geschrieben. Und der Arbeitsalltag damals war ein anderer als heute, zu Zeiten von digitaler Fotoübermittlung. Man musste damals noch mit Diafilmrollen von den Grands Prix heimfliegen und dann – nach langwierigem Entwickeln und Fotoauswahl an den Leuchttischen – das Heft über Nacht bis zum Montagmorgen produzieren. Also schreiben, Texte einlaufen lassen, layouten, Bildzeilen dazu schreiben, redigieren und druckreif machen.

Entsprechend war auch die Arbeitsaufteilung: Ich war für die Recherche von Hintergrundgeschichten und für Interviews bis samstags an der Rennstrecke, reiste dann mit den ersten Filmrollen heim in die Redaktion, brachte dort Vorort-Eindrücke und theoretische Produktion unter einen Hut – und telefonierte abends nach dem Rennen mit Niki Lauda, um mir Stoff als Ghostwriter für dessen Editorial abzuholen.

Die Abläufe waren immer dieselben. Mobiltelefone waren gerade erst dabei, en vogue zu werden. Und Lauda hatte zwar eines, war aber kein Fan von hohen Telefonkosten. Wie er ohnehin unnötige Ausgaben immer verabscheut hat. Essen, zu denen er eingeladen wurde, haben ihm auch immer am besten geschmeckt.

Also mussten wir auf die Minute genau festlegen, wann ich ihn anrufe. Dann knackte ein kurzes „Ja, hallo“ aus dem Hörer – und schon hatte man ein schlechtes Gewissen. Denn die knappe Art, sich zu melden, suggerierte immer: Man stört, Niki Lauda hat eigentlich keine Zeit.

Und es flößte einem auch immer wieder Respekt ein.

In den nächsten Tagen werden sicher alle möglichen Eckdaten seines bewegten Lebens in allen möglichen Nachrufen geschrieben werden: Sohn reicher Industrieller, die ihn zu einer bürgerlichen Lebensform bringen wollten; Schulabbruch; Lehre zum Mechaniker wegen Tollpatschigkeit bei der Drehrichtung einer Ölablassschraube verhagelt; erste Bergrennen mit einem österreichischen Mini-Piloten, den er vergöttert; Flucht nach vorn vor den selbsternannten Wilden aus der Formel 3 mit Krediten in höhere Klassen; erster Sieg 1974, Weltmeister 1975, Feuerunfall, letzte Ölung, dem Tode entronnen 1976; abrupter Rücktritt; Comeback, auch weil er Geld für den Aufbau einer Fluglinie braucht; neuerlicher Titelgewinn, Rücktritt; gnadenloser Einsatz bei der Absturz seines Jumbojets über Thailand; Strippenzieher als „Piccolo Commendatore“ bei Ferrari; Abgang nach Intrigen; dito als Teamchef bei Jaguar; Aufsichtsrat bei Mercedes-Formel 1; Kampf gegen Lufthansa und Co. im Ringen um die Air Berlin-Zukunft; Tod nach Komplikationen mit den noch recht frisch transplantierten Lungenflügeln.

Doch die Fakten beschreiben den Mann nur höchst unzureichend. Zwar ist Lauda in allen Haushalten – nicht nur motorsportinteressierten – präsent gewesen wie die englischen Royals, und sein Tod hat ähnliche Betroffenheit ausgelöst wie jeder von Prinzessin Diana. Doch um das Phänomen Lauda zu verstehen, muss man ihn erlebt haben.

Denn Lauda hatte viele Gesichter. Bei den Fernsehsendungen kam er stets schnoddrig, fast schon eine Spur prollig rüber. Das war die Rolle, die RTL ihm zugedacht hat – und die er perfekt ausfüllte. Denn Lauda hat es Zeit seiner Karriere auch immer verstanden, sich medial in Szene zu setzen. Er hat aus seinem Schicksal und seiner Hartleibigkeit auch seine eigene Heldengeschichte inszeniert – oft bewusst, manchmal aber auch nur, weil einer wie Lauda sich alles erlauben kann.

Unkonventionell aber war er auch schon vor seinem Unfall. Seine Zielstrebigkeit, seine nüchterne Emotionslosigkeit und seine kalkulierte Risikobereitschaft haben ihn zu einer Ausnahmeerscheinung gemacht. Vor dem Unfall 1976 hat er damit polarisiert – nach dem Inferno hat er damit rundweg begeistert. Denn ab da war er ein Phänomen mit allen Freiheiten.

Die schonungslose Ehrlichkeit hat ihn zu einem gefragten Gesprächspartner im Fahrerlager gemacht. Bei Journalisten ebenso wie bei Team-, Sponsoren- oder Industrievertretern. Und er hat all’ das stets für seine Zwecke ausgenutzt. Aber auf eine Art, von der am Ende alle was hatten.

Ein klassisches Beispiel: das Umgehen von Hierarchien. Früher schon, aber heute noch vielmehr, scheitern viele gute Ideen an unteren und mittleren Etagen, in denen die Mitarbeiter lieber keine Entscheidung treffen – als eine falsche, die ihre eigene Karriere gefährden kann. Lauda hat das früh gemerkt – und im Zweifel immer ganz oben vorgesprochen, auch auf die Gefahr hin, die mittlere Etage gegen sich aufzubringen.

Da er mit seinen Vorschlägen meistens recht hatte, mussten die bloßgestellten Bedenkenträger in der Regel die Faust in der Tasche ballen. So hat er es bis zum Ende gehalten: Wichtige Entscheidungen werden ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt. Im Alleingang oder mit den richtigen Verbündeten. Siehe die Verpflichtung von Lewis Hamilton bei Ferrari. Dort hat er es sogar in Kauf genommen, das Idol Michael Schumacher vom Sockel zu kippen. Weil es für nötig befand.

Nicht jeder konnte mit dem Tempo und den Alleingängen Laudas Schritt halten. Die ewige Gehetztheit, auch am Telefon, ist ein Zeugnis des Gefragtseins, der Omnipräsenz, die aus Lauda einen Übermenschen gemacht hat.

Aber die brüske, harsche Linie hat er auch in allen Gesprächen gefahren. Nichts fand er ärgerlicher, als wenn man sich mit ihm übers Wetter unterhalten wollte – weil er daran eh’ nichts ändern konnte. Smalltalk war ihm ein Graus, weil Zeitverschwendung; in den Minuten konnte er sinnvolleres schaffen.

Ebenso sind ihm die Debattierklubs auf den Geist gegangen, zu denen Strategie- oder andere Briefings bei einem großen Team wie Mercedes zwangsläufig ausarten. Er hat dann auf den Tisch gehauen und die Konferenzen wieder eingefahren – mit schlitzohrigem Humor, aber sehr deutlich und zielführend.

Ernst Happel galt zu HSV-Zeiten als „der Grantler aus Wien“. Lauda war nicht weit davon ab, nur nicht ganz so dauermürrisch. Und seinen schwarzen Humor, der durch das Feuer 1976 noch ein bisschen mehr angekokelt zu sein schien, musste man auch erstmal verstehen. Sonst fühlte man sich von ihm zu Unrecht auf den Schlips getreten.

Lauda war das im Zweifel egal. Er war er.

Und über all’ dem wirkte er unverwüstlich. Nicht unsterblich, dazu hat er die Öffentlichkeit auch zu sehr an seinen Nieren- und Lungentransplantationen teilhaben lassen, genau wie an den Folgen seiner in Brasilien auf eigenes Drängen früh vorgenommenen Hauttransplantation. Aus medizinischer Sicht waren die Verpflanzungen beim südamerikanischen Spezialisten zu früh für optisch bessere Resultate. Lauda war’s egal. Alles musste schnell gehen. Damals schon. Und bis zuletzt.

Die Unverwüstlichkeit hinterließ den Eindruck: Niki Lauda war schon immer da, als Unikum und Phänomen. Und er wird immer da sein.

Jetzt ist der Unverwüstliche gestorben.


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